01.06.2015
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Wembleytor entscheidet das Finale

Ein "Jahrhundert-Tor", das vielleicht keines war, aber auf jeden Fall vom Unparteiischen gewertet wurde, ist bis heute Inhalt aufgeregter Diskussionen. England wurde Weltmeister, nicht unverdient was blieb ist die Frage: War der Ball wirklich hinter der Linie?

Es siegen nicht immer die Favoriten

Das Turnier im "Mutterland des Fußballs" war reich an Sensationen. Die Mannschaft aus Nordkorea verdrängte in der Vorrunde den Favoriten Italien nach einem nicht für möglich gehaltenen 1:0-Erfolg auf den dritten Platz, der lediglich zur Heimreise berechtigte. Portugal mit dem Ausnahmespieler Eusebio an der Spitze kippte nach einem 3:1-Sieg nicht nur Weltmeister Brasilien aus dem Turnier, sondern zog als Gruppensieger ins Viertelfinale ein. Erst gegen England war Endstation. Im Spiel um Platz drei gewannen die Portugiesen mit 2:1 gegen die sowjetische Mannschaft.

Aber was war das alles gegen das Spiel der Spiele, gegen das Finale Deutschland gegen England im altehrwürdigen Wembleystadion! Um den Einzug ins WM-Endspiel hatten seit dem 11. Juli insgesamt 16 Teams gekämpft. Der Weg dorthin war für die Finalisten mehr mühselig als glanzvoll. Deutschland mit dem eleganten Mittelfeldregisseur Franz Beckenbauer hatte sich in der Gruppe B als bestes Team durchgesetzt. Im entscheidenden Match gegen Spanien erzielte Lothar "Emma" Emmerich ein legendäres Tor. Fast von der Torauslinie, aus einem "unmöglichen" Winkel, hämmerte er den Ball zum 1:1-Ausgleich unter die Latte. Uwe Seeler sorgte fünf Minuten vor dem Abpfiff für den 2:1-Sieg, der auch den Gruppensieg bedeutete.

Das Traumfinale

England setzte sich gegen Uruguay, Mexiko und Frankreich durch. Nachdem im Viertelfinale und im Halbfinale Argentinien und Portugal bezwungen wurden Deutschlands Weg führte über Uruguay und die UdSSR kam es im mit 96.924 Zuschauern ausverkauften Wembley-Stadion zum Traumfinale.

Die erste Chance erspielte sich das deutsche Team von Trainer Helmut Schön. Mit einem Drehschuss verfehlte Linksaußen Siggi Held jedoch knapp das Tor von Gordon Banks. Überraschend fiel in der 12. Minute der deutsche Führungstreffer. Nach einer schlechten Kopfballabwehr von Nobby Stiles schoss Helmut Haller das Leder ins lange Eck. Ganz England stockte der Atem. Die deutsche Mannschaft konnte sich jedoch nicht lange an dieser Führung erfreuen. Ein Missverständnis zwischen Torhüter Hans Tilkowski und Verteidiger Willi Schulz nutzte Geoffrey Hurst zum Ausgleich.

Nach der Pause übernahmen die Engländer klar die Initiative. Ein misslungener Abwehrversuch von Horst-Dieter Höttges brachte Martin Peters in gute Schussposition und seine Mannschaft mit 2:1 in Führung. Schon feierten die Fans den Sieg. Aber die Deutschen gaben sich noch nicht geschlagen, setzten alles auf eine Karte und wurden für ihre Mühen belohnt. Wenige Sekunden vor dem Ende der Partie schlug "Emma" den Ball in den gegnerischen Strafraum. Der Kölner Wolfgang Weber war am langen Pfosten zur Stelle und markierte das 2:2, das lähmendes Entsetzen bei den britischen Zuschauern auslöste.

In der Verlängerung entscheidet oft die bessere Kondition über den Erfolg. In diesem denkwürdigen Match spielte in der 100. Minute jedoch ein Mann Schicksal, der laut Spielordnung nur am Rande steht der sowjetische Linienrichter Tofik Bachramow. Ob der fulminante Schuss von Hurst, der von der Unterkante der Latte auf den Boden prallte, die Linie wirklich vollständig überschritten hatte, wagte Schiedsrichter Gottfried Dienst nicht zu entscheiden. Die deutschen Spieler gingen von einem Eckball aus. Referee Dienst befragte Bachramow, der wies in Richtung Anstoßkreis Dienst erkannte auf Tor! Entsetzen bei den Deutschen, überschäumende Freude bei den Briten. Das Spiel war nun faktisch entschieden. Lediglich statistischen Wert hatte das 4:2 durch Hurst.

