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Migration und Sprache (Podcast 103)

Beeinflussen Migranten die deutsche Sprache?
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"Mundwerk"

Beeinflussen Migranten die deutsche Sprache?

Die Themen Integration, Sprache, Migranten sind oft in den Schlagzeilen. Thilo Sarrazzin hat mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ eine Debatte angestoßen, die sich wie eine Krake in die Köpfe anderer Politiker vorgetastet hat. Einer sagt: Zuwanderung, nein! Ein anderer: Zuwanderung, ja! Dieser sieht Integrationsprobleme bei türkischen Einwanderern. Viele reden dagegen, jener fordert seine Landsleute auf, sich besser zu integrieren und Deutsch zu lernen.

Sprache und Integration gehören eng zusammen. Manchmal kreieren unsere ausländischen Mitbürger neue Wörter, wie der ehemalige Bayern München-Trainer Louis van Gaal: Bei ihm wird gefußballt, mit ihm werden Chancen kreiert. Das mit dem gefußballt hat sich nicht durchgesetzt. Aber vielleicht haben Migranten doch langfristig Einfluss auf die deutsche Sprache oder verändern sie sogar, wie Medien vor drei Jahren geschrieben haben? Wie stehen Integration, Sprache und Identität zueinander? Wir versuchen eine Antwort am Beispiel von Türkendeutsch.

Faridun Zaimoglu gehört zu den rund 1,9 Millionen türkischen Einwanderern in Deutschland. Er ist Schriftsteller und spricht von Seinesgleichen gern von Kanakstern und Kanakstas sowie deren Sprache, der Kanak Sprak. Er hat ein Buch darüber geschrieben, „Kanak Sprak – 24 Misstöne der Gesellschaft“. Darin verarbeitet er die Lebenswirklichkeit junger Migranten literarisch. 

Zaimoglu setzt dem tolerant-liberalen, ordnungsliebenden Deutschen mit der Kanak Sprak eine radikale, schwer verdauliche Kost entgegen. Aber diese Sprache ist Realität. Prof. Dr. Bernd Meyer, Sprachwissenschaftler am Arbeitsbereich für Interkulturelle Kommunikation der Uni Mainz, sieht das positiv. Ob man diese Sprache „Türkenslang“, „Kanak-Sprak“ oder „Ghettosprache“ nennen will, die verschiedenen Sprechstile der Migranten trügen zur Vielfalt von sprachlichen Merkmalen in der deutschen Sprache bei. Dr. Meyer sagt: „Das Deutsche erfährt dadurch aber insgesamt keine besondere Veränderung, es wird vielmehr in bestimmten Gesprächssituationen eingefärbt."


Vor einigen Jahren ging der Türkenslang negativ durch die Presse. „Deutsche Jugendliche übernehmen vermehrt die Aussprache und Satzbildung ausländischer Jugendlicher und benutzen auch häufig Worte aus dem Türkischen oder Arabischen.“ Das hatte der Professor für Linguistik an der Freien Universität Berlin, Norbert Dittmar, gesagt. Damit ist er zum Kern der türkischen Migrantensprache vorgedrungen: Es handelt sich um einen Jugendslang.
 

Als kennzeichnend für diese Art von Jugendsprache galten und gelten das gerollte „r“ und die so genannte Koronalisierung des Ich-Lauts, also isch statt ich, misch statt mich usw., sowie Wörter wie „Yalla“ für „los geht’s“ und verkürzte Sätze: „Isch gehe Bibliothek“. Außerdem lassen Türken im Deutschen gern Artikel und Präpositionen weg. Und sie stehen für Ausdrücke wie „Isch schwör“ und „Weißt Du?“ Sie werden mittlerweile auch von deutschen Muttersprachlern gern in den Mund genommen. Von Moritz Bleibtreu zum Beispiel. Für den Schauspieler war dieser türkische Slang eine Bereicherung für das Deutsche, ein bisschen multikulturelles Selbstbewusstsein.
 

Über Film, Fernsehen, Medien generell promoten Deutsche die türkischen Einflüsse und verbreiten sie - gewollt oder ungewollt. Zu nennen sind unter anderem die „Ethno-Comedys“ und die Serie „Türkisch für Anfänger“. Türkisch ist mehr als eine Sprache der Migranten, Türkisch ist Kult – nicht nur in den Medien, sondern auch auf der Straße, zumindest in manchen Cliquen. Und vor allem eben unter Jugendlichen.

 

Jugendsprache

Dass der Türkenslang eine Art Jugendsprache ist, darüber sind sich Sprachforscher einig. Einige Wissenschaftler gehen davon aus, das der Türkenslang, aber auch die Sprechweisen von Migranten aus anderen Ländern, langfristig die deutsche Sprache verändern werden. Aber wie und wann, das ist noch weitgehend unerforscht. Nina Berend, Professorin am Institut für Deutsche Sprache, geht davon aus, dass der noch relativ frische Kontakt der deutschen Sprache mit Ethnolekten folgenreich sein wird.

