21.05.2015
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Wohnen im Imperium romanum

Siedlungsformen in den Nordwestprovinzen

Bei den römischen Siedlungen im europäischen Nordwesten lassen sich Städte, Dörfer oder Einzelgehöfte unterscheiden. Kriterien für die Klassifizierung sind die Größe der Siedlung, ihre wirtschaftliche, politische und verwaltungstechnische Bedeutung und vor allem ihr rechtlicher Status. Größere Ansiedlungen mit besonderer wirtschaftlicher oder politischer Bedeutung wurden häufig mit dem Stadtrecht ausgezeichnet.

Städte

Welche Siedlung zu römischer Zeit als Stadt bezeichnet wurde, entschied letztlich ihr rechtlicher Status. Die Koloniestädte besaßen römisches Recht, wodurch ihre Bürger dieselben Rechte wie die Bürger Roms hatten. Die Munizipien dagegen waren Städte latinischen Rechts, ihre Bürger besaßen weniger Rechte.

Die Mehrzahl der Städte in den römischen Nordwestprovinzen geht auf Neugründungen durch die Römer zurück. Meist besaßen sie ein rechtwinkelig angelegtes, befestigtes Straßensystem, das typisch für eine römische Planstadt war. Die einzelnen Blöcke, die durch die sich im rechten Winkel schneidenden Straßen entstanden, hießen insula (Insel). Eine insula umfasste in der Regel mehrere Häuser.

Die städtebauliche Planung schloss die Errichtung bestimmter Bauten und Einrichtungen von vornherein ein. Dazu gehörten zum Beispiel - möglichst im Zentrum der Stadt - ein Forum als Versammlungsplatz und Ort der Gerichtsbarkeit, ein Gebäude für die Versammlung der Ratsherren der Stadt, die curia, sowie Heiligtümer für die kapitolinische Trias und den Kaiserkult. Daneben gab es große Marktplätze oder Markthallen - die Orte des wirtschaftlichen Lebens - sowie öffentliche Bäder, Theater und Amphitheater zur Unterhaltung der städtischen Bevölkerung. Die Anlage einer Kanalisation war Standard in einer römischen Stadt und bezeugt den hohen zivilisatorischen Standard.

Städte waren überregionale Zentralorte mit wirtschaftlich herausragender Bedeutung. Das wirtschaftliche Wohlergehen der Städte zeigte sich auch an öffentlichen Gebäuden und Monumenten, die aus Stein oder kostbarem Marmor errichtet wurden. Finanziert wurden diese Bauten in der Regel von den Bürgern selbst. Viele prachtvolle Wohnhäuser bezeugten langanhaltende Blütephasen im regionalen und überregionalen Handel.

Vici - Die dörfliche Siedlung

Die Bezeichnung vicus kann sich auf Siedlungen ganz unterschiedlicher Größe beziehen - von der Straßenzeilensiedlung bis zur stadtähnlichen Anlage. Oft fehlt aber die übergreifende Stadtplanung und das rechtwinkelige Straßenraster.

Häufig bildete sich vor den Toren eines befestigten Auxiliarkastells (Lager von Hilfstruppen) eine Zivilsiedlung, ein Kastellvicus, in der anfangs die Familien der Soldaten, Handwerkern und Kaufleuten lebten. Die wirtschaftliche Grundlage dieser Siedlungen bildeten zunächst die im Kastell stationierten Soldaten, die ihren Sold für Waren und Dienstleistungen ausgaben, die im vicus zu bekommen waren.

Bodenschätze und ihre Weiterverarbeitung bildeten oft die Basis für eine Siedlungsgründung. Vici entstanden um Töpfereien oder Erzhütten, auch gut besuchte Heil- oder Thermalquellen konnten der Grundstein einer Dorfbildung sein.

In ihrem Erscheinungsbild unterschieden sich die vici von den Städten. Zwar standen in manchen vici große öffentliche Gebäude wie Theater oder Thermen, die Regel war dies jedoch nicht. Ihre typische Bebauung bestand aus Streifenhäusern, die längs ausgerichtet waren und eng nebeneinander lagen. Ein- oder zweistöckig waren sie in der Mehrzahl in Fachwerktechnik errichtet - nur selten waren sie aus Stein gebaut. Ihre Schmalseiten lagen zur Straße hin, wo eine Werkstatt oder ein Ladenlokal eingerichtet war. Im mittleren und hinteren Gebäudeteil befand sich der private Bereich, in dem Wohn-, Schlaf- und Vorratsräume sowie die Küche untergebracht waren.

