wissen.de
Total votes: 0
AUDIO

Warum wir dichten (Podcast 122)

Poesie - brauchen wir das?
Dieses Bild ist leider nicht verfügbar. - wissen.de
Füllfederhalter

Des Büchermachens ist kein Ende – und jeder Schüler hat sich schon einmal gefragt, welchen Zweck die dichtbedruckten Seiten haben. Warum gibt es Poesie überhaupt? Warum werden Romane, Erzählungen und Gedichte geschrieben – geht es am Ende nur darum, Geld zu verdienen und der sprichwörtlichen Not des armen Poeten zu entfliehen? Oder steckt mehr dahinter? Tatsächlich ist der Wunsch, Geschichten zu erzählen und damit die Welt zu erklären, so alt wie die Menschheit selbst. Schon die ersten Höhlenmaler versuchten, mit ihren Bildern täglich Erlebtes festzuhalten.

Am Anfang war das Wort

Am Anfang war das Wort und nicht das Geschwätz,
und am Ende wird nicht die Propaganda sein,sondern wieder das Wort.

Gottfried Benn

Was ist die Welt? Diese Frage hat den Menschen von Anfang an beschäftigt. Woher komme ich? Wohin gehe ich? Worin besteht mein Weg? Schon die frühen Mythen berichten davon, wie sich die Gegenwart aus der Vergangenheit herleitet, wie der Kosmos entstand und wie die Stellung des Menschen in ihm zu sehen ist. Doch nicht nur die großen Fragen – etwa nach dem Jenseits – waren zu beantworten, es ging auch um handfeste alltägliche Wahrnehmungen. Warum donnert es? Was steckt hinter den Jahreszeiten? Warum wird es immer wieder Tag? Wir haben heute naturwissenschaftlich fundierte Antworten auf viele dieser Fragen, zugleich aber merken wir stets aufs Neue, dass die Welt um vieles größer ist und nicht allein von der Ratio erfasst werden kann. Und wir haben ein Vergnügen daran, uns eine Geschichte erzählen zu lassen, sei es in Form eines Buchs, eines Films, einer TV-Serie oder eines Hörspiels. Auch Comics und sogar Computerspiele machen mal mehr, mal weniger ausgeprägte Vorschläge dafür, wie die Welt zu lesen ist. Und haben wir ein Werk gefunden, in dem wir uns besonders gut wiederfinden, lesen wir es womöglich viele Male, weil in ihm etwas ausgedrückt wird, für das uns eigene Worte fehlen. Nicht selten geht es dabei um etwas, das zwischen den Zeilen zu finden ist – denn hier entfaltet Literatur ihre größte Wirkung. Vier Beispiele können dies illustrieren: Daniel Defoe, Heinrich von Kleist, Ernest Hemingway und Max Frisch.
 

Daniel Defoe: Gesellschaftskritik als Abenteuer

Viele fordern laut, die Schuldigen zu bestrafen,
aber wenige bemühen sich, die Unschuldigen zu rehabilitieren.

Daniel Defoe

Kaum jemand, der Robinson Crusoe nicht kennt – dabei hat Daniel Defoe, der von 1660 bis 1731 lebte, erheblich mehr Abenteuerromane geschrieben. Doch der Crusoewar bereits im Erscheinungsjahr 1719 so erfolgreich, dass vier Auflagen gedruckt wurden; zahlreiche Nachdrucke und Übersetzungen schlossen sich an. Defoe sollte nach dem Willen seines Vaters Geistlicher werden, schlug aber eine kaufmännische Richtung ein, mit der er später seinen Lebensunterhalt bestreiten sollte. Als Schriftsteller tat er sich mit Aufsätzen und journalistischen Arbeiten hervor, die sich mit religiösen, ökonomischen und politischen Problemstellungen beschäftigten. Robinson Crusoe war sein erster Roman, Defoe veröffentlichte ihn im Alter von 59 Jahren. Das Buch begründete nicht nur eine eigene Gattung, die Robinsonade, sondern wird überwiegend auch als einer der Initialpunkte des modernen Romans angesehen. Die berühmt gewordene Geschichte um den Schiffbrüchigen und seinen Diener Freitag beruht auf Berichten des Seefahrers Alexander Selkirk, der von 1704 bis 1709 vier Jahre und vier Monate auf einer entlegenen Insel zubringen musste. Es wäre jedoch ein Fehler, in dem Buch nur einen Abenteuerroman – etwa für Jugendliche – zu sehen, da es sich letztlich um eine Gesellschaftskritik handelt. Defoe hatte bei all seinen Schriften die politische und religiöse Freiheit in England im Sinn, wofür er bis heute geschätzt wird.

 

Heinrich von Kleist: Wahrheit um jeden Preis

Das Leben ist ein schweres Spiel, weil man beständig und immer von neuem eine Karte ziehen soll und doch nicht weiß, was Trumpf ist.
Heinrich von Kleist

