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Teekesselchen - das Spiel mit den Bedeutungen (Podcast 27)

Teekesselchen
Teekessel auf dem Herd

Die altomodische Art, Wasser zu erhitzen.

Weil die besten Spiele keine Vorbereitung, kein Spielbrett und keine Technik benötigen, ist „Teekesselchen“ eines der beliebtesten Spiele der Deutschen. Gut fuer die Bildung obendrein. Also: Spielen Sie mit! Und erfahren Sie, was es mit "Homonymen" und "Polysemen" auf sich hat. Und nicht zuletzt, warum dieses Spiel ausgerechnet "Teekesselchen" heißt.

 

Das Spiel und die Regeln

 Sollte Ihnen dies kurzweilige und lehrreiche Spiel noch nicht begegnet sein, hier eine kurze Beschreibung. Mindestens zwei Spieler braucht man dafür. Sind es mehr, können Gruppen gebildet werden. Eine Seite überlegt sich gleich lautende Wörter verschiedener Bedeutungen, z. B. das Wort „Krippe“. Diese Worte heißen in der Fachsprache „Homonyme“ oder „Polyseme“. Der Wort-Geber umschreibt seinen Begriff anhand der unterschiedlichen Bedeutungen, die „Krippe“ also z.B.: „Aus meinem Teekesselchen fressen Tiere und drin sind Kinder.“ „Das Jesuskind lag drinnen und es gibt Spielzeug.“ „Man stellt es im Winter für Wildtiere auf und Kinder gibt man auch im Sommer dort hin.“ Mit so wenigen Erklärungen wie möglich versucht der Mitspieler den Begriff zu erraten. Die Rolle von Wort-Geber und –Rater wechseln. Am Ende gewinnt, wer die wenigsten Erklärungen zur Lösung bedurfte.


Das Spiel und seine Herkunft

 Herrlich rätselhaft ist beim Teekesselchen-Spiel nicht nur das Spiel. Auch sein Name selbst gibt Rätsel auf. Vermutungen zufolge stammt die Spielidee aus England, wo man die Lösungen auf kleine Zettel schrieb und diese in Teekesseln verbarg. Vielleicht, weil die gerade für den Five-O-Clock-Tee in greifbarer Nähe standen?
Ein anderer Erklärungsansatz meint, dass die Menschen, die die Umschreibungen der Worte formulieren miteinander scheinbar so viel gemeinsam haben, wie ein Teekessel mit einem anderen: Äußerlich nichts, aber dem Inhalt nach durchaus.

Möglichkeit drei, die vermutet wird: „Teekessel“ hieß früher nicht nur der Wasserkessel, sondern auch ein Dummkopf. „Hey, Du Teekessel!“ - mancherorts schimpft man so bis heute einen begriffsstutzigen Menschen. Einen Menschen eben, der erst zwei und drei Umschreibungen braucht, bevor er die Wortbedeutung erkennt…


Mein Teekesselchen für Sie

 Mein Teekesselchen verschenkt man gerne. Es steigt einem in die Nase. Essen kann man es außerdem. Und es besteht aus Tierhaaren.
Alles klar? Ich hab noch mehr:
Mein Teekesselchen gibt es in allen erdenklichen Farben. Es wird auch Bukett genannt. Man muss es braten oder schmoren. Die Spitze einer Lunte.
Jetzt aber…Nein? Also:
Mein Teekesselchen hat Wurzeln. Es beschreibt den Geruch eines Weins. Es ist ein Teil einer Rindskeule. Und die Spitze des Fuchsschwanzes.
Genau: die Blume!  Ein Teekesselchen mit mindestens vier verschiedenen Bedeutungen: Es gibt die Blume als von Tieren bestäubte Blütenpflanze. Es gibt die Blume als fachliche Bezeichnung für den Geruch des Weins. Blume heißt das Hüftstück der Rindskeule. Und die weiße Spitze des Fuchsschwanzes.


Lust auf mehr? Weiter geht’s mit etwas Abstrakten:

Mein Teekesselchen gehört zur Musik.  Es reichen dazu aber auch wenige Worte oder Gesten.
Haben Sie schon eine Ahnung? Also weiter:
Mein Teekesselchen  liebt den Dreiklang.  Es ist da, wenn kein Streit herrscht.
Schon klar, oder? Na gut, mein letzter Tipp:
Mein Teekesselchen prägt die Melodie. Und es ist ein philosophisches Ideal.
Ja, sehr gut: die Harmonie! Teekesselchen mit wenigstens zwei Bedeutungen in der Musik und der Philosophie. Für die Ästhetik ist Harmonie das Merkmal des Schönen, das Zusammenstimmung von Farben, Maßen, Bewegungen.


