01.06.2015
Total votes: 108
wissen.de Artikel

Die neuen faulen Deutschen?

Eine Bestandsaufnahme

Stefan Effenberg, Fußballmillionär in Diensten des FC Bayern München, hat unlängst öffentlich dafür plädiert, Arbeitslosen die Unterstützung zu kürzen, um sie zur Arbeit zu bewegen - und ist dafür prompt von der Öffentlichkeit abgewatscht worden. Als vor gut einem Jahr Gerhard Schröder, der Spielmacher der Bundesregierung, ähnliches proklamierte, waren zwar Proteste zu hören, aber bei weitem nicht so massiv wie heute.

Arbeitslosengeld kürzen - hat Stefan Effenberg recht?

Es liegt noch nicht lange zurück, dass sich der Bundeskanzler zum Thema Arbeitslosigkeit äußerte. Es gäbe kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft, ließ er im April letzten Jahres in der Bild-Zeitung verlauten. Wer arbeiten könne, aber nicht wolle, der dürfe auch nicht mit Solidarität rechnen. So steht es auch in unserem Sozialgesetzbuch, das Faulenzertum durchaus ahndet. Wer sich wiederholt Vermittlungsbemühungen widersetzt und Umschulung oder Fortbildung ablehnt, dem kann jegliche Arbeitslosenunterstützung auf Dauer entzogen werden. Eigentlich muss sich also niemand Sorgen machen, dass sich ein Heer von Faulenzern auf Kosten der rechtschaffend Erwerbstätigen vergnügt. Dennoch bewegt das Thema immer wieder die Gemüter.

Faulenzen lohnender als Arbeiten?

Unter Experten besteht indes kein Zweifel darüber, dass die “Sozialschmarotzer“ allenfalls eine Randerscheinung in der Arbeitslosenstatistik sind. Allerdings beklagen viele zugleich die Paradoxien unseres Sozialsystems. So bekommen Sozialhilfeempfänger beispielsweise ein Kindergeld von bis zu 250 Euro, während es bei einem Arbeitnehmer unter den gleichen Umständen nur etwa 140 Euro sind. Derartige Ungereimtheiten in der Gesetzgebung führen dazu, dass an sich arbeitswillige Mütter und Familienväter der unteren Lohngruppen nicht selten feststellen müssen, dass sie mit einem Job unter dem Strich schlechter wegkämen.

Menschen im besten Alter der Erwerbstätigkeit, die nicht zu Hause herumsitzen wollen, sehen den zweifelhaften Ausweg aus diesem Dilemma leider immer öfter in der Schwarzarbeit - und werden in den offiziellen Statistiken unter „arbeitslos“ geführt. Die Aussagekraft der Arbeitslosenstatistik wird ohnehin immer stärker angezweifelt. So stehen über 50% der Arbeitssuchenden schon nach wenigen Wochen wieder in Lohn und Brot, bleiben aber der Statistik noch für einige Zeit als Arbeitslose erhalten. Einen erheblichen Prozentsatz machen auch Nicht-Vermittelbare über 55 Jahre aus, die im Grunde nur eine gewisse Zeit bis zur Frührente überbrücken.

Deutschland 2020 - ein Freizeitpark?

Das renommierte Massachusetts Institut of Technology hat unlängst vorausgesagt, dass sich durch die globale Vernetzung bald bis zu 80% aller Arbeitsplätze aus den Industriestaaten auslagern ließen. Andere Prognosen gehen davon aus, dass der Anteil der in der industriellen Fertigung Tätigen im Jahr 2020 nur noch 2% betragen wird. Schon heute gingen auf einen Schlag 9 Millionen Arbeitsplätze verloren, würden alle technischen Möglichkeiten ausgeschöpft. Dies betrifft im übrigen auch den Dienstleistungssektor: Vom Buchkauf über das selbst ausgedruckte Bahnticket bis hin zur Anmeldung des neuen Wagens - alles lässt sich bereits online regeln.

Es besteht kein Zweifel, dass der Anteil der Arbeitszeit zugunsten der Freizeit weiterhin abnehmen wird. Aber was dann? Wird aus dem fleißigen Deutschland dann ein riesiger Freizeitpark? Oder droht uns ein riesiges Heer von verelendeten Arbeitslosen? Der Bedarf an kreativen Gesellschafts- und Arbeitsmodellen, die diese Entwicklung auffangen könnten, ist groß. Politiker und Wissenschaftler, die sich diesem Thema verschrieben haben, werden in nächster Zeit jedenfalls genug zu tun haben.