Unter türkischstämmigen Jugendlichen beobachten Experten immer wieder, dass viele von ihnen das Hochdeutsche sehr wohl beherrschen. Aber sie sprechen es nur, wenn sie möchten. Manchmal wollen sie sich einfach nur abheben und abgrenzen. Sei es, dass sie es aus Trotz auf die Ablehnungshaltung der Deutschen tun, sei es, weil es cool ist. Besonders junge (türkische) Männer stilisieren sich mit dem Türkenslang als hart und aggressiv. Das hat zuletzt ein Forschungsprojekt des „Institut für Deutsche Sprache“ in Mannheim demonstriert. Ein bestimmter Sprachstil – und das ist auch typisch für die Jugendsprache - wird zum Erkennungsmerkmal einer Gruppe, vergleichbar mit Hip Hoppern, die ihren eigenen Sprach- und Musikstil pflegen. In vielen Hip Hop-Liedern werden drei Sprachen verwendet: Deutsch, Englisch und Türkisch. Für Sprachforscher ist das ein Desaster. Aber beim genauen Hinschauen steckt eine enorme sprachliche Kompetenz dahinter, geht es doch um Jonglieren mit drei Sprachen, die man beherrschen muss, damit das Kunststück gelingt. In einem Forum erklärt ein Türke, warum mindestens zwei Sprachen von Vorteil sind: „Türkisch flowt sehr geil, Deutsch verstehen dich mehr.“

Laut Kulturwissenschaftlerin Dr. Susanne Stemmler wird Mischsprachigkeit „als Möglichkeit betrachtet, dem eigenen Lebensgefühl Ausdruck zu verleihen. Es kann so Differenzen hörbar machen, die durch die Mehrheitsgesellschaft oft unsichtbar gemacht werden“.

 

Der HipHop

Der HipHop und seine unterschiedlichen Formen zeigen übrigens, wie sehr unsere Kultur von Einwanderern geprägt ist. Es war schon immer so, dass Migrationsbewegungen sich in der Musik zeigten. Wander- und Gastarbeiter hatten eigene Lieder, Sklaven aus Westafrika entwickelten den Blues, Gospel, Jazz, dann auch Soul. Die Ursprünge des Hip Hop liegen in New York der 70er und 80er Jahre. Es gab enorme Spannungen, es fehlte an Schulen und Arbeitsplätzen. Einige Kreative entluden diese Spannung in Hip Hop. Das waren zunächst Afroamerikaner, Einwanderer aus Jamaika und Lateinamerika.

In Deutschland gibt es den Rap erst rund 20 Jahre. Ende der 90er entstanden Rap-Szenen zwischen Berlin und Istanbul. Das Besondere daran: Rap funktioniert fernab jeglicher ethnischer Zugehörigkeiten. Er gibt den Musikern einen Rahmen, in dem sie sich sicher fühlen. Das ist das gleiche Prinzip, nach dem Ghettobildung im weitesten Sinne funktioniert. Viele wissen nicht genau, wo sie hingehören und suchen Ihresgleichen.

 

"Ob ich Russin bin oder Deutsche? Ich bin nichts ..."

So ging es auch Zaimoglu. Bevor er mit der „Kanak Sprak“ einen Durchbruch erlebte, war er Studienabbrecher, Tellerwäscher und Hilfsarbeiter und konnte seinen Platz im Leben nicht finden.Es kommt häufig vor, dass Migranten sich im neuen Land nicht akzeptiert fühlen, in der Schule schlechter sind als im Herkunftsland oder nicht wissen, wo sie hingehören. Eine Russin schrieb dazu: „Ob ich Russin bin oder Deutsche? Ich bin nichts… In Russland war ich eine Deutsche … Hier weiß ich selbst nicht, bin ich Deutsche oder Russin, denn keiner glaubt mir, dass ich deutsch bin. In Russland war ich richtig stolz, deutsch zu sein. Hier bin ich ängstlich und schüchtern.“ Experten nennen das gemischte Identität.

Wie eng die Beziehung zwischen Identität und Sprache ist, zeigt auch folgendes Zitat eines türkischen Migranten: „Wenn ich jetzt in die Türkei gehen würde, dann würde man schon merken, dass ich nicht von dort bin, weil es ist so: Die einfachen Sachen sprechen wir auf Türkisch und das Wort, das wir nicht kennen - da wird was Deutsches eingebaut.“


Laut Songül Demren, einer in München lebenden Germanistin, passen Türken dabei deutsche Wörter grammatikalisch der türkischen Sprache an. Zugleich entwickeln Migranten ihre Muttersprache weiter. Die ist dann mit der Sprache, die in ihrem Herkunftsland gesprochen wird, nicht mehr identisch. Manche Wortneuschöpfungen oder Ausdrücke, die im Herkunftsland gerade „in“ sind, bekommen sie in ihrer neuen Heimat nicht mit. Und Wörter, die im Herkunftsland nicht mehr gesprochen werden, verwenden sie noch.

