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Stau - ein echtes Lebensgefühl! (Podcast 140)

Stau - Gefahr für Leib und Leben
Stau
Stau

Die Koffer sind längst gepackt, das Feriendomizil wartet und die Familie will los. Dass gerade am letzten Schul- sowie ersten Ferientag die Staugefahr am größten ist, wird Jahr für Jahr zuverlässig ignoriert. Von der Mehrheit der Deutschen, die wild entschlossen ins Auto steigt und sich in die nach Süden ziehenden Blechlawinen einreiht. Staus von 70 bis 85 Kilometern Länge wie auf der A3 oder der A8 gemessen, sind an den zwölf Sommerferienwochenenden im Jahr zwar Rekord, aber dennoch nicht überraschend. Da kann der ADAC noch so eindringlich vor Staugefahr in den Ferien warnen. Dass auch in diesem Sommer wieder endlos lange Autoschlangen die Bahn verstopfen, davon ist Susanne Böllert von wissen.de überzeugt. Immerhin wusste schon Blaise Pascal: „Alles Unglück des Menschen rührt daher, dass er nicht ruhig in seinem Zimmer sitzen kann.“

Das Zeitgefühl ist längst verloren, der Nacken verspannt, die Haut verschwitzt. Und das Hirn wird langsam flüssig. Höhnisch blinkt das Schild „Staugefahr“ von der Autobahnbrücke, die sich Millimeter für Millimeter nähert. Staugefahr! Welch Sarkasmus, wenn man seit Ewigkeiten mitten drin steckt im obligatorischen Ferienstau und viel zu viel Zeit hat, um sich seltsame Gedanken zu machen - zum Beispiel darüber, dass die wahre Staugefahr darin besteht, langsam seinen Verstand an gleißenden Motorhauben, stinkenden Auspuffe, zankenden Mitfahrer und eine platzende Blase zu verlieren. 74 Prozent der Deutschen sind von Staus genervt, das hat eine Forsa-Umfrage ergeben. Kaum verständlich erscheint da die Tendenz, die Otto Saalmann vom ADAC beobachtet hat. Denn, auch wenn Faktoren wie das Wetter oder auch die Wirtschaftskrise das Fahrverhalten der Deutschen beeinflussten und einen Vergleich erschwerten, eins sei sicher: Die Staugefahr ist in den letzten Jahren gestiegen. Die Anzahl der Staus nimmt zu.

Professor Gerhard Uhlenbruck, der 1929 verstorbene deutsche Immunbiologe und Aphoristiker, trifft mit  seiner Feststellung, „Seinen Fehlern bleibt der Mensch treu“, also voll ins Schwarze. Warum sonst ändert der homo motorens seine Fahrgewohnheiten nicht und vermeidet die Tage mit der größten Staugefahr? Sommer, Sonne, Sonnenschein sind einen Tag später schließlich immer noch da. Es ist ausgerechnet Stauexperte Otto Saalmann, der in seiner Zeit beim ADAC schon unzählige Male vor akuter Staugefahr gewarnt hat, der die störrischen Autofahrer in Schutz nimmt. „Häufig können die Leute nur an bestimmten Tagen fahren, zum Beispiel, wenn sie schulpflichtige Kinder haben. Die fahren dann einfach los, denken sich, ich nehm das jetzt in Kauf und hab‘ ja dann 14 Tage, um die stressige Anreise wieder zu vergessen. In dem Zusammenhang sollten die Hotels vielleicht auch mal ihre Praxis überdenken, den Zimmerwechsel immer auf den Samstag zu legen.“

Plötzlich gerät der Puls durcheinander, das Herz jubiliert! Es rollt, es rollt! Der Verkehr hat sich entzerrt. Genussvoll wird der zweite, der dritte, vierte und schließlich der fünfte Gang eingelegt. Gardasee! Ich komme! Jäh endet der Jubel.


 Der Verkehr wird zäher, stockender - wir stehen. Dann rollen wir ein paar Zentimeter. Und stehen. Die Waden krampfen von der ganzen Schalterei. Stop and Go – vielleicht noch nervtötender als der totale Stillstand? Dabei ist es durchaus nichts Ungewöhnliches, auf einer Urlaubsfahrt gleich mehrmals ins Stocken zu geraten. Unglaubliche 994 Mal sind die Deutschen an den zwölf Sommerferien-Wochenenden 2010 in einen mindestens zehn Kilometer langen Stau geraten, so die Statistik von Otto Saalmann. „Darunter fangen wir erst gar nicht an zu zählen“, sagt der ACAC-Sprecher. Nur im Jahr 2008 wurden die Deutschen noch öfter zum Stillstand gezwungen. Ganze 996 Mal. Auch die Gesamtlänge der Zehn-Kilometer-Staus und mehr hat 2008 mit 14.025 Kilometern Rekorde gebrochen. Nach einem Einbruch auf läppische 9.897 Kilometer im Krisenjahr 2009 stieg die Gesamtkilometerzahl, die die Deutschen in ernst zu nehmenden Staus steckten, wieder auf knapp 14.000 Kilometer im Jahr 2010.

