01.06.2015
Total votes: 138
wissen.de Artikel

Der "Kaiser" auch als Trainer auf dem Thron

In Rom erkämpfte sich die deutsche Fußballnationalmannschaft mit einem 1:0-Sieg gegen Argentinien nach 1954 und 1974 die dritte Fußball-Weltmeisterschaft. Gastgeber Italien scheiterte bereits im Halbfinale.

Strafstoß führt zum Sieg

Höhepunkt eines schwachen Endspiels, in dem die deutsche Nationalmannschaft ihre spielerische Überlegenheit zunächst nicht in Tore umsetzen konnte, war ein umstrittener Elfmeter in der 85. Minute. Der argentinische Abwehrspieler Sensini soll den deutschen Mittelstürmer Rudi Völler nach einem Steilpass von Lothar Matthäus im Strafraum zu Fall gebracht haben. Die Zeitlupe konnte allerdings eine Einwirkung des Gegners nicht belegen. Vor 73.000 Zuschauern verwandelte Andreas Brehme den Strafstoß sicher zum alles entscheidenden Siegtreffer. Argentiniens Superstar Diego Maradona konnte die Niederlage seines Teams nicht mehr verhindern, war allerdings auch weit von seiner Bestform entfernt. Trotz des zweifelhaft zustande gekommenen Finalsiegs waren sich die Fachleute einig: Deutschland hatte sich den Titel durch konstante Leistungen über das gesamte Turnier verdient. Rechnet man zu den drei gewonnenen Weltmeistertiteln noch die Vizeweltmeisterschaften von 1966, 1982 und 1986 hinzu, so war die DFB-Auswahl nunmehr die erfolgreichste Mannschaft der 60-jährigen WM-Geschichte.

Unvergessen blieb eine Szene unmittelbar nach dem Schlusspfiff. Allein, die Hände in den Hosentaschen und ganz in sich versunken, spazierte Teamchef Franz Beckenbauer über den Rasen und genoss still seinen Triumph. Nur ihm und dem Brasilianer Mario Zagallo war es bis dahin gelungen, als Spieler (1974) und als Trainer Weltmeister zu werden.

Das deutsche Team erwies sich während der 14. Fußballweltmeisterschaft als kampfstärkste Mannschaft des Turniers. Spielerische Akzente setzte sie in der Vorrunde beim 4:1 gegen Jugoslawien und beim 2:1 gegen Europameister Niederlande im Achtelfinale. Für einen Skandal sorgte der Niederländer Frank Rijkhaard, der Rudi Völler nach einem Zweikampf und einem Wortgefecht bespuckte. Beide Spieler schickte der Unparteiische umgehend vom Platz. Es folgte ein 1:0-Sieg im Viertelfinale gegen die Tschechoslowakei, ehe im Halbfinale England wartete. In einem Fußballkrimi behielten die Deutschen im Elfmeterschießen mit 5:4 (1:1 n.V.) die Oberhand.

Von Enttäuschungen bis Überraschungen

Schwer enttäuscht wurden die italienischen Fans. Der Gastgeber, vorher als heißer Favorit gehandelt, schied im Halbfinale nach Elfmeterschießen gegen Argentinien aus. Zuvor hatten die Argentinier, für viele ebenfalls überraschend, auch den südamerikanischen Erzrivalen Brasilien mit 1:0 aus dem Turnier geworfen. Die Brasilianer zauberten zwar wie gewohnt, scheiterten aber gerade an dieser Verspieltheit sie fanden den Weg zum Tor nicht.