Randbemerkungen

Kein Foto- oder Filmdokument konnte im Anschluss an das Finale eindeutig belegen, ob der Ball wirklich die Torlinie überquert hatte. Was blieb waren Mutmaßungen, vage Aussagen der Spieler und eine rege Diskussion bis zum heutigen Tag.

Die Briten genossen ihren Triumph im eigenen Land. Queen Elizabeth II. überreichte dem glücklichen britischen Mannschaftsführer Bobby Moore den "Coupe Jules Rimet". Um den WM-Pokal, benannt nach seinem Stifter, dem verstorbenen Präsidenten der "Fédération Internationale de Football Association", hatte es bereits vor Beginn der Spiele große Aufregung gegeben. Die "Goldene Göttin", die im Rahmen einer Sportbriefmarken-Ausstellung in der Central Hall von Westminster zu sehen war, wurde entwendet obwohl, fast immer, sechs Detektive ein wachsames Auge auf die Trophäe werfen sollten und Scotland Yard in der Nähe sein Hauptquartier hatte. Dann kam die große Stunde von Pickles, eine Promenadenmischung, die einem Foxterrier ähnelt. Bei einem Spaziergang mit seinem Herrchen begann er in einem Garten zu scharren und förderte den gestohlenen Pokal zu Tage. Der "Evening Standard" ernannte Pickles zu Englands Hund des Jahres, sein Besitzer konnte den Finderlohn einstreichen.

Die Fußball-WM in England blieb aber nicht nur wegen des "Jahrhunderttores" in Erinnerung. Sie stand auch wieder im Zeichen großer Idole auf dem Rasen.

Dem deutschen Spiel drückte Franz Beckenbauer seinen Stempel auf. Im portugiesischen Team war Eusebio Ferreira der gefeierte Star. Der Kicker aus Mozambique, der Portugal nach 36 Jahren wieder zu einem WM-Turnier geschossen hatte, holte sich auch die Torschützenkrone des Turniers, seine Tore rissen die Mitspieler mit. Nach Gruppensiegen über Ungarn (3:1), Bulgarien (3:0) und Brasilien (3:1) standen die Portugiesen im Viertelfinale. Hier drohte das Aus, als die Nordkoreaner sensationell mit 3:0 in Führung gingen. Die als Geheimfavorit gehandelten Spieler aus Portugal standen bereits mit eineinhalb Beinen am Flugplatz. Dann kam der große Auftritt von Eusebio. Mit vier Toren zwischen der 27. und 58. Minute sorgte er fast im Alleingang für die Wende. Dass die Südeuropäer letztendlich den dritten Platz errangen, war gleichfalls weitgehend dem begnadeten Fußballspieler zu verdanken.

Die Teilnehmer

  • Gruppe A: England, Uruguay, Mexiko, Frankreich
  • Gruppe B: Deutschland, Argentinien, Spanien, Schweiz
  • Gruppe C: Portugal, Ungarn, Brasilien, Bulgarien
  • Gruppe D: UdSSR, Nordkorea, Italien, Chile

Weltmeisterschaft 1966

  • Viertelfinale
  • 23.7. England Argentinien 1:0 (0:0)
  • 23.7. Deutschland Uruguay 4:0 (1:0)
  • 23.7. Portugal Nordkorea 5:3 (2:3)
  • 23.7. UdSSR Ungarn 2:1 (1:0)
  • Halbfinale
  • 25.7. Deutschland UdSSR 2:1 (1:0)
  • 26.7. England Portugal 2:1 (1:0)
  • Spiel um den 3. Platz
  • 28.7. Portugal UdSSR 2:1 (1:1)
  • Endspiel
  • 30.7. England Deutschland 4:2 n.V. (1:1, 2:2)
  • England:Banks, Cohen, Jack Charlton, Moore, Wilson, Stiles, Bobby Charlton, Peters, Ball, Hurst, Hunt
  • Deutschland:Tilkowski, Höttges, Schulz, Weber, Schnellinger, Beckenbauer, Overath, Haller, Seeler, Held, Emmerich
    Tore: 0:1 Haller (12.), 1:1 Hurst (18.), 2:1 Peters (77.), 2:2 Weber (90.), 3:2 Hurst (102.), 4:2 Hurst (120.)