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Schuften, streiken und studieren – Alltag an deutschen Unis (Podcast 97)

"Bildung ist das höchste Gut"
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Studentin

– so lautet ein bekanntes und viel zitiertes Sprichwort. Und alle Menschen in Deutschland haben das Recht auf Bildung und die gleichen Chancen, diese zu erlangen. Tatsächlich? Hören Sie heute "Schuften, streiken und studieren – Leben und Alltag an deutschen Unis". und entscheiden Sie selbst.

Oktober 2010. Wenn in diesen Tagen an den deutschen Unis und Fachhochschulen das neue Semester beginnt, kann jeder, der dabei ist, von Glück sprechen. Den Wunschstudienplatz zu ergattern, ist nämlich an den überfüllten deutschen Hochschulen gar nicht so einfach.

Dennoch: Die meisten Erstsemestler freuen sich auf den neuen Lebensabschnitt - die Schule ist vorbei, man lernt nur noch, was einen wirklich interessiert, und am Wochenende gibt es heiße Studentenpartys. Soweit die Vorstellung. Die Realität sieht anders aus. Und so wundert es auch nicht, dass es in der Studentenschaft an vielen Stellen brodelt. Vor exakt einem Jahr kochten die Studentenproteste endgültig hoch. Kundgebungen, Demonstrationen und Besetzungen waren an der Tagesordnung. Der "Bundesweite Bildungsstreik“  war plötzlich in aller Munde. Die seit Jahren schwelende Wut der Studenten auf die - in ihren Augen misslungene - europäische Hochschulreform "Bologna“ hatte sich Bahn gebrochen.

Zu dem Zeitpunkt sind längt nicht "nur“ Linksradikale und Punks dabei, die mit ihrem Handeln die Aufmerksamkeit von Politik und Gesellschaft auf sich ziehen wollen. Was in Wien seinen Anfang genommen hat, verbreitet sich bald wie ein Lauffeuer in den Universitäten Europas. Studierende der verschiedensten Fachrichtungen besetzen Hörsäle, veranstalten Flashmobs und machen ihrem Ärger über „Bologna“ Luft. Und sie werden gehört. Inzwischen haben sich sogar Professoren, Lehrkräfte, Gewerkschaften und Politiker mit den Studierenden solidarisiert. Und es sind viele – sehr viele.

 

Münchner Studenten – eine Elite am Limit?

Ich lade Sie ein, mit mir einen exemplarischen Blick auf München zu werfen – die teuerste Stadt Deutschlands. Mit zwei Elite-Universitäten liegt die Landeshauptstadt in einem der fünf Bundesländer, die vom ersten Semester an Studiengebühren verlangen: in Bayern. Hier hat natürlich jeder, der entsprechende Leistung bringt, das Recht, zu studieren – unabhängig von der wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Stellung der Eltern. Sagt das bayerische Hochschulgesetz. Doch die Realität sieht oft anders aus:

Kaum ein Student hat hier heute noch das Glück "einfach nur studieren zu können“. München ist nämlich auch in Sachen Studentenwohnheim ein teures Pflaster: Für ein WG-Zimmer oder einen Wohnheimplatz zahlt man zumeist 400 bis 600 Euro. Der aktuelle Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks zufolge stehen jedem Studenten in Deutschland durchschnittlich ganze 812 Euro pro Monat zur Verfügung. Nach Abzug der Studiengebühren, Studentenwerksbeiträge, Miete, Lebenshaltungs- und Fahrtkosten bleibt da nicht mehr viel übrig, wenn man sich nichts dazuverdient. Und das gilt nicht nur für Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen.

 

Studieren wird immer teurer – in ganz Deutschland

Laut derselben Studie sehen sich 66% der angehenden Akademiker gezwungen, während der vorlesungsfreien Zeit, an den Abenden und Wochenenden oder in den frühen Morgenstunden, zu arbeiten, um sich ihr Studium zu finanzieren. Durchschnittlich haben Studenten in Deutschland eine 44-Stunden-Woche – und das ist mehr, als viele andere Arbeitnehmer leisten müssen. Das kann man hinnehmen, wenn es sich bei dem jeweiligen Nebenjob darum handelt, Tutorübungen zu halten oder Nachhilfe zu geben. Muss man sich als Fließbandarbeiter, Stripperin oder als Kellner in einem Nachtclub verdingen, ist man zumeist unterbezahlt, ständig übermüdet und das Nachbereiten der Lerninhalte bleibt auch auf der Strecke.