Für Aufsehen sorgten die "kleinen" Fußballnationen. Costa Rica erreichte das Achtelfinale, Ägypten trotzte den Niederlanden in der Vorrunde ein 1:1 ab. Irland drang mit unbändigem Kampfgeist bis ins Viertelfinale vor und musste sich erst Italien (0:1) geschlagen geben. Zur Sensationself des Turniers wurde Kamerun. Mit erfrischendem Offensivfußball eroberten "die Löwen" die Herzen der Zuschauer. Ein 38-jähriger "Fußballrentner" namens Roger Milla, der eigens für das Turnier auf Geheiß des Staatspräsidenten reaktiviert wurde, stellte binnen weniger Tage die Fußballwelt auf den Kopf. Gegen Rumänien in der Vorrunde und gegen Kolumbien im Achtelfinale schoss er jeweils zwei Treffer und beförderte sein Team als erstes afrikanisches Land in ein WM-Viertelfinale. Jeden seiner Treffer pflegte er zur Freude der Zuschauer mit einem aufreizenden Lambada-Tänzchen vor der Eckfahne zu feiern.

Torschützenkönig der Weltmeisterschaft 1990 wurde der Italiener Salvatore "Toto" Schillaci mit sechs Treffern. Der Stern des Sizilianers, der vor der WM-Endrunde nur einen Länderspieleinsatz zu verzeichnen hatte, sank genauso schnell wie er aufstieg. Nach der WM gelang ihm nur noch ein Tor in der "Squadra Azzurra". Bereits in der Vorbereitung auf die WM 1994 fand er keine Berücksichtigung mehr.

Buntester Paradiesvogel neben Milla war der kolumbianische Torhüter José-René Higuita, der mit seinen Ausflügen bis zur Mittellinie zeitweise die Rolle des Liberos übernahm. Allerdings wurde seine Risikobereitschaft im Achtelfinale gegen Kamerun bestraft, als Milla eine missglückte "Soloeinlage" Higuitas zu einem Treffer nutzte.

Trotz starker Sicherheitsvorkehrungen, unter anderem durch ein Großaufgebot von 45.000 Carabinieri und zeitweisem Alkoholverbot an den Spielstätten, konnten Ausschreitungen britischer und deutscher Hooligans innerhalb und außerhalb der Stadien nicht verhindert werden. Unrühmlich auch die 16 roten und 162 gelben Karten ein absoluter WM-Rekord.

Die Teilnehmer

  • Gruppe A: Italien, ČSFR, Österreich, USA
  • Gruppe B: Kamerun, Rumänien, Argentinien, UdSSR
  • Gruppe C: Brasilien, Costa Rica, Schottland, Schweden
  • Gruppe D: BR Deutschland, Jugoslawien, Kolumbien, Vereinigte Arabische Emirate
  • Gruppe E: Spanien, Belgien, Uruguay, Südkorea
  • Gruppe F: England, Irland, Holland, Ägypten

Weltmeisterschaft 1990

  • Viertelfinale
  • 30.6. Argentinien Jugoslawien 0:0 n.V. (0:0, 0:0), 3:2 n.E.
  • 30.6. Italien Irland 1:0 (1:0)
  • 1.7. ČSFR BR Deutschland 0:1 (0:1)
  • 1.7. England Kamerun 3:2 n.V. (1:2, 2:2)
  • Halbfinale
  • 3.7. Italien Argentinien1:1 n.V. (1:0, 1:1), 4:5 n.E.
  • 4.7. BR Deutschland England 1:1 n.V. (0:0, 1:1), 5:4 n.E.
  • Spiel um den 3. Platz
  • 7.7. Italien England 2:1 (0:0)
  • Endspiel
  • BR Deutschland Argentinien 1:0 (0:0)
  • BR Deutschland:Illgner, Augenthaler, Kohler, Buchwald, Häßler, Berthold (73. Reuter), Matthäus, Littbarski, Brehme, Klinsmann, Völler
  • Argentinien:Goycoechea, Simon, Ruggeri (46. Monzon), Serrizuela, Sensini, Troglio, Burruchaga (53. Calderon), Basualdo, Lorenzo, Dezotti, Maradona
  • Tor:1:0 Brehme (85., Foulelfmeter)