Eins ist klar, das nächste Mal fahr‘ ich direkt nach der Arbeit los – und von mir aus die ganze Nacht durch. Statt flimmernder Hitze, kochendem Asphalt und endlosen Blechkarawanen wird mich die Mond beschienene Einsamkeit der leergefegten und angenehm kühlen Bahn erwarten. Selbst über Autobahnen wie die A8 zwischen Karlsruhe und Salzburg oder die A1 von Dortmund bis Lübeck, die traurige Rekorde mit bis zu 1125 Staus an den Sommerferienwochenenden halten, werde ich völlig ungehindert donnern können.


Doch ach! Stau-Experte Saalmann warnt: Nicht jeder sei für Nachtfahrten geeignet. Brillenträger oder ungeübte Fahrer sollten gerade bei schlechtem Wetter auf die nächtliche Mammuttour verzichten. Auch das Aufputschen mit Kaffee helfe nur kurz. Das anschließende Leistungstief sei umso heftiger. Besser sei es, immer wieder kleine Pausen einzulegen und frische Luft zu schnappen. Die Deutsche Verkehrswacht mahnt hingegen, auch hinterm Steuer ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Denn schon ab zwei Prozent Flüssigkeitsverlust sinke das Leistungsvermögen um ein Fünftel.


Wer der Staugefahr zu Ferienbeginn und Ende dennoch entgehen will, der sollte statt am Abend gestresst nach der Arbeit zu starten, besser „in den Tag hineinfahren“, rät Otto Saalmann. Nach ein paar Stunden Schlaf in den frühen Morgenstunden in den Urlaub zu starten, verringere das Risiko von Stau und die Gefahr, übermüdet einen Unfall zu bauen, deutlich. Immerhin sind nach starkem Verkehr und Baustellen Unfälle der Hauptauslöser von Staus. Der Mensch ist damit auch auf der Autobahn seines Unglückes Schmied.

Mit dieser Tatsache will sich aber natürlich wieder niemand abfinden. Es wird gedrängelt, gehupt und geflucht. Als wenn das die Staugefahr verringern würde. Je größer die Karre, desto penetranter gebärden sich die Spurwechsler. Von dem Experiment des HR3 hat hier wohl noch niemand ‘was gehört. Dabei haben drei Autofahrer eine 48 Kilometer lange Strecke auf der A66 und der A3 zurückgelegt, inklusive Baustellenstau. Am schnellsten war der Fahrer, den sein Navigationsgerät über die Dörfer um den Stau herum gelotst hatte. Die Testfahrerin, die auf der vollen Autobahn immer wieder die Spur wechselte, kam dagegen als zweite und nur fünf Minuten vor dem gemütlichen Rechtsfahrer an, der sich mit dem temporären Stillstand auf der Bahn einfach abgefunden hatte. Dem Stau auszuweichen und einer Umgehungsstraße zu folgen, ist indes auch nicht immer anzuraten. Schließlich hören nicht Sie allein den Verkehrsfunk oder werden von Ihrem Navi zu abenteuerlichen Überlandfahrten aufgefordert, sondern all die anderen Leidensgenossen auch. „Außerdem sind die sichersten Straßen nach wie vor die Autobahnen - selbst bei Stau, die Gefahr von Unfällen ist auf allen anderen Straßen größer“, erklärt Otto Saalmann, der einmal am eigenen Leibe erfahren musste, wozu Ungeduld im Stau führen kann: „Ich habe auf meine Kollegen aus dem Radio gehört und bin auf eine Umgehungsstraße gefahren. Die führte allerdings in Serpentinen einen Berg hinunter und endete in einer Baustelle. Dahinter befand sich zu allem Überfluss ein beschrankter Bahnübergang.“ Angesichts dieser verzweifelten Situation entschied Saalmann sich, das Steuer seiner Freundin zu überlassen und zu Fuß weiterzugehen. Auch die Freundin hielt diese Variante für die erträglichste.

