01.06.2015
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Interview mit James Dyson, Erfinder und Designer

James Dyson, Brite und Jahrgang 47, ist einer der bekanntesten Erfinder der Welt. Er revolutionierte den Staubsauger fast einhundert Jahre nach dessen Erfindung. Durch seine patentierte Doppelzyklon-Technik löste er das Problem, dass ein Staubsauger Saugkraft verliert, weil der Schmutz die Poren im Staubbeutel verstopft. Das Zyklonprinzip nutzt den Effekt aus, dass rotierende Luft, die durch einen Trichter geschickt wird, schneller wird. Dadurch entsteht eine Saugkraft, die selbst winzigste Schmutzpartikel anzieht. Zentrifugalkraft schließlich sorgt dafür, dass der Schmutz in einem Sammelbehälter landet. Dysons Sauger wurden mehrfach ausgezeichnet und stehen in Museen rund um die Welt, unter anderem in London, San Francisco und Sydney. In Köln kann man sie im Museum für angewandte Kunst bestaunen - und natürlich im ausgesuchten Fachhandel. Außer Staubsaugern hat James Dyson auch eine Schubkarre entworfen, die auf einem Ball statt auf einem Rad rollt, einen “Sea Truck“, einen “Trolleyball“ und ein “Wheelboat“ ein Fahrzeug mit großen breiten Rädern, das auf dem Wasser so gut fährt wie auf dem Land.

Innovation aus Frust

Wie kamen Sie auf die Idee eines Staubsauger mit Zyklontechnik?

Das war 1978. Wir produzierten zu der Zeit gerade den Ballbarrow, die Schubkarre, die auf einer Art Gummiball läuft. Im Lackierraum musste die Luft regelmäßig von feinen Farbpartikeln gereinigt werden. Dazu gab es eine Absauganlage, mit einem Gebläse und einem großen Stoffsack als Filter, der jede Stunde verstopfte, weil er voll war. Er verlor seine Saugkraft und musste deshalb ausgetauscht werden. Das unterbrach regelmäßig unsere Arbeit.

Frust als Antrieb für eine Verbesserung?

Ja, das wurmte mich. Abhilfe konnte nur ein großer industrieller Zyklon-Absaugturm bringen, der auf dem Prinzip der Zentrifugal-Kraft basiert. Der kostete aber 75.000 Pfund. Die Sägemühle in der Nähe meiner Firma hatte einen und so schnüffelte ich dort ein bisschen rum, machte ein paar Skizzen und entschloss mich, selber einen zu bauen. Am Ende hatte ich meine eigene Absauganlage. Dann fiel mir ein, dass ich damit auch das Problem bei meinem ständig verstopften Staubsauger lösen könnte. So begann ich mir Gedanken über einen Staubsauger mit Zyklontechnik zu machen.

Sie brauchten genau 5127 Prototypen bis zur endgültigen Version. Haben Sie die wirklich alle gezählt?

Das hat mit meiner Methode zu tun. Ich gehe nach einem empirischen Ansatz an ein Problem heran. Das bedeutet, das ich bei jedem Schritt immer nur eine Veränderung vornehme, die auch genau protokolliert wird. Daher kenne ich die genaue Zahl. In unserer Firma arbeiten wir immer so. Zunächst musst du verstehen, was das eigentliche Problem ist, was dahinter steckt. Dann versuchst du es mit einer neuen und besseren Technologie zu lösen. Erst wenn du das Problem beseitigt hast, widmest Du dich dem nächsten.

Erfolg durch Hartnäckigkeit

Klingt auch nach unzähligen Fehlversuchen. Wie überstehen Sie die Zeiten, in denen Sie überhaupt nicht weiterkommen?

Ich bin ein sehr hartnäckiger Mensch und gebe nicht so leicht auf. Ich war immer überzeugt, dass die Menschen einen Staubsauger wollen, der seine Saugkraft nicht verliert, und ich war fest entschlossen, dieses Problem ein für alle mal zu lösen. Das brachte mich weiter. Ich glaube, die wichtigsten Eigenschaften, um erfolgreich zu sein, sind Hartnäckigkeit und der echte Glaube an sein Produkt. Auch das Gefühl, dass andere Menschen den selben Frust mit ihrem Staubsauger erleben wie ich, war ein ständiger Antrieb. Ich wollte das ändern.

Spielte Zufall eine Rolle?

Ja klar, wie das Beispiel mit der Absauganlage der Ballbarrow-Anlage zeigt. Das richtige Timing ist auch wichtig.

Hatten Sie in den fünf Jahren niemals Zweifel oder Angst, dass Sie scheitern könnten?

Eigentlich nicht. Man muss selber absolut überzeugt sein von seiner Idee. Ich schätze mich aber auch glücklich, Freunde und vor allem eine Familie zu haben, die mich sehr gut unterstützen. Meine Familie interessiert sich sehr für mein Geschäft, sie sind auch alle selber sehr kreativ. Meine Frau malt, meine Tochter arbeitet in einer Firma, die Bettwäsche entwirft, der eine Sohn ist Produktdesigner und der andere ein aufstrebender Rockstar!

Passiert Ihnen das öfter, dass Sie ein Allerweltsprodukt sehen und denken: das könnte man besser machen?

Ich ärgere mich jedes Mal, wenn ich ein Produkt in Händen halte, das nicht sauber arbeitet, das unpraktisch ist oder schwierig zu bedienen. Bei vielen dieser so genannten Design-Produkte geht es nur um das Styling. Tatsächlich gibt es selten echte Innovationen. Sie sehen anders aus als ihre Vorgänger, arbeiten aber nicht unbedingt besser.

