01.06.2015
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Schüler in der Lernkrise

Immer mehr Schüler schwänzen Unterricht

Köln (dpa) - Deutschlands Schüler schwänzen nach Einschätzung von Bildungsexperten zunehmend den Unterricht. Diese Tendenz belegt eine am Rande der “Bildungsmesse 2002“ in Köln vorgelegte Studie von Kölner und Freiburger Wissenschaftlern.

Acht Prozent von mehr als 1800 befragten Schülern gaben an, sich regelmäßig vor dem Unterricht zu drücken. Bei Hauptschülern waren es 15 Prozent, bei Realschülern sechs und bei Gymnasiasten fünf Prozent.

“Die soziale Lage der Eltern und distanzierte Eltern-Kind-Beziehungen sind ein starker Risikofaktor. Scheidungskinder schwänzen besonders oft“, sagte der Soziologe Michael Wagner. Der Experte warnte vor einem “Trend der Schulverweigerung“. Gerade die 12- bis 17-jährigen Schulmüden seien stark gefährdet, auf die schiefe Bahn zu geraten. “Bedeutsam erscheint mir, dass zwei Drittel der Schwänzer Freunde haben, die Drogen nehmen, prügeln und in Geschäften stehlen“, betonte Wagner vom Forschungsinstitut für Soziologie der Universität Köln.

Jugendliche sind politisch kaum interessiert

Stuttgart (dpa) - Jugendliche wollen sich heutzutage gesellschaftlich engagieren, zeigen dabei aber kaum Interesse an Politik. Das ist das Ergebnis einer bundesweiten Jugendstudie der IG Metall, die in Stuttgart vorgestellt wurde.

Es könne durchaus von einer “politischen Verwahrlosung“ gesprochen werden, sagte Josef Held, Co-Autor der Studie und Mitarbeiter am Institut für Erziehungswissenschaften an der Universität Tübingen. Befragt wurden mehr als 1000 Jugendliche, die meisten von ihnen um die 19 Jahre alt. Unter Politik würden die Jugendlichen inzwischen nur noch die Arbeit der Politprofis in den Parteien verstehen.

Die jungen Leute sind selbst am liebsten in Vereinen (59 Prozent) und Jugendeinrichtungen (26 Prozent) aktiv. Gewerkschaften (11 Prozent) und Parteien (5 Prozent) rangieren erst am Ende der Liste. Spaß und persönliche Interessen stehen bei jedem Engagement im Vordergrund. Die untergeordnete Rolle politischer Themen könne vielleicht damit erklärt werden, dass an den Schulen zu wenig darüber diskutiert würde, meinte Held. Oft mangele es den Jugendlichen auch an Information.

Arbeit komme für eine Mehrheit der befragten Jugendlichen noch vor Freizeit. “Mehr als zwei Drittel haben ihren Wunschberuf gewählt“, sagte Held. Allerdings sei die Identifikation mit dem Arbeitsplatz geringer als früher. Der Grund liege darin, dass Jugendliche verstärkt damit rechnen, den Arbeitgeber auch mal zu wechseln.

“Gewerkschaftliche Jugendarbeit muss pragmatischer werden“, kommentierte der baden-württembergische IG Metall-Bezirksleiter Berthold Huber die Ergebnisse der Studie. “Wir haben zu berücksichtigen, dass politisches Handeln von Jugendlichen heute weniger ideologie- und kritikgeleitet ist.“ Die Bereitschaft, sich zu organisieren, sei in der jungen Generation aber weiterhin vorhanden. Die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder bis 25 Jahre kletterte im Südwesten innerhalb von vier Jahren von 41 526 auf 44 301 Ende 2001.

Junge Leute lesen immer weniger

Baden-Baden (dpa) - Deutschlands Jugend liest nach Einschätzung von Medienexperten immer weniger und oberflächlicher. Die jungen Leute neigten dazu, Texte nur noch zu überfliegen, hieß es auf einer Podiumsdiskussion zum Abschluss der Jahrestagung der Presse-Grossisten in Baden-Baden.

Die Ungeduld kommt nach Umfrage-Ergebnissen des Instituts für Demoskopie in Allensbach vom Zappen durch die Vielfalt der Fernsehprogramme. So gaben 48 Prozent der befragten 15- bis 18-Jährigen an, Lesen würde zu viel Zeit kosten.

Nach Einschätzung von Allensbach-Geschäftsführerin Renate Köcher ist das Fernsehen für die Jugendlichen vor Radio und Internet das Medium, auf das sie am wenigsten verzichten möchten. Nur 44 Prozent der unter 30-Jährigen sind heute noch der Ansicht, man sollte regelmäßig Zeitung lesen. Die Tendenz zeige weiter nach unten, warnte Köcher die Verleger und Grossisten. Vor allem das Internet wird nach ihrer Einschätzung langfristig Teilsegmente der Printmedien ersetzen.

Bestimmte Informationen wie Börsenkurse werden nach Auffassung der Demoskopin ganz aus den Printmedien verschwinden, weil sie im Internet aktueller abrufbar seien. Köcher empfahl den Printmedien, sich auf ihre Stärke zu besinnen und Informationen zu vertiefen, die ihre Kunden aus dem Fernsehen oder aus dem Internet erhalten haben.

Nicht hilfreich seien das immer größer gewordene Angebot auf dem Zeitschriftenmarkt und der Versuch, Leser durch qualitativ minderwertigere Billigangebote zu ködern.

Leseschwäche oft verborgen

Schwerin (dpa) - Die durch die internationale Vergleichsstudie “PISA“ aufgedeckten Leseschwächen deutscher Schüler bleiben den Lehrern meist verborgen. Nur elf Prozent der Schüler mit eklatanten Problemen in Deutsch seien von den Pädagogen auch als solche eingestuft worden, sagte der PISA-Koordinator für Mecklenburg- Vorpommern, Uwe Feiste, am 05. März 2002 auf einer Konferenz in Schwerin.

Bildungsminister Peter Kauffold (SPD) kündigte an, dass im neuen Lehrerbildungsgesetz, das derzeit in Arbeit sei, die PISA-Ergebnisse berücksichtigt werden sollen. Die Hochschulen und Einrichtungen zur Weiterbildung seien sich der Verantwortung bewusst, den Lehrern ein zeitgemäßes Handwerkszeug zur Vermittlung von “handlungsorientiertem Wissen“ mit auf den Weg zu geben. «In die Fort- und Ausbildung der Lehrer muss investiert werden», forderte Wolfgang Sucharowski von der Landesarbeitsgruppe PISA.

Die internationale Vergleichsstudie PISA der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hatte im Dezember 2001 erhebliche Mängel im deutschen Bildungssystem offenbart. So erreichten unter 32 OECD-Staaten Deutschlands Schüler beim Lesen nur das untere Mittelfeld und schnitten auch in Mathematik und Naturwissenschaften nur unterdurchschnittlich ab.

Kauffold warnte davor, auf die schlechten Ergebnisse mit Aktionismus zu reagieren. Stattdessen sei eine kontinuierliche Entwicklung notwendig, die Mecklenburg-Vorpommern mit dem neuen Landeshochulgesetz begonnen habe. Nach Angaben des Ministers werden Ende Juni die Ergebnisse der PISA-Studie für die einzelnen Bundesländer vorliegen. Bereits im April und im Mai werde auf Regionalkonferenzen über Konsequenzen aus dem Vergleichstest beraten.