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In der Komfortzone - warum die Deutschen immer fetter werden (Podcast 37)

Von Jägern, Sammlern und der ewig lockenden Pizza

Übergewicht ist heute ein salonfähiges Thema. Nicht umsonst stellen sich Menschen dafür sogar im Fernsehen zur Schau und bloß. Ein Massenthema ist es schon lange. Bereits der aus dem Leim gegangene Ratgeber-Buchmarkt belegt, wie viele Abnehm-Willige es in unserem Land gibt. Wer sich jedoch intensiver mit dem Thema auseinandersetzt, erkennt rasch, dass es zur Problem-Lösung einen weiteren Horizont braucht, als sich einer Diät zu verschreiben. Unsere Redakteurin Barbara Steiger benennt in ihrem Beitrag „In der Komfortzone“ die wichtigsten physiologischen Hintergründe unserer "fetten Gesellschaft" in der westlichen Welt. Guten Appetit!
 

Das Nahrungsangebot
 

Unsere Vorfahren konnten - wie heute noch wenige Naturvölker - nur auf ein begrenztes Nahrungsangebot zurückgreifen. Neben dem Sammeln war das Jagen wesentlich zur Nahrungsmittelversorgung - aber auch stets limitiert durch das natürliche Angebot von Jagdwild. Jahreszeiten, Überschwemmungen oder Dürreperioden verursachten zusätzliche Schwierigkeiten. Die Überlebensstrategie für den menschlichen Körper hieß: Speichern! Denn erst durch die angelegten Fettreserven in den Körperdepots konnten auch Zeiten mit geringerem Nahrungsangebot überstanden werden.
 

Und heute?
 

Was unser Körper über Jahrtausende optimiert hat, um das Überleben zu sichern, tut er noch heute genauso. Doch die technische Entwicklung überholt in puncto Geschwindigkeit die Evolution. Will sagen: Unser Körper hinkt in seiner Anpassung an die veränderte Umwelt den technischen Errungenschaften hinterher. Deshalb arbeitet unser Körper so, als müsse er einer stets drohenden Nahrungsmittelknappheit vorbeugen. Und speichert! Aus Nahrung, die er nicht unmittelbar zur Energiegewinnung braucht, legt er Fettreserven an. Nur: Die Zeit des Darbens gibt es bei uns nicht mehr. Nahrungsmittel werden in der westlichen Welt im Überfluss angeboten. Statt die Reserven abzubauen, füllen wir täglich mehr in unsere Fettspeicher. Mit fatalen Folgen.
 

Die Nahrungsaufnahme
 

Zu regelmäßigen Mahlzeiten hatten unsere Ahnen vermutlich kaum Gelegenheit. Vorstellbar sind eher eine beständige pflanzliche Nahrungsaufnahme und außer der Reihe üppige tierische Festmähler nach dem Erlegen von Wild. Sowohl die Zähne als auch der Verdauungstrakt des Menschen erlauben diese "Mischkost". Den Ess-Rhythmus aber gab das Nahrungsangebot vor.
 

Und heute?
 

Essen ist heute oft weit mehr als reine Nahrungsaufnahme. Unsere drei bis fünf Mahlzeiten pro Tag sind vielmehr sozialisiertes Verhalten. Wir essen, weil Mittag ist. Nicht, weil wir Hunger verspüren. Nur bei Babys und Kleinkindern ist dieses antrainierte Verhalten meist noch gering ausgeprägt. Weiterhin bedeuten für uns gemeinsame Mahlzeiten ein gewisses Maß an Geselligkeit. Besondere Mahlzeiten bedeuten Belohnung für Enttäuschungen. Außergewöhnliche Mahlzeiten bedeuten Luxus. Und Rund-um-die Uhr-Mahlzeiten bedeuten Unabhängigkeit. Und verführen uns, da sie uns über verlockende Gerüche das Wasser im Mund zusammen laufen lassen und Appetit machen, ständig mehr zu essen als wir Hunger empfinden.
 

Die Bewegung
 

Wie die Tuareg mit ihren Ziegenherden in der Wüste waren unsere nicht sesshaften Vorfahren ständig in Bewegung. Sitzen oder Liegen waren die Ausnahme bei Krankheit oder im Schlaf. Denn der menschliche Körper ist in seinem Bau und seiner Ausrichtung auf aktive Muskeltätigkeit ausgelegt, darüber sind sich Mediziner heute einig.
 

Und heute?
 

Werden Muskeln nicht verwendet, so verkümmern sie. Unser heutiger Alltag verbannt den Körper oft sitzend oder stehend in einen Stillstand, der sich aber nicht nur auf die Muskulatur auswirkt, sondern praktisch alle Systeme des Körpers betrifft: Knochen, Blutkreislauf, Gehirn, Verdauung, innere Organe und so weiter und so weiter. Der Energieverbrauch des Körpers sinkt.
 

Das Leben
 

Straßenkinder in Indien oder in Afrika kämpfen einen täglichen Überlebenskampf, der - abstrakt und überspitzt formuliert - vielleicht dem unserer Ahnen ähnelt. Ohne Zivilisation ist der Mensch massiv äußeren Einflüssen wie der Witterung oder biologischen Feinden ausgesetzt. Aber die starke Konfrontation mit der Umwelt verlangt dem Körper gleichzeitig zukunftsträchtige Überlebensstrategien ab.
 

Und heute?
 

Wir befinden uns in einer Komfortzone, in der unsere Körper von allem Nötigen umgeben sind. Und meist von noch viel mehr: Wenn es kalt wird, haben wir Heizungen. Wird es zu warm, gibt es Klimaanlagen. Wir müssen nicht mal mehr aufstehen, um im Fernsehen ein anderes Programm zu wählen. Komfort ist aber nicht das, was der Organismus braucht. Untersuchungen haben mittlerweile gezeigt, dass nicht jeder Schutz dem Körper auch gut tut. So haben z.B. Kinder weniger Allergien, wenn sie auf einem Bauernhof statt in der Stadtwohnung aufwachsen. 
 

Die Lebenserwartung
 

Es ist keine Frage: Ohne unsere heutige Zivilisation wären viele Menschen unterernährt, anfällig für Krankheiten und hätten eine geringere Lebenserwartung. Doch was erwartet einen Menschen der westlichen Welt mit Übergewicht? Er ist überernährt, damit anfällig für Krankheiten und hat eine geringere Lebenserwartung.

Barbara Steiger, wissen.de-Redaktion

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