21.05.2015
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wissen.de Artikel

Kapitän

Mit wettergegerbtem Gesicht und weißem Bart steht der Kapitän auf der Brücke. Abends beim Dinner hält er mit seinem Seemannsgarn die vornehmen Passagiere bei Laune. Soviel zum Klischee. Doch wie verhält es sich mit dem Traumberuf Kapitän wirklich?

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Es fehlt an Nachwuchs

Die Seeschifffahrt ist nach wie vor ein volkswirtschaftlich äußerst wichtiger Zweig des nationalen und internationalen Handels. 98 Prozent des interkontinentalen Warenaustausches erfolgt auf dem Seeweg. Aus einer Statistik des Verbands Deutscher Reeder (VDR) geht hervor, dass in der deutschen Seeschifffahrt im Jahr 2000 Transportleistungen im Wert von 18 Milliarden Mark erbracht wurden. Etwa 5000 deutsche Offiziere und Kapitäne sorgen dafür, dass die millionenschwere Ladung auch bei widriger See sicher und pünktlich den Zielhafen erreicht. So viel Verantwortung wird auch angemessen entlohnt. Kapitäne verdienen laut VDR zwischen 4200 und 5300 Euro brutto.

Dennoch fehlt es in Deutschland an nautischem und technischem Offizier-Nachwuchs. “Reedereien suchen derzeit händeringend nach Seeleuten. Aber die Lage ist so ungünstig wie schon lange nicht mehr. Dagegen sind die Zukunftsperspektiven junger Leute, die sich für eine Offizierslaufbahn in der Seeschifffahrt interessieren, ausgesprochen gut, sagt Hans-Jürgen Dietrich, der selbst jahrelang als verantwortlicher Kapitän zur See fuhr und heute beim Verband Deutscher Reeder in Hamburg im Bereich Personal See/seemännischer Nachwuchs tätig ist. Zurzeit suchen deutsche Reedereien für die Offizierslaufbahnen pro Jahr etwa 400 Bewerber, aus denen später einmal Kapitäne werden können. Durchschnittlich waren es in den vergangenen Jahren nur zirka 300 Neueinsteiger. Es ist ein langer Weg durch Theorie und Praxis der Seefahrerkunst, bevor Kapitänsanwärtern ein Kommando anvertraut wird.

Kurz & bündig

Der Kapitän hat das Kommando über ein Schiff und trägt damit eine enorme Gesamtverantwortung. Er besitzt technisches Know-how, meistert meteorologische Situationen und alle nautischen Aufgaben und übernimmt Managertätigkeiten für seinen schwimmenden Betrieb.

Wo arbeiten Kapitäne?

Jobs für Kapitäne gibt's außer auf Schiffen auch in schifffahrtsbezogenen Landpositionen, wie:

  • Frachtumschlags- und Lagerunternehmen im Hafenbereich
  • Hochschulen in den Bereichen Nautik, Seefahrt, Schiffsbetriebstechnik
  • Bootsführerschulen
  • öffentliche Wasser- und Schifffahrtsverwaltungen
  • Speditionen
  • Lotsenunternehmen
  • Schiffsmaklerbüros und -agenturen
  • Verbände und Gewerkschaften

Folgende Berufe und Tätigkeiten können zum Beispiel von Kapitänen ausgeübt werden:

  • Werft- und Hafenkapitän
  • Mitarbeiter/in im Bundesverkehrsministerium
  • Inspektor/in in Reedereien
  • Havarie-Sachverständige/r

Was genau machen Kapitäne?

Auftrag der Kapitäne ist es, das ihnen anvertraute Schiff mit Besatzung und Ladung sicher und pünktlich ans Ziel zu bringen. Dabei sind sie vor allem mit Planungs-, Führungs- und Überwachungsaufgaben betraut. Gemeinsam mit nautischen und technischen Offizieren planen sie die anfallenden Arbeiten im Schiffsbetrieb.

Um einen Ozeanriesen zu navigieren und zu manövrieren, sind viele Kenntnisse und Fähigkeiten erforderlich. Gerade bei schlechter Sicht und hoher Verkehrsdichte ist höchste Konzentration gefragt. Kapitäne wissen um Gefahren und Besonderheiten der zu durchfahrenden Gewässer und kennen sich mit den meteorologischen Gegebenheiten aus. Sie kommunizieren ständig mit ihrer Reederei, den Ladungsbeteiligten und den Behörden der Zielhäfen. Um die Überwachungs-, Steuerungs- und Antriebstechniken in ihren Anwendungsmöglichkeiten voll zu nutzen, ist immenses Know-how notwendige Voraussetzung: “An Bord eines modernen Containerschiffes gibt es inzwischen mehr Hightech als in einem Passagierflugzeug, erklärt Kapitän Dietrich.

Kapitäne kümmern sich auch um die korrekte Einhaltung aller Sicherheits- und Brandschutzvorschriften und sorgen dafür, dass diese Einrichtungen an Bord ständig einsatzbereit und die Besatzungen darauf bestens trainiert sind. Schließlich sind sie nicht nur für das Schiff verantwortlich, sondern auch für das Wohlergehen der Besatzung. Um bei der oft bunt zusammengewürfelten Mannschaft sowie im internationalen Funkverkehr und in den weltweiten Anlaufhäfen den richtigen Ton zu treffen, ist gutes Englisch für Kapitäne unverzichtbar. Auf hoher See muss sich jeder auf den anderen verlassen können, da sollten bei der Kommunikation keine Missverständnisse auftreten.