 

Muttersprache und Integration

Wird die Muttersprache der Migranten in ihrer neuen Heimat nicht besonders akzeptiert oder gebraucht, wie es beim Türkischen der Fall ist, gelingt Integration schwerer. Denn dann klüngeln Migranten. Unter Ihresgleichen fühlen sie sich stärker und gleichen den Mangel an Akzeptanz aus, den sie unter den Deutschen nicht finden. Umgekehrt kommt der Türkenslang bei türkischstämmigen Jugendlichen nicht vor, wenn sie „in Wohngebieten und Schulen mit einem geringen Migrantenanteil aufgewachsen sind“, wie die Soziolinguistin Inken Keim in ihrem Buch Die „türkischen Powergirls“ bemerkt. Es besteht also eine enge Verbindung zwischen Integration und Cliquenbildung.


Ein Beispiel aus den USA: Es ist mehr als 150 Jahre her, da waren die Deutschen die Türken der USA. Benjamin Franklin, einer der Gründungsväter der USA, beschwerte sich 1753 über deutsche Migranten. „Diejenigen, die hierher kommen, sind im Allgemeinen von der ignorantesten, dümmsten Sorte ihrer Nation.“ Franklin fürchtete die schleichende Germanisierung der neuen Welt.

Was man den Türken heute in Deutschland vorwirft, warf man den Deutschen damals in den USA vor: Sie taten sich schwer mit der Integration, blieben unter sich, bauten eigen Kirchen, hatten eigene Pfarrer, kochten deutsches Essen, trugen deutschen Klamotten, tranken Bier und gingen gern in Biergärten, vor allem sonntags. Das ging den eingesessenen Amerikanern gegen den Strich, gehörte es sich doch, sonntags in die Kirche zu gehen und die Bibel zu lesen. Gegen die Biertrinkerei, das deutsche Laster, wie sie es nannten, zogen sie zu Felde.

Der Hass auf Deutsche wuchs. In New York kam es zu einem Kleinkrieg zwischen Amis und Deutschen. In Chicago spitzte sich das ganze nochmal zu: Bürgermeister Dr. Levy Boone von den Ultrakonservativen erhöhte die Alkoholsteuer um 600 Prozent und verbot den Bierausschank am Sonntag. Das war 1855. Eine Woche, nachdem das Verbot erlassen worden war, verhafteten Polizisten ungefähr 200 protestierende Deutsche. Der deutsche Aufstand war geboren. Die folgenden blutigen Auseinandersetzungen gingen als „Beer Riots“ in die Geschichte ein.

 

Sprache als Türoffner

Der Prozentsatz der Migranten, die sich in Deutschland nicht integriert haben, liegt bei 10 bis 12 Prozent. Wobei auffällt, dass der Prozentsatz bei türkischen Frauen ab 30 bei 40 Prozent liegt. Der Grund liegt in der Sprache. Türkische Frauen unterliegen oft einem traditionellen Rollenbewusstsein. Sie gehen wenig nach außen und haben entsprechend kaum Gelegenheit, die deutsche Sprache zu praktizieren. Laut Dr. Meyer sind soziale Kontakte und eine Arbeit wichtig, um die Sprache zu erlernen und sich gut zu integrieren. Hier sind auch die Eltern gefragt. Sie müssten ihre Kinder fördern. Und zwar sowohl in Bezug auf das Erlernen der deutschen Sprache als auch generell in Sachen „Bildung“. Je höher das Bildungsniveau, desto besser gelingt in der Regel die Integration.Bildungsstarke bewegen sich seltener in Cliquen mit Ihresgleichen. Auch Zaimoglu setzt einen Schwerpunkt auf das Erlernen der deutschen Sprache. In einem Interview sagte er einmal: „Ich geh oft in Jugend- und Freizeithäuser und sage den Jugendlichen, auch den deutschen: Lernt erst mal die deutsche Sprache. Das ist der Türöffner für alles. Und dann sammelt Erfahrungen.“

Anders als beim Deutsch der Gastarbeiter, die in den 60er und 70er Jahren Wörter wie „Mlotek“ für den polnischen Hammer in „Mottek“ eindeutschten, werden im Türken-Slang nicht-deutsche Sprachelemente ins Kommunikations-Repertoire aufgenommen und zu Kunst erhoben. Was dabei rauskommen kann, ist mehr als gelungene Integration. Das ist ein hohes sprachliches Niveau und Sprachgewandtheit, gemischt mit Spiel, Comedy, Inspiration, Witz und Scharfsinn.

Dorothea Schmidt

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