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Das Verschwinden der Seele - ein Nachruf auf die Glühbirne (Podcast 30)

Von kalten Lichtern, Wasserbetten und Alibi-Funktion

Seit letztem Jahr steht fest: Der Seele wird der Garaus gemacht. Seit 1. September 2009 sind Glühlampen mit 100 Watt aus dem Handel verschwunden. Seit 1. September 2010 kommen keine neuen Glühbirnen mit 75 Watt auf dem Markt. Der Anfang vom Ende des Glühfadens – oder eben wie er früher genannt wurde: der Seele. Einer der größten Erfindungen der Menschheit wird – buchstäblich gesprochen – das Licht ausgeblasen. Mehr als ein Jahrhundert stand die Glühbirne stellvertretend für den technischen Fortschritt. Und EU-weit sollen heute rund 3,5 Milliarden Glühlampen im Einsatz sein.

Doch die Verantwortlichen in der EU haben entschieden und die Mitgliedsländer sind gefolgt. Seit 1. September 2010 dürfen keine neuen Glühbirnen mit 75 Watt, ein Jahr später die mit 60 Watt verkauft werden. Bis 2012 wird die klassische Glühbirne abgeschafft. Als Hauptgrund für das Verbot gilt der hohe Stromverbrauch. Angeblich um 30 Prozent soll sich der Stromverbrauch für Licht reduzieren, wenn überall statt Glühbirnen Energiesparlampen zum Einsatz kommen. Die EU kommt zu dem Ergebnis, dass Verbraucher 50 Euro pro Jahr einsparen, wenn sie nur noch Sparlampen verwenden. Doch ist das realistisch? 

Sind Energiesparlampen wirklich besser?

Klar ist: Die Glühbirne wandelt lediglich 5 Prozent des elektrischen Stroms in Licht um und 95 Prozent in Wärme. Die Energiesparlampe bringt es dagegen auf einen Lichtfaktor von zwischen 20 und 25 Prozent. Energiesparlampen benötigen folglich sehr viel weniger Watt für die gleiche Leuchtleistung, z. B. leuchtet eine 11-Watt-Sparlampe genauso hell wie eine 60-Watt-Glühlampe. Darüber hinaus leben Energiesparlampen deutlich länger: Die Glühlampe bringt es auf etwa 1000 Stunden, eine Energiesparlampe kann bis zu 19.000 Stunden leuchten. Wird sie allerdings täglich mehrere Male ein- und ausgeschaltet, verkürzt sich ihre Lebensdauer erheblich.

Die Zeitschrift „Öko-Test“ hat vor kurzem in einer Untersuchung herausgefunden,dass Leuchtstoffröhrchen kein häufiges An- und Ausschalten vertragen. Das Fazit der Tester: „Wenn solche Leuchten am Tag etwa 20-mal geschaltet werden – was in Fluren, Treppenhäusern, Toiletten durchaus realistisch ist –, dann halten sie gerade mal ein Jahr durch.“ Darüber hinaus gibt es weitere Kritikpunkte: Energiesparlampen erzeugen Elektrosmog, benötigen in der Fertigung Quecksilber und müssen aufwändig als Sondermüll entsorgt werden. Der Haupteinwand aber ist das Licht selbst.

Die Lichtinseln der Glühbirnen

Die Energiesparlampe nutzt die vor 150 Jahren entwickelte Technik der Leuchtstoffröhren. Heute arbeitet sie mit einem Edelgas-Quecksilber-Gasgemisch, das durch angelegte Spannung und dadurch ausgesendete Elektronen zum Leuchten gebracht wird.

Das daraus entstehende ultraviolette Licht – das für das menschliche Auge unsichtbar ist –  trifft auf die Leuchtstoffschicht der Lampeninnenwand und wird so in sichtbares Licht umgewandelt.

Ein Licht, was von nicht wenigen als kalt, ja eiskalt empfunden wird – trotz terracotta-farbener Innenbeschichtung wie es sie bei einigen Energiesparlampen gibt. Anders dagegen das Licht der Glühbirne. Sie spendet warmes Licht, ist dimmbar und kann im Raum eine wunderbare Lichtstimmung schaffen. Sie kann ebenso sanft scheinen wie hell leuchten – und Lichtinseln bilden. Sie kann Kunstwerke noch schöner machen oder den Lieblingsplatz in einen Kokon aus Licht tauchen. Am Schreibtisch kann sie in der richtigen Lampe ein wunderbares Dach für Gedanken bilden. Und das seit weit über 100 Jahren. 

Denn der Prototyp der Glühbirne – die Kohlenfadenlampe – wurde bereits in den 1840er Jahren von Heinrich Göbel erfunden, der sich seine Erfindung allerdings nicht patentieren ließ. Erst 1879 entwickelte auch Thomas Alva Edison eine Kohlenfadenlampe, die er 1880 zum Patent anmeldete, und ermöglichte dadurch die industrielle Fertigung der Glühbirne. Seitdem ist die Glühbirne nicht nur mit technischem Fortschritt auf engste verbunden, sondern auch mit dem modernen Wohnen an sich. Das wird sich nun nach und nach ändern.

Warum die Glühbirne und nicht auch andere Geräte?

Die Bürokratie hat ein Zeichen gesetzt. Ob sich dieses für das Energiesparen wirklich lohnt, wird sich zeigen. Solange es allerdings Haushalte mit mehreren Tiefkühltruhen oder Energieschleudern wie Wasserbetten gibt, darf daran gezweifelt werden. Und wer nicht ganzheitlich denkt und alle Stromfresser im Haushalt oder in öffentlichen Räumen kritisch hinterfragt und nach Einsparpotenzial sucht, für den hat die Abschaffung der Glühbirne eine reine Alibi-Funktion – und dem wird ohnehin nie ein Licht aufgehen. Schon gar kein so individuelles und charismatisches wie das von einer Glühbirne.

Die Zukunft – liest man – gehöre den Leuchtdioden, den LEDs. Doch noch sind diese teuer. Und auch ihr Licht ist eher kalt als warm. Und was das Argument mit dem Energiesparen angeht: Experten haben errechnet, dass - selbst wenn man es global betrachtet - die Privatbeleuchtung weniger als ein Prozent des weltweiten Stromverbrauchs ausmacht. das deutlich größere Sparpotenzial gibt es dagegen bei Lichtern in Büros, Fabriken und an Straßen. Sie brächten es auf 18 Prozent des Stromverbrauchs. Die EU-Verantwortlichen aber wollten nicht zwischen privatem und beruflichen bzw. öffentlichem Gebrauch differenzieren. Man fragt sich, warum?

Michael Fischer, wissen.de

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