01.06.2015
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wissen.de Artikel

Im Gespräch: Prof. Dr. Horst Opaschowski, Freizeitforscher

Der Institutsdirektor sprach im Mai 2002 exklusiv mit wissen.de

Prof. Dr. Horst Opaschowski, Institutsdirektor im Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg sowie Wissenschaftlicher Leiter des B.A.T Freizeit-Forschungsinstituts, gilt als der führende Freizeitforscher in Deutschland.

Herr Prof. Dr. Opaschowski, warum reist der Mensch überhaupt?

Urlaub ist der Kontrastbegriff zum Alltag. Der Urlaub dient den Menschen geradezu als Sammelbecken aller positiven Möglichkeiten, Hoffnungen und Erwartungen: Eine schöne, unbeschwerte Wunschwelt, die all das beinhaltet, was man schon immer sein oder haben wollte: Zeit, andere Gedanken, neue Eindrücke, keine Sorgen, nette Bekanntschaften ....

Seit wann gibt es Urlaubsreisen im heutigen Sinne? Und wie hat sich die gesellschaftliche Bedeutung des Urlaubs im Laufe der Zeit verändert?

„Travel“ und „Travail“, Reisen und Arbeiten haben die gleiche Wortwurzel und deuten auf das gleiche Phänomen hin: Die Menschen können nicht untätig in ihren eigenen vier Wänden verweilen, ja die Menschen waren mobil, ehe sie sesshaft wurden. Erst waren nur wandernde Kleriker unterwegs. Im Laufe der Jahrhunderte kamen dann immer neue Gruppen hinzu: Zunächst der Adel, dann das Bürgertum und die Handwerksgesellen und schließlich in der Mitte des 19. Jahrhunderts auch der Rest der Bevölkerung. Einher ging hierbei die technologische Weiterentwicklung der Mobilität: von den Dampfschiffen über die Eisenbahn bis hin zum Flugzeug. Der Massentourismus - wie wir ihn heute kennen - entwickelte sich eigentlich erst in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Die Deutschen gelten als Reiseweltmeister. Warum reisen gerade die Deutschen besonders gerne und viel? Hat die Urlaubsreise in Deutschland eine größere Bedeutung als in anderen Ländern? Und warum?

Wir Deutschen nennen uns selbst Reiseweltmeister. Dies liegt sicherlich auch an der Vielzahl unserer Urlaubstage: 31 pro Jahr. Anderseits schränken sich viele Bundesbürger lieber in anderen Bereichen ein wie z.B. Wohnen, Essen, Trinken und Kleidung. Am Urlaub wird zuallerletzt gespart. Ein weiteres Motiv ist sicherlich auch unser Klima. Gesucht werden Wärme, Wasser, Wohlfühlen sowie Sonne, Strand und Meer.

Die Reisebranche befindet sich seit den Ereignissen vom 11. September in einer schwierigen Lage. Wird die Angst vor dem Terror Ihrer Meinung nach das Reiseverhalten der Menschen nachhaltig verändern?

Kurzfristig ja - mittel- und langfristig sicherlich nein. Die deutschen Urlaubsreisenden zeigen durchaus Krisenbewusstsein, halten aber wenig von Hysterie. Auch wenn für 2002 keine größeren Zuwachsraten zu erwarten sind, findet die von der Touristikbranche für dieses Jahr befürchtete Zitterpartie offensichtlich nicht statt. Der Eindruck entsteht: Die Reisebranche gibt sich verunsicherter als die Reisenden selbst. Von den vom B·A·T Freizeit-Forschungsinstitut befragten Bundesbürgern sind sich nur 29 Prozent noch „unsicher“, ob sie in diesem Jahr verreisen wollen oder können. Der Unsicherheitsgrad in der Bevölkerung liegt derzeit nicht höher als in den Jahren 1998 bis 2000 bzw. zur Zeit der Golfkrise im Jahr 1991. Eine Rückkehr zur Normalität deutet sich eher an - vielleicht auch eine Antwort auf neue All-inclusive-Angebote in Krisenzeiten: Nicht mehr nur Tischwein und Bargetränke, sondern auch Flugsicherheitszuschlag und Reiserücktrittsversicherung inklusive.

Was sind für Sie die wichtigsten Urlaubstrends der letzten Zeit? Und wie erklären sie sich?

Zur Zeit deuten sich eine Vielzahl unterschiedlicher Reisetrends an. Ich nenne die drei wichtigsten: Eventtourismus, Städtetourismus und Wellnesstourismus.

Eventtourismus ist gefragt, vor allem bei der jungen Generation, die nach der Erlebnisdevise lebt: „Wo ist am meisten los?“ Als Events gelten solche Ereignisse, über die die Medien massenhaft berichten, bevor sie überhaupt stattgefunden haben. Events müssen Einmaliges und Außergewöhnliches versprechen. Das können Love-Parades oder Open-Air-Konzerte, Marathon- oder Formel-1-Rennen, nicht aber Dorffeste oder Folkloreveranstaltungen sein.

Der Trend zum Städtetourismus lebt zunehmend von Life-Seeing und Sight-Seeing zugleich. Wenn traditionelle Sehenswürdigkeiten nicht um neue Erlebniswerte bereichert werden, verlieren sie schnell an touristischer Attraktivität. Wenn z.B. eine Stadt wie Berlin, Hamburg oder München ihre Bedeutung als Kunst-, Kultur- oder Musical-Metropole verliert, reisen die Touristen gleich weiter nach Salzburg, London oder Paris.

Je mehr sich Tempo, Hektik und Schnelllebigkeit heute im Alltag ausbreiten, desto größer wird der Wunsch nach Zur-Ruhe-Kommen im Urlaub. Wellnesstourismus schwappt mittlerweile als neue Wohlfühlwelle durch viele Urlaubsorte und Ferienhotels. „So richtig verwöhnen lassen“ und fast „wie neu geboren“ nach Hause zurückkommen, ist das Erfolgsgeheimnis dieses stabilen Reisetrends. Sich nur wie zu Hause fühlen, reicht aber als Anreiz allein nicht aus. Gesucht wird Verwöhnung zwischen Badetempel und Beautyfarm. Wellnessurlaub ist Cocooning auf Zeit, bevor die Stressrallye im Alltag wieder von neuem beginnt.

Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung des Urlaubs? Wird sich der Jahresurlaub weiter verlängern? Werden die Menschen immer mehr und immer weiter reisen?

Wir sind bei der maximalen Zahl von Urlaubstagen angelangt. In Zukunft werden sich viele Bürger nicht mehr jedes Jahr einen Urlaub leisten wollen und können. Intervallreisen ist dann eher angesagt - also z.B. einmal Urlaub auf Balkonien und das nächste Jahr wieder verreisen. Die Reiseziele werden sich nicht grundlegend verändern. Das liebste Reiseziel der Deutschen bleibt auch in Zukunft - Deutschland!

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