Wenn jetzt ein Alien auf unsere Blechschlange herniederschaut, muss er den Gedanken, irgendwo im Weltall, etwa auf dem blauen Planeten, könnte noch intelligentes Leben herrschen, augenblicklich verwerfen. Sich sehenden Auges der alljährlichen Staugefahr auszusetzen und sich Stoßstange an Stoßstange erhoffter Erholung und Entspannung entgegen zu walzen, lässt  am menschlichen Verstand tatsächlich zweifeln. Intelligentes Leben gibt es auf Erden aber dennoch – und zwar im Reich der Ameise. Von diesem emsigen und altruistischen Tierchen könnte sich das Homo sapiens genannte Wesen Mensch durchaus noch etwas abgucken. Denn sich ein Beispiel an dem kleinen Insekt zu nehmen, würde nicht zuletzt die Staugefahr auf deutschen Autobahnen verringern.  Andreas Schadschneider, seines Zeichens Physikprofessor an der Uni Köln, konnte auf einer Indienreise das überaus intelligente Verhalten der Wanderameisen dokumentieren: Obwohl die „Verkehrsdichte“ auf den Ameisenstraßen beim Umzug von Nest zu Nest deutlich über dem Verkehrsaufkommen zur Hauptreisezeit auf deutschen Autobahnen liegt, kommt der Fluss der Wanderameisen nicht ins Stocken. Staugefahr im Ameisenhaufen? Aber nicht doch. Der Grund: Wanderameisen sind Teamplayer. Sie wollen alle – ähnlich wie die Ferienreisenden - ans selbe Ziel. Aber anders als die Einzelkämpfer in ihren Blechbüchsen, die drängeln und überholen und auch ansonsten ein äußerst egoistisches Verhalten an den Tag legen, marschieren die solidarischen Ameisen alle im selben Tempo – geringe Geschwindigkeitsdifferenzen verringern die Staugefahr erheblich. Der Professor schlägt deshalb Überholverbote, Pförtnerampeln an Autobahnauffahrten, die den Zufluss regulieren, sowie strengere Geschwindigkeitsbegrenzungen vor, um auch auf unseren Autobahnen die Staugefahr zu mindern. Von allein wird der menschliche Stauverursacher sein schädliches Verhalten sicher nicht ändern.

Mir kommt das neue Lied von Grönemeyer in den Kopf: „Still ruht der Stau, der Himmel ist blau, die Sonne lacht, die macht sich wohl über uns lustig.“ Nervös trommel ich aufs Lenkrad. Ohrwurm aus Sprechgesang. Na, toll. Stau wird sich wohl niemals vermeiden lassen – selbst wenn der inzwischen 50 Jahre alte Verkehrsfunk längst nicht mehr auf die Faxe der Polizei angewiesen ist, deren Inhalte den Radiozuhörer oft erst 45 Minuten später erreichten. Ein wenig Hoffnung macht vielleicht, dass die Verkehrsinfos heute zu 80 Prozent von den Straßen selbst gesendet werden, genauer gesagt von so genannten Zählschleifen – das sind Drahtschleifen, durch die Strom fließt. Diese messen, wie viele Autos mit welcher Geschwindigkeit vorbeikommen, Computer werten die Signale aus und berechnen aufgrund von Erfahrungswerten, wann aus der latenten Staugefahr ein waschechter traffic jam geworden ist. All dies wird jedoch nichts daran ändern, dass wir uns unsere Urlaube auch in Zukunft durch nervenaufreibende Stop-and-Go-Fahrten erst so richtig verdienen müssen. Und schuld ist nicht das Wetter oder die Baustellen oder irgendetwas anderes. Schuld ist der Mensch. Er steckt nicht im Stau. Er ist der Stau.

Das hat das Nagel-Schreckenberg-Modell der gleichnamigen Physiker ergeben. Sie wollten herausfinden, weshalb selbst bei bester Sicht und freier Bahn stets eine gewisse Staugefahr herrscht. Sie kennen das: Erst steht man ewig im Stau, dann fließt der Verkehr irgendwann plötzlich wieder – ohne dass eine Ursache in Sicht käme, kein Unfall, keine Baustelle. Nichts. Dieses Phänomen nennt man Phantom-Stau. Um es zu erforschen, ließen Kai Nagel und Michael Schreckenberg zwei Dutzend Autofahrer gleichmäßig im Kreis hintereinander her fahren. Nach zehn Minuten stand alles. Der Grund: Einer der Fahrer hatte gebremst, sein Hintermann ebenfalls, vielleicht ein bisschen stärker. Eine Kettenreaktion wird ausgelöst. Und irgendwann bremst der letzte in der Kette so stark, dass er steht. Genau das passiert, wenn es auf der Gegenfahrbahn gerumst hat und die Schaulustigen sich selbst ausbremsen.

102 Milliarden Euro kostet der Stau die deutsche Volkswirtschaft im Jahr, wie der BDI vor einiger Zeit hat errechnen lassen. Benzinkosten, Umweltschäden, Zeitverlust und gesundheitliche Schäden in Folge von Stress gehen mächtig ins Geld. „Gemeint ist hier vor allem der alltägliche Pendlerstau und weniger der Ferienstau“, erklärt ADAC-Sprecher Otto Saalmann. Dennoch plädiert er gerade zur Ferienzeit für verantwortungsvolles Handeln unter den leidgeprüften Staustehern. „Wichtig ist vor allem, eine Rettungsgasse zwischen den Wagen zu lassen, damit Bergungsfahrzeuge durchkommen können.“ Außerdem dürfe das eigene Auto nie zum Verkehrshindernis werden. Wer sich also kurz die Beine vertrete, müsse sofort wieder startklar sein, wenn es weitergeht. Aussteigen im Stau ist streng genommen zwar verboten, die Polizei drückt aber ein Auge zu, solange nicht der Picknicktisch und der Liegestuhl ausgepackt werden.


 Apropos, Beine vertreten. Mir reicht’s. Ich dreh mal `ne Runde zu Fuß. Und tschüss!
 

Susanne Böllert, wissen.de-Redaktion

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