Beispiele?

Da möchte ich keines herausheben.

Patent-Probleme

Welche Erfindung finden Sie denn besonders gelungen?

Einer meiner absoluten Favoriten ist vulkanisierter Gummi. Den hat 1839 Charles Goodyear ersonnen. Der Prozess des Vulkanisierens macht aus Kautschuk erst guten, brauchbaren Gummi, den wir in einer ganzen Palette verschiedener Produkte finden. Das reicht vom Autoreifen bis zum Kondom. Goodyear ließ sein Verfahren 1843 patentieren, starb aber mit vier Millionen Pfund Schulden - nach heutigen Maßstäben -, weil er es nicht schaffte, andere daran zu hindern, sein Patent zu unterwandern.

Das Patentrecht scheint heute nicht besser zu sein, zumindest kritisieren Sie es immer wieder. Was ist falsch am Patentrecht?

Es ist ungerecht. Ein Erfinder muss jedes Jahr und in jedem Land, in dem sein Produkt verkauft wird, sein intellektuelles Eigentum auf´s Neue schützen lassen. Das ist extrem teuer und einfach unfair. Sehen Sie, das Werk eines Künstlers oder eines Schriftstellers ist urheberrechtlich geschützt und das weit über den Tod hinaus und er muss keinen Pfennig dafür bezahlen. Technische Erfindungen können gerade mal 20 Jahre lang durch Patente geschützt werden. Und selbst wenn Sie ein Patent auf eine Idee haben, gibt es keine Garantie, dass andere sie nicht doch abkupfern. Es ist ein falsche Vorstellung, dass Patentamt würde dann wie ein strahlender Ritter deine Erfindung verteidigen. Patentstreitigkeiten sind der absolute Horror. Ich habe das gerade hinter mir. Wir waren im Clinch mit Hoover, einem der weltweit führenden Staubsaugerproduzenten.

Wie ist es ausgegangen?

Das hat uns mehr als zwei Jahre und eine Menge Geld gekostet. Aber am Ende haben wir dann doch gewonnen. Hoover brachte vor drei Jahren einen Staubsauger heraus, bei dem ein entscheidendes Patent unseres Dual Cyclone geklaut war. Aber wir haben ein Gericht gefunden, dass uns Recht gab und Hoover den Verkauf untersagt hat.

In Ihrem Buch “Against the odds“ beschreiben Sie, wie Sie zum x-ten Mal in einer Firma Ihren Staubsauger vorstellen und einer der Direktoren meint: “James, wenn die Idee gut wäre hätte sie Hoover oder Electrolux doch längst umgesetzt.“ Solche Geschichten hört man öfter von Erfindern. Was ist los mit den großen Firmen?

Nach meiner Erfahrung sind Firmen durchaus an neuen Ideen interessiert, aber sie scheuen das Risiko und Produkte, die eigenartig und anders erscheinen. Es ist sehr schwer einen Vorstand zu überzeugen, dass eine ihm unbekannte, völlig neue Technologie erfolgreich sein wird. Ein guter Entwickler hat seine eigenen Ansichten und folgt seiner Intuition, aber damit kann man schwerlich andere überzeugen. Das Problem ist, dass man nicht alles mit Zahlen und Berechnungen belegen kann wie ein Buchhalter.

Einheit von Design und Technik

Was unterscheidet den Ingenieur vom Designer?

Ich finde, das sollte man gar nicht so trennen. Design sollte technische Entwicklung mit einschließen und umgekehrt. Die Menschen verbinden heute Design vor allem mit dem Styling. Wir bei Dyson betrachten Design und Entwicklung als eine Einheit. Es geht uns eben nicht nur um das Aussehen. Deshalb arbeiten allein in unserer Forschungs- und Entwicklungsabteilung 350 Wissenschaftler und Ingenieure.

Und Sie selbst: Sind sie eher Designer oder Entwickler?

Ich habe zwar Design am Royal College of Art in London studiert, aber irgendwann merkte ich, wie sehr mich auch die technische Entwicklung eines Produkts interessiert. Deshalb verfolgte ich diese Richtung mit der Zeit immer weiter.

Haben Sie ein Vorbild unter den vielen Erfindern dieser Welt?

Buckminster Fuller gehört dazu, ein britischer Ingenieur. Er war meiner Meinung nach einer der innovativsten Designer des 20. Jahrhunderts. Er erfand das Prinzip der Traglufthallen, also die Möglichkeit riesige, selbsttragende Hallen ohne störende Pfeiler im Innenraum zu bauen.
Ein anderes Vorbild ist André Citroën, der das erste wirklich moderne Auto entwarf, den Deux Chevaux oder 2CV. (die “Ente“, Anm. d. Red.) Als er 1948 herauskam, gab es nichts vergleichbares. Er war preiswert, solide und hatte eine wirklich exzellente Federung.

Und wieso sieht der Dyson so schön aus wie ein iMac?

Andersherum ist es richtig. Wir bauten das Modell DC02 Clear, bei dem wir durchsichtigen Kunststoff einsetzten. Wir wollten den Leuten die ganze Technologie zeigen, die in unserem Gerät steckt. Jonathan Ives, der Designer des iMac, sah damals unseren Staubsauger und fragte, ob wir ihm einige Exemplare schicken könnten. Später rief Steve Jobbs an, der Chef von Apple, und fragte, ob sie noch mehr davon haben könnten. Dann brachten sie den iMac auf den Markt. Wir von Dyson waren die ersten, die durchsichtigen Kunststoff in Haushaltsgeräten verwendeten.

Das Interview führte Marcus Anhäuser.

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