01.06.2015
You voted 3. Total votes: 422
wissen.de Artikel

Männer und Frauen: Ein seltsames Paar

Männer sind anders - Frauen auch. Kein Wunder, dass Missverständnisse zwischen beiden Geschlechtern vorprogrammiert sind. Doch was macht den kleinen, feinen Unterschied eigentlich aus? Manch einer macht unser Planetensystem für die Kommunikationsprobleme verantwortlich: Die einen kommen halt vom Mars, die anderen von der Venus. Andere Forscher verweisen auf genetisches Erbe und die Beschaffenheit der Gehirne. Schwierige Sache ...

Letztendlich sind wohl biologisches Erbe und Sozialisation für die Verständigungsprobleme zwischen Mann und Frau verantwortlich. "Jungs weinen nicht": Kinder werden von Eltern, Lehrern, Geschwistern und Gleichaltrigen in geschlechtsspezifische Rollen hinein gestoßen. Diese Sozialisation geht ein Leben lang weiter: Welcher Mann möchte sich vor seinen Freunden schon als warmduschender Romantiker outen? Andere Wissenschaftler gehen weiter zurück und sehen Geschlechterrollen bereits in den Genen angelegt.

Und ewig währt das Schweigen

Mann und Frau, Konflikt

Einer der auffälligsten Unterschiede besteht in Punkto Kommunikation. Männer sind keine Meister großer Worte. Das bewies zuletzt noch einmal die britische Soziologin Dianne Hales, als sie das Sprachverhalten von Männern und Frauen untersuchte. Die holde Weiblichkeit bringt es demnach im Durchschnitt auf 23.000 Worte am Tag, das starke Geschlecht gerade mal auf die Hälfte. Neurologen fanden heraus, dass das Sprachzentrum bei Männern und Frauen in unterschiedlichen Bereichen des Gehirns liegt. Bei Frauen ist es nicht nur größer, sondern auch auf beide Gehirnhälften verteilt.

Männer sprechen also eher selten und sie hören auch nur bedingt zu. Warum das so ist, erklären Allan und Barbara Pease in ihrem Buch "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken". Abends halb sieben in Deutschland: Er kommt müde und ausgelaugt von der Arbeit, setzt sich vor den Fernseher, zappt sich mit teilnahmslosen Gesicht durch die Kanäle und kommentiert jeden weiblichen Kommunikationsversuch mit einem undefinierbaren Grunzen. Er interessiert sich scheinbar nicht die Bohne für seine Partnerin. Schuld daran ist sein Gehirn, so die Autoren. Während er die Eindrücke des Tages mit seiner rechten Gehirnhälfte verarbeitet, stellt seine linke Hemisphäre vorübergehend ihren Betrieb ein. Leider sitzt hier auch sein Sprachzentrum. Da hilft nur abwarten, bis der Schalter wieder auf "on" klickt - und in der Zwischenzeit besser keine wichtigen Dinge besprechen. Davon wird er eine Stunde später schon nichts mehr wissen.

Emotionen - Tabuthema für echte Kerle

Paar, Mann und Frau, Abschied

Auch wenn sein Gehirn wieder völlig betriebsbereit ist, redet Mann nicht über Gefühle. Über Probleme zu lamentieren, überhaupt zuzugeben, dass man welche hat, gilt als zutiefst unmännlich. Seine Herzensdame, die alles mit ihm teilen möchte, fühlt sich zurückgewiesen. Doch Nörgeleien treiben ihn nur weiter in sein Schneckenhaus. Denn während sie jedes Problem mit Freunden und Verwandten bereden muss, macht er am Liebsten alles mit sich selbst aus. Laut einer Emnid-Umfrage sprechen Männer noch nicht einmal mit ihren besten Kumpels darüber. Bei der Propecia Klartext-Studie 2002 wurden 1.000 deutsche Männer zwischen 18 und 50 Jahren befragt. Das Ergebnis: Karriere (46%), Sport (35%), Frauen (29%) - über diese Themen sprechen Männer am häufigsten. Wenn sie ihn also wirklich in ein Gespräch verwickeln möchte, dann am Besten über eines seiner Lieblingsthemen. Ist er erst einmal in Plauderlaune, dann ist der erste Schritt getan.