Ihre Aufgaben müssen Kapitäne fast immer unter Zeitdruck erledigen. Frachtschiffe sollen just in time am Bestimmungshafen ankommen. Glücklich eingelaufen, bietet die Hafenliegezeit auch nur wenig Gelegenheit zur Entspannung. Kaum eine Reederei kann sich heute noch lange Liegezeiten ihrer Schiffe in den Häfen leisten. Kapitäne überwachen mit ihren nautischen Offizieren daher sowohl das Entladen (Löschen) des Schiffes als auch das erneute Beladen, um einen möglichst reibungslosen und zügigen Ablauf zu gewährleisten. Darüber hinaus müssen sie administrative Aufgaben und die notwendigen Formalitäten mit den Hafenbehörden und den Ladungsbeteiligten abwickeln.

Da wird der Arbeitstag oft sehr lang und für den Landgang bleibt relativ wenig Zeit. Zu den weniger reizvollen Seiten des Jobs zählt die längere Trennung von Freunden und Familie. Immerhin sind Kapitäne oft zwischen zwei und vier Monaten von zu Hause fort. Das wird auch nicht durch vier Monate Gesamturlaub im Jahr wettgemacht. Mancher Kapitän bemüht sich daher nach einiger Zeit, eine neue adäquate Tätigkeit an Land zu finden, die seinen Bedürfnissen entspricht, wenn sein Fernweh etwas nachgelassen hat.

Wer ist geeignet?

Über verschiedene Bildungswege kann sich grundsätzlich jeder, dem von einem berechtigten Arzt die Seediensttauglichkeit attestiert wurde und der mindestens Hauptschulabschluss hat, bemühen, das Kapitänspatent zu erwerben. Hauptschüler sind aber eher die Ausnahme. Unter den Bewerbern zum Schiffsoffizier befinden sich etwa 15 Prozent Hauptschüler, 25 Prozent Realschüler und 60 Prozent Abiturienten.

Als Einstieg in die Seeschifffahrt eignet sich vor allem:

  • eine Ausbildung zum/zur Schiffsmechaniker/in
  • eine Ausbildung zum/zur Schiffsbetriebstechnischen Assistenten/ Assistentin
  • ein Fachhochschulstudium zum/zur Diplom-Ingenieur/-Ingenieurin verschiedener seefahrtsspezifischer Studiengänge

Ausbildung – wo und wie?

“Der beste und empfehlenswerteste Weg, in die Seefahrt einzusteigen, ist nach wie vor die Ausbildung zum Schiffsmechaniker. Die jungen Leute lernen hier am schnellsten, worauf es ankommt, und werden zudem angemessen entlohnt, so Kapitän Dietrich. Mit dem Schiffsmechanikerbrief muss dann die Entscheidung für den Besuch einer nautischen oder technischen Fach- oder Fachhochschule gefällt werden. Der Ausbildungsgang an einer Fachschule dauert vier Semester, an der Fachhochschule sechs Semester.

Verschiedene Studiengänge sind geeignet. Das Studium an der Fachhochschule Flensburg beenden Studierende beispielsweise als “Diplomingenieur Schiffsbetrieb, an der FH Wilhelmshaven als “Diplomingenieur für Seeverkehr. An welchen Hochschulen Studiengänge wie Nautik, Ingenieurwesen für Seeverkehr oder Seefahrt angeboten werden, erfährt man im Internet über die Suchmaschinen des Online-Dienstes Studien- und Berufswahl.

Mit erfolgreicher Beendigung der Fachschule beziehungsweise der Fachhochschule erwerben die Absolventen das technische oder das nautische Patent, die beide zur Tätigkeit als Wachoffizier berechtigen. Auf Kreuzfahrtschiffen findet im Übrigen keine Ausbildung des nautischen und technischen Nachwuchses statt, sondern nur auf den als Ausbildungsschiffe anerkannten Frachtschiffen. Nautische Offiziere erhalten nach vorgeschriebenen Erfahrungsseefahrtzeiten die Befähigungszeugnisse zum 1. Offizier und später zum Kapitän. “Ob erste Offiziere jemals als Kapitän Verantwortung für ein Schiff übernehmen, hängt allein vom Reeder ab. Manche sind hervorragende zweite Männer, haben aber einfach nicht das Zeug, das Schiff und die Besatzung zu führen, gibt Kapitän Dietrich zu bedenken.

Wer es genau wissen möchte, kann sich durch die übersichtlichen Grafiken der Berufsbildungsstelle Seeschifffahrt zu den verschiedenen Wegen zum Kapitänspatent schlau machen. Auf Anfrage hält auch der Verband Deutscher Reeder umfangreiches Infomaterial bereit.

Wo und wie weiterbilden?

Weiterbildungsmaßnahmen für Kapitäne im eigentlichen Sinn gibt es nicht. Mit der Aushändigung des Kapitänpatents ist die oberste Stufe der maritimen Karriereleiter erreicht. Wollen Kapitäne allerdings einen bisher unbekannten Schiffstyp übernehmen, ist es teilweise erforderlich, sich spezielle Kenntnisse anzueignen. Spezialisieren kann man sich an Fach- und Fachhochschulen, zum Beispiel für besondere Aufgaben auf Fahrgastschiffen, Tankschiffen, Kühlschiffen, Schleppern oder auf Forschungsschiffen.

Kontakt

Verband Deutscher Reeder (VDR)

Postfach 305580
D-20317 Hamburg
Tel.: 040/35097-0, -254
Fax: 040/35097-211
E-Mail: vdr@reederverband.de
http://www.reederverband.de

Berufsbildungsstelle Seeschiffahrt e.V. (BBS)

Breitenweg 57-59
D-28195 Bremen
Tel.: 0421/17367-0
Fax: 0421/17367-15
E-Mail: Info@Berufsbildung-See.de
http://www.berufsbildung-see.de

BW Bildung und Wissen Verlag, Nürnberg 2002