Ob Theaterstücke wie Das Käthchen von Heilbronn oder Der zerbrochne Krug, ob die Novellen Michael Kohlhaas oder Die Marquise von O…, Heinrich von Kleist ist seit langem ein Klassiker – aber ein ausgesprochen widerspenstiger. Und dies in jeder Hinsicht! Geboren 1777, folgte er der Tradition seiner altadligen Familie und trat als junger Mann in den Militärdienst ein, den er jedoch kurz darauf verabscheute. Er begann, sich für die Wissenschaften zu begeistern, brach die Laufbahn ab und studierte u.a. Physik, Mathematik und Kulturgeschichte in Frankfurt an der Oder. Um sich verloben zu können, verließ er jedoch die Universität und ließ sich als Volontär im preußischen Wirtschaftsministerium in Berlin anstellen. Im Zuge einer Lektüre Immanuel Kants begann er an der Eindeutigkeit der Vernunft zu zweifeln. Die Identitätskrise verbunden mit beruflichen Schwierigkeiten und dem Zusammenbruch seines Weltbilds, veranlassten ihn zu einer Reise nach Paris. Da seine Verlobte ihm nicht folgen wollte, löste er die Verlobung. Nach vielen weiteren Stationen und Vorhaben nahm 1811 der Wunsch nach dem Freitod in ihm überhand. Am 21. November 1811 erschoss Kleist mit ihrem Einverständnis zunächst eine geistesverwandte Freundin, die schwer krebskranke Henriette Vogel und dann sich selbst. Doch nicht nur im Leben wahrte Kleist seine einzelgängerische Position. Auch seine Literatur entzieht sich bis heute allen Einordnungsversuchen – und ist nach 200 Jahren noch immer hochaktuell.


Ernest Hemingway: Schreiben und Männlichkeit
 

Autoren sollten stehend an einem Pult schreiben. Dann würden ihnen ganz von selbst kurze Sätze einfallen.

Ernest Hemingway

Wer beim Wort "Schriftsteller" noch immer an Spitzwegs berühmte Gemälde Der arme Poet denkt, liegt bei Ernest Hemingway völlig falsch. Zwar hat er 1954 für Der alte Mann und das Meer den Nobelpreis für Literatur erhalten, doch sich auch einen Namen als Abenteurer, Hochseefischer und Großwildjäger gemacht – mit allem, was dazugehört, Alkohol und Frauen an erster Stelle. Hemingway wurde 1899 als Sohn eines Landarztes und einer Opernsängerin geboren. 1918 ließ er sich als Soldat nach Europa schicken, wo er erste Erfahrungen auf dem alten Kontinent sammeln konnte; sein Roman Fiesta, mit dem ihm 1927 der Durchbruch gelang, entstand in mehreren europäischen Ländern. Der knappe, aus kurzen Aussagesätzen bestehende Stil, den sich Hemingway zulegte, wurde rasch sein Markenzeichen. Er arbeitete weiter als Kriegsreporter, heiratete viermal und soll zwei Flugzeugabstürze überlebt haben. Hemingways Charaktere verkörpern deutlich seine eigenen Werte und Weltanschauung. Die Männer in seinen Romanen sind stark, selbstbewusst und gleichzeitig von einer Empfindlichkeit geprägt, die aus den tiefen Ängsten ihrer Kriegserlebnisse herrührt. Der Krieg war für Hemingway ein Symbol für die Welt, die er als komplex ansah, voll von moralischen Mehrdeutigkeiten, unvermeidlichem Schmerz und Zerstörung. Um hier zu überleben, muss man zu seinen Prinzipien stehen: Ehre, Mut, Ausdauer und Würde. Sie sind auch bekannt als der "Hemingway-Code". Die Depressionen, die ihn trotz seiner Vitalität sein Leben lang begleitet hatten, holten ihn im Alter ein. Er erschoss sich im Alter von 61 Jahren. Doch seine berühmten Kurzgeschichten und Romane wie Schnee am Kilimandscharo haben sich längst als zeitlos erwiesen.


Max Frisch: Die Suche nach Identität

Jeder Mensch erfindet sich früher oder später
eine Geschichte, die er für sein Leben hält.

Max Frisch

Einer der einfluss- wie erfolgreichsten Schriftsteller seiner Generation war der 1911 in Zürich geborene Max Frisch. Seine Theaterstücke wie Biedermann und die Brandstifter oder Andorra sowie die drei großen Romane Stiller, Homo faber und Mein Name sei Gantenbein waren nicht nur bei Kennern hoch angesehen, sondern erreichten auch das breite Publikum. Erstaunlich für einen Mann, der lange mit seiner Berufung als Autor gehadert hatte und zunächst als Architekt arbeitete, bis er in den 1950er Jahren das Schreiben als tragfähig empfand. In dieser Zeit entsteht auch sein Roman Homo faber, der um das für Frisch generell essentielle Thema der selbstgewählten Identität kreist. Frisch sagt dazu:

"Dieser Mann, er ist Ingenieur, also nicht Literat, wird durch seine Sprache, die er verwendet für seinen Bericht, denunziert. Er spielt eine Rolle, er verfällt einem Bildnis, das er sich gemacht hat von sich, er lebt an sich vorbei und die Diskrepanz zwischen seiner Sprache und dem, was er wirklich erfährt und erlebt, ist das, was mich dabei interessiert hat. Die Sprache ist also hier der eigentliche Tatort. Wir sehen, wie er sich interpretiert, wir sehen – im Vergleich zu seinen Handlungen –, dass er sich falsch interpretiert. Wäre das in Er-Form, so wäre ich als Autor der herablassende Richter; so richtet er sich selbst."

Frisch schrieb in seinen Romanen über die Komplexe und Konflikte der bürgerlichen Intellektuellen und betätigte sich nicht zuletzt als Gesellschaftskritiker. Beständig setzte er sich mit der Schweiz auseinander, von der er kurz vor seinem Tod 1991 sagte, ihn würde nur noch sein Reisepass mit diesem Staat verbinden. Mit seinem Ansatz, Biographien nicht durch psychologisch motivierte Innenansichten, sondern durch das Durchspielen von individuellen Geschichten sichtbar zu machen, hat er die Literatur bereichert – und das Leben jeden Lesers, der sich auf sie einlässt.

Kai U. Jürgens, wissen.de-Redaktion
 

Total votes: 0