Villae Rusticae - Die Einzelgehöfte

Einzelne Gutshöfe - villa oder villa rustica genannt - erschlossen das Hinterland der Städte und Dörfer. Anders als heute handelte es sich bei diesen „Villen“ um landwirtschaftliche Betriebe, die vor allem Ackerbau und Viehzucht betrieben und durch eine Mehrproduktion die umliegende Region mit ihren Produkten versorgten. Verkauft wurden Getreide, Gemüse, Obst, Milch, Fleisch und manchmal auch handwerkliche Produkte aus eigener Produktion. Wo es möglich war, betrieb man auch den Abbau und die Weiterverarbeitung von Bodenschätzen, wie z.B. Stein- oder Metallvorkommen.

Die einzelnen Villen waren in ihrer Größe sehr unterschiedlich. Es gab sehr große, prunkvoll ausgestattete Anlagen mit einem Haupt- und mehreren Nebengebäuden. Daneben gab es mittlere und kleinere Gehöfte, die möglicherweise in Abhängigkeit zu den großen Villen standen. Letztere waren aufgeteilt in pars urbana (städtischer Bereich) und pars rustica (landwirtschaftlicher Bereich). Die pars urbana beinhaltete das Wohn- und Verwaltungsgebäude, das häufig mit Mosaiken, Wandmalerei und anderen repräsentativen Einrichtungen ausgestattet war. Diese Einrichtung orientierte sich an den gängigen Standards der reichen Häuser in den großen Städten, insbesondere Roms.

Die Villa von Bad Kreuznach, die 1893 entdeckt und in den 1970er Jahren systematisch ergraben wurde, ist ein Beispiel für das Hauptgebäude eines großen Gutshofes in den Nordwestprovinzen. Dort sind heute noch zwei Mosaike mit Gladiatorenszenen bzw. Meeresthematik von hervorragender Qualität zu besichtigen, die zwei Räume der Villa zierten und sicherlich repräsentative Funktionen hatten.

In Borg im Saarland hat man das Hauptgebäude einer Villa in Originalgröße wieder aufgebaut. Es zeigt einen typischen Grundriss mit einem quergelagerten Mitteltrakt und zwei an den Seiten vorspringenden Flügeln und bietet einen guten Eindruck von der Größe einer solchen Anlage.

Zu solch großen Gutshöfen gehörte auch ein eigenes Gräberfeld, wo zur Repräsentation oftmals sehr aufwendige Grabmäler errichtet wurden. Auf dem Gelände der Villen finden sich häufig auch eigene kleine Tempelanlagen. Eines der äußerst seltenen Beispiele für eine Anlage, zu der ein Gräberfeld und ein Tempel entdeckt werden konnten, ist die Villa von Newel in der Nähe von Trier. Dort konnte ca. 90 m von Wohn- und Wirtschaftsgebäuden entfernt ein Gräberfeld freigelegt werden, das direkt an der Straße angelegt worden war. Dort hatten die Besitzer der Villa vier Hügelgräber (tumuli) sowie ein Grabdenkmal und an den Grabbezirk angrenzend einen gallo-römischen Umgangstempel errichten lassen. Diese Bauten waren für jeden Vorbeikommenden nicht zu übersehen und verwiesen auf den Reichtum und das kultivierte Ambiente der Villenbewohner.

Einfluss der Römischen Siedlungen

Alle drei beschriebenen Siedlungsformen waren Teil des Lebens in den Nordwestprovinzen zur Zeit der römischen Herrschaft. Das Besondere an Städten, Dörfern und Einzelgehöften in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung war die Gestaltung der einzelnen Siedlungsformen, die sehr stark von den Römern und ihrer systematischen Form der Landerschließung geprägt waren. In den Nordwestprovinzen übernahm man den Städtebau, die Infrastruktur und die Verwaltungsorganisation der Römer mehr oder weniger unverändert, was die Lebensformen der einheimischen Bevölkerung in hohem Maße beeinflusst und nachhaltig verändert hat.

Bibliografie

Th. Fischer, Die Römer in Deutschland (2000)

L. Wamser, Die Römer zwischen Alpen und Nordmeer. Zivilisatorisches Erbe einer europäischen Militärmacht, Katalog zur Landesausstellung des Freistaates Bayern in Rosenheim 2000 (2000)