Martin studiert theoretische Physik an der LMU in München und wird im Herbst sein fünftes Semester beginnen. Früher war er ein sehr guter Schüler und hat sogar ein Stipendium bekommen. Das Studium geht ihm jedoch nicht so leicht von der Hand – aus guten Gründen:

"Ich arbeite jeden Abend, um mir mein Studium zu finanzieren. Unter der Woche helfe ich bei einem Lieferservice aus und am Wochenende arbeite ich als Türsteher in einem Club. Freizeit habe ich kaum mehr. Aber das Schlimmste ist, dass ich kaum mehr lernen kann. Wenn ich den Lehrstoff nicht bald nachholen kann, wird mir vielleicht sogar mein Stipendium aberkannt. Ich weiß nicht, was ich dann machen soll.“

Martins Kommilitonin und Freundin Nicole hat es nicht leichter. Zwar muss sie keine Studiengebühren zahlen, weil sie noch drei Geschwister hat. Aber das Bio-Chemie-Studium hat es in sich:

"Ich bin teilweise bis acht oder neun Uhr abends im Labor. Das ist sehr interessant und war schon immer mein Traum. Aber ich muss täglich um vier Uhr morgens aufstehen. Ich verdiene mir in einer Bäckerei etwas dazu, 4,50 € die Stunde. Mehr ist nicht drin. Das schlaucht ziemlich. Aber wer will denn mit 23 Jahren noch seinen Eltern auf der Tasche liegen?!“

Und eben hier tut sich ein weiteres Problem auf: durch die europaweite Bologna-Reform, die Einführung von Bachelor- und Master- anstelle von Diplom- und Magisterstudiengängen, ist der studentische Stundenplan nicht gerade lockerer geworden: gleicher Lernstoff in weniger Zeit – so lautet neuerdings die Devise. Wo bleibt da die Freizeit? Und vor allem: Wo bleibt die Bildung?

 

Was Humboldt zu Bologna sagen würde

"So viel Welt wie möglich in die eigene Person zu verwandeln, ist im höheren Sinn des Wortes Leben" – so Wilhelm von Humboldt, der Begründer des humanistischen Bildungsideals. Sein Ziel war es, in den Universitäten die "Einheit von Forschung und Lehre“ sicherzustellen. Die neusten Reformen stellen aber viel eher einen komplizierten Spagat zwischen einer Verschulung und rein auf den Beruf ausgerichteten Studiengängen dar. Kurz gesagt bedeutet dies, dass die Lehre immer mehr von der aktuellen Forschung abgekoppelt wird und vor allem im Bereich der Geisteswissenschaften die Zeit für das Selbststudium fehlt. Früher war es Sache der Fachhochschulen, praxisnahe, anwendungsorientierte Studiengänge anzubieten. Heute scheint es, als würden die Universitäten nur noch nach demselben Prinzip funktionieren. Das ist schlichtweg Massenproduktion.

 

Der Druck wächst und wächst.

Seit Beginn des Bologna-Prozesses gibt es zahlreiche Neuerungen, die den Studenten erheblich zusetzen. Das beginnt mit dem Kampf um einen Studienplatz, geht über in das Ringen mit der neuen Prüfungsordnung und endet frühestens, wenn man einen Platz in einem Masterstudiengang ergattert hat. Denn derer gibt es nicht genug – in manchen Fächern sogar nur für das beste Drittel der Bachelor- Absolventen.

Kaum jemals wurden die Hochschulpsychologen und Angestellten der Studienberatung so oft in Anspruch genommen wie während der letzten Jahre seit Einführung der Reformen. Immer mehr Studenten leiden an Depressionen und geringem Selbstwertgefühl. Prüfungsangst und Perspektivlosigkeit sind inzwischen nicht einmal mehr den Elite-Studenten unbekannt.

Eine Studie des Hochschul-Informations-Systems zeigt zwar, dass die Abbrecherquote während der letzten Jahre beinahe konstant geblieben ist. Die Beweggründe der Abbrecher haben sich jedoch inzwischen markant verschoben: Fast ein Drittel der Befragten geben aktuell als Grund für ihre Entscheidung "Leistungsprobleme“ an, weitere 19% führen "Probleme mit der Finanzierung des Studiums“ an. Mit Nebenjob geht es nicht. Aber ohne scheinbar auch nicht. Jedenfalls nicht für das Gros der Studenten. Statistiken sprechen für eine indirekte soziale Selektion an deutschen Hochschulen, die es nur wohlhabenden oder extrem leistungsfähigen jungen Leuten ermöglicht, erfolgreich zu studieren: 71 % der Akademiker-Kinder besuchen eine Hochschule, jedoch nur ein knappes Viertel der Kinder aus nicht-akademischen Haushalten studieren ebenfall. Natürlich. Denn Akademiker sind oft nicht nur wohlhabender aufgrund besser bezahlter Berufe. Sie können ihren Kindern zumeist auch mehr Bildung vermitteln als Eltern ohne akademische Laufbahn.

Soviel zur Unabhängigkeit des Studierenden von der wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Stellung seiner Eltern. Der Kreislauf schließt sich. Es ist also kaum verwunderlich, wenn so viele Menschen auf die Straße gehen und gegen ein Bildungssystem demonstrieren, in dem Chancengleichheit noch lange nicht verwirklicht ist.

 

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