In Wirklichkeit wollen Männer einfach nicht mit ihren Ängsten konfrontiert werden. Denn nichts hassen sie mehr, als sich hilflos zu fühlen. Gerade beim Thema Emotionen fürchten Männer, sich um Kopf und Kragen zu reden. Denn 86 Prozent sind laut Emnid-Umfrage der Ansicht, dass das zarte Geschlecht einfach besser über Gefühle sprechen kann - und sie wollen schließlich nicht als Verlierer da stehen. In ihrem Buch "Just Like A Woman" stellt Dianne Hales klar: Männer reden anders und das bereits seit der Steinzeit. Sie orientieren sich vorwiegend an Sachthemen, haben einen handlungs- und sachorientierten Sprachstil. Wenn sie reden, dann so rational wie möglich. Männer glauben, dass es bei einem Gespräch vor allem auf harte Fakten ankommt. Abstrakte Gefühlswelten sind einfach nicht ihr Ding. Wenn sie sich darauf einstellt, kann er sogar über Beziehungskisten diskutieren. Frauen hingegen sind schon seit Urzeiten für die Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen zuständig, sind daher eher am Austausch von Gefühlen interessiert.

Nur das Gehirn hat Schuld

Auch heute sind männliche und weibliche Gehirne noch anders gepolt. Das Gehirn von Frauen wiegt im Durchschnitt 10 bis 15 Prozent weniger als das Männergehirn. Doch für das selbstgefällige "ich hab's ja schon immer gewusst" ist es zu früh. Denn Frauen besitzen im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht zumindest gleich große - wenn nicht sogar größere - Gehirne. Die beiden Hemisphären sind in Frauengehirnen zudem stärker verknüpft, und das Blut zwischen beiden Hälften fließt 20 Mal schneller.

Die Schlussfolgerung der Forscher: Während Frauen mit beiden Gehirnhälften gleichzeitig denken, arbeitet das männliche Gehirn verstärkt lateral, also einseitig. Verschiedene Aufgaben werden stärker zwischen beiden Gehirnhälften aufgeteilt. Männer sind also weniger fähig zum Multitasking, das heißt, sie können nicht gleichzeitig reden, während sie einen Nagel in die Wand hämmern. Laut der Kulturanthropologin Mary Catherine Bateson sind Frauen hingegen in der Lage, über das anvisierte Ziel hinaus zu blicken und mehrere Gedanken gleichzeitig zu verfolgen - eine Gabe, die oft als weibliche Intuition betitelt wird.

Subtile Andeutungen - nichts für Helden der Taten

Paar, Mann und Frau, lächelnd verliebt,
Sonnenbrillen

Während der Mann am Anfang einer Beziehung noch relativ viel redet, versiegt der Strom der Worte später schnell. Auch dieses Phänomen erklären Allan und Barbara Pease schlüssig. Zu Beginn einer Beziehung möchte der Mann so viele Fakten wie möglich über seine Herzensdame sammeln, und ihr umgekehrt ebenfalls viele Informationen über sich zukommen lassen. Danach gilt Reden als sinnlos, er lässt allenfalls Taten sprechen. Der Mann ist eben ein Macher. Worte sind für ihn Schall und Rauch.

Die unterschiedlichen Denkmuster von Mann und Frau erklären auch das Dilemma zum Thema Komplimente und subtile Andeutungen. Männer verstehen einfach nicht, dass hinter dem Satz "in der XY Straße hat ein thailändisches Restaurant aufgemacht" eigentlich die Bedeutung "ich will heute Abend mit dir dort essen gehen" steckt. Ebenso wenig durchschauen Männer die weiblichen "Fishing for Compliments"-Strategien. Denn laut Emnid-Umfrage reden Männer gerne Klartext. 68 Prozent möchten so schnell wie möglich auf den Punkt kommen. Frauen hingegen sind durch ihre Sozialisation oft auf Höflichkeit und Bescheidenheit getrimmt. Anstatt gerade heraus zu sagen, was Sache ist, winkt die holde Weiblichkeit mit etlichen Zaunpfählen. Dabei braucht es einfach nur einen Vorschlaghammer, der den Nagel auf den Kopf trifft.

Claudia Haese