21.05.2015
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Kurzporträt: Horst Köhler

Der ehemalige Direktor des Internationalen Währungsfonds konnte sich bereits bei seiner Nominierung zum Bundespräsidenten recht sicher sein, demnächst Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland zu werden. Mit den Stimmen von CDU, CSU und FDP im Rücken hielt sich das Risiko, gegen seine Konkurrentin Gesine Schwan den Kürzeren zu ziehen, in Grenzen. Damit wird nun zum ersten Mal ein Finanzfachmann das höchste Amt der Bundesrepublik bekleiden.

Kandidat mit Ecken und Kanten

Der als bescheiden, aber auch als ungeduldig und kritisch geltende Köhler will seiner eigenen Aussage nach als Bundespräsident keine bloße Symbolfigur sein, sondern als “Wegbegleiter für Reformen“ auch unangenehme Wahrheiten ansprechen. Seit seiner Nominierung hat er sich denn auch bereits mehrfach in die Reformdebatte in Deutschland eingemischt. In einem Interview bescheinigte er den Deutschen einen ungesunden Hang zur “Nabelschau“. Seine Überzeugung sei, dass Deutschland vor einem schwierigen Wandlungsprozess stehe, wenn es seinen Wohlstand sichern wolle. Die Inhalte von Schröders “Agenda 2010“ seien hier bei weitem nicht ausreichend. Als Bundespräsident wolle er deshalb dazu beitragen “die Reformeinsicht und auch das Mitmachen der Bürger zu fördern“.

Auch außenpolitisch sind von einem Bundespräsidenten Köhler nicht nur diplomatische Floskeln zu erwarten: Die US-amerikanische Irak-Politik hat er bereits als “arrogant“ kritisiert.

Mann der Wirtschaft

Auf dem internationalen Finanzparkett hat Horst Köhler eine steile Karriere hinter sich: Nach dem Studium trat er 1976 in die Grundsatzabteilung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Finanzen ein. Von 1981 bis 1982 war er Referent beim damaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Gerhard Stoltenberg, dem er anschließend ins Bundesfinanzministerium nach Bonn folgte.

1990 wurde Köhler von Bundesfinanzminister Theo Waigel zum Staatssekretär ernannt. In dieser Funktion formulierte er das Angebot der Bundesregierung an die DDR über eine Währungsunion und verhandelte das Überleitungsabkommen für den Abzug sowjetischer Truppen aus Ostdeutschland. Köhler war auch als deutscher Chefunterhändler entscheidend an der Aushandlung der europäischen Währungsunion beteiligt und bereitete als persönlicher Beauftragter von Bundeskanzler Helmut Kohl die G7-Gipfel in Houston (1990), London (1991), München (1992) und Tokio (1993) vor.

1993 schied Köhler aus der Bundesregierung aus und wurde Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, eine Funktion, die er bis 1998 inne hatte. Anschließend leitete er zwei Jahre lang die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE), bis er im Jahr 2000 auf Vorschlag von Bundeskanzler Gerhard Schröder zum Geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) ernannt wurde. Dieses Amt legte er nach seiner Nominierung zum Bundespräsidentenkandidaten am 4. März 2004 nieder.

Aus einfachen Verhältnissen

Köhler wurde am 22. Februar 1943 als Sohn eines Bauern im ostpolnischen Skierbieszów geboren und wuchs in sehr einfachen Verhältnissen auf. Die Familie musste 1945 vor der anrückenden Roten Armee fliehen und ließ sich zunächst in Markleeberg bei Leipzig nieder, bevor sie 1953 erneut aus der DDR in die Bundesrepublik floh. Bis 1957 lebten die Köhlers in Flüchtlingslagern, bis sie eine Wohnung im württembergischen Ludwigsburg zugeteilt bekamen. Dort machte Horst Köhler sein Abitur und studierte anschließend an der Universität Tübingen Volkswirtschaftslehre.