Und jetzt? Etwas Jahreszeitlich passendes:

Mein Teekesselchen ist eine Zierde. Es hängt Fensterflügel auf. Und es tut bei Verletzungen höllisch weh.
Rätsel gelöst? Nächster Tipp:
Mein Teekesselchen ist dünn und lang. Es hilft Öffnen und Schließen. Es kann sich mit anderen kreuzen und bei Überbeanspruchung reißen.
Ich glaube, es reicht noch nicht, oder?
Mein Teekesselchen bindet man um Geschenke. Es ist ein Fensterbeschlag. Und ein Teil des menschlichen Körpers.
Richtig: das Band!  Neben den Bedeutungen im Textil- und Bauwesen und in der Medizin gibt es Bänder auch noch in der Elektrotechnik und als veraltetes Zählmaß. Und als kleiner Exkurs: das „Blaues Band“ ist eine Auszeichnung für das schnellste Passagierschiff des  Nordatlantik. Quasi die Düsenjets der Meere.


Nun aber noch ein wenig sprachwissenschaftlicher Hintergrund

Woher kommen diese Worte gleicher Lautung? Und wie entstanden sie?
„Homonyme“ haben verschiedene Wort-Ahnen. Im Laufe der Zeit schliff sie die Sprache in die gleiche Richtung. Heute bezeichnet ein Wort zwei oder mehr gänzlich unterschiedliche Dinge. Als Beispiel: „der ungläubige Heide“ und „die blühende Heide“.
„Polyseme“ hingegen haben ihre Wurzeln im gleichen Wort und damit auch eine gewisse Wort-Verwandtschaft. Die Bedeutung des Wort-Ahnen wurde im Laufe der Zeit auf verschiedene Dinge aufgeteilt. So bezeichnet heute das „Schloss“ sowohl ein Gebäude als auch eine Türverriegelung.
Und, um die Verwirrung komplett zu machen: Wer das Teekesselchen-Spiel auch nur etwas weiter fasst, der darf auch Homophone verwenden. Und Homographen. Erstere werden gleich gesprochen, haben aber eine andere Bedeutung UND andere Schreibung, z. B. das Volks-Lied und das Augen-Lid. Letztere werden gleich geschrieben, haben aber eine andere Bedeutung UND eine andere Aussprache. Beispiel: „einen Text übersetzen“ und „mit dem Boot übersetzen“.


Die Summe der Teile

Bleibt nur die Frage, warum all diese „Teekesselchen“ meist problemlos nebeneinander existieren können? Und die erschließt sich fast von selbst: Wir verwenden selten isolierte Worte, sprechen Wortkombinationen, formulieren Sätze und bewegen uns im Gespräch oder Text in einem Gesamtzusammenhang. Der lässt uns die Bedeutung eines Wortes logisch erschließen – solange wir der Sprache auch mächtig sind. Beste Beispiele, wie es nicht funktioniert sind einfach Übersetzungsprogramme, die vor solchen Hürden in die Knie gehen und sprachlichen Unfug entstehen lassen. Unser Gehirn aber hat gelernt, dass es das Tau und den Tau gibt, den Leiter und die Leiter, das Steuer und die Steuer, das Blau und die Blau. Und auch ohne differenzierenden Artikel wissen wir im Sinnzusammenhang, welche Kerze, Kreuzung, Krone oder Karte gemeint ist.


Genug gespielt, liebe Hörer!

Aber eben nicht nur gespielt, sondern spielerisch gelernt. Denn nicht nur das Sprachgefühl profitiert vom Wortwettbewerb, sondern auch die Kombinationsfähigkeit. Bei Jung und Alt ebenso wie bei Sprachneuling und alten Sprach-Hasen. Und wen der Spaß um die Doppelbedeutungen einmal angesteckt hat, der bleibt meist lebenslang auf der Suche nach den Teekesselchen der Welt. 

Barbara Steiger, wissen.de-Redaktion 

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