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Das Cabrio - Fahrvergnügen "oben ohne" (Podcast 197)

Lebensgefühl und Statussymbol
Fahrspaß

Sie sind echte „Hingucker“, und es gibt wohl kaum einen Mann, der sich nicht zumindest dann und wann hinter ihr Steuer wünscht: Cabriolets, auch kurz Cabrios genannt. Die offenen Fahrzeuge mit den versenkbaren Dächern gelten als Inbegriff für Erfolg und ein materiell entspanntes Lebensgefühl. Doch was macht eigentlich ein Cabrio aus? Und was verbirgt sich hinter Sicherheitssystemen wie dem vielzitierten Überrollbügel? wissen.de-Autor Dr. Kai Jürgens hat für Sie ein paar Runden „oben ohne“ gedreht.

Die einen lieben es, und die anderen sehen ihm mit leicht verkniffener Miene hinterher: das Cabrio, der Inbegriff eines noch immer höchst speziellen Fahrvergnügens, bleibt ein besonderes Auto. Zumeist als Zweisitzer konzipiert, umweht den sprichwörtlichen „kleinen Flitzer“ die Aura der „großen Welt“, des Erfolgs und eines mühelosen Lebensstils. Nicht eingekastet hinter Glas und Stahl, sondern mit freiem Kopf in der freien Natur, so scheint der Cabriofahrer seine Wegstrecken zurückzulegen – immer vorausgesetzt allerdings, dass das Wetter mitspielt und das Verdeck nicht hochgeklappt zu werden braucht. Strahlt jedoch die Sonne, wirkt der Besitzer eines offenen Fahrzeugs stets besonders bevorzugt. Viele unterstreichen diesen Effekt noch durch zwei unverzichtbare Accessoires, die gewissermaßen „ab Werk“ dazugehören: eine Sonnenbrille und eine Beifahrerin, beide möglichst auffällig. Doch das sind natürlich alles bloß Vorurteile. Steigen wir besser etwas tiefer in die Materie ein, indem wir uns fragen: Was macht ein Cabrio eigentlich zum Cabrio?

 

Gut behütet: Softtop oder Hardtop?

Es gibt mehrere Typen offener Fahrzeuge – mit am bekanntesten ist der Roadster, ein betont sportliches Auto, das auf jedweden Komfort verzichtet. Daher verfügt es serienmäßig auch über kein reguläres Dach, sondern lediglich über einen Notbehelf, der im Fall des Falles das Schlimmste verhindern soll. Ein Cabrio hingegen wird durch sein Verdeck bestimmt, das vollständig zurückklappbar ist. Es gibt mehrere Möglichkeiten: Früher bestand das Dach zunächst aus Stoff, dann aus PVC, heute gibt es immer mehr Modelle, die über ein so genanntes „Hardtop“ verfügen – also über ein Stahlverdeck. Dies ist bei schlechter Witterung natürlich von Vorteil, zumal Metalle viel widerstandsfähiger sind als flexible Materialien. Manch einer wird wohl auch finden, dass diese Lösung zur Überbrückung der Wintermonate allemal vorzuziehen sei. Leiser ist es unter einem „Hardtop“ zudem auch. Übrigens: Wer glaubt, die automatikgeführten Dächer bei voller Fahrt betätigen zu können, unterschätzt die Sicherheitsanforderungen, die an Cabrios gestellt werden. Zum einen würde der Fahrtwind hemmen, zum anderen soll der Fahrer nicht über Gebühr abgelenkt werden.

 

Mehr Sicherheit: Karosserieverstärkung und Überrollbügel

Dies bringt uns zu der Frage, wie ein Cabrio konstruiert ist. Gut, das versenkbare Dach sieht recht kompliziert aus, aber eigentlich ist so ein offenes Gefährt doch kein Problem für jemanden, der einen Zweisitzer und eine leistungsstarke Flex sein eigen nennt … so könnte man zumindest meinen. Doch weit gefehlt. Mit Autos ist es wie mit Schuhkartons – nimmt man den Deckel weg, werden sie instabil. Cabrios benötigen eine spezielle Verstärkung, um das fehlende Dach zu kompensieren – hier spielen der Unterboden und der Frontscheibenrahmen eine große Rolle. Für die Sicherheit ist auch der Überrollbügel zuständig. Er fand sich ab 1979 zuerst beim VW Golf Cabrio und war feststehend, das heißt, er konnte noch nicht abgesenkt werden. Im Fall eines Überschlags schützte der Bügel die Fahrzeuginsassen. Obwohl diese Innovation außerordentlich sinnvoll war, wurde sie bisweilen verspottet – gerade das rote Golf-Modell galt manchem als „Erdbeerkörbchen“ und war gewissermaßen nur echt mit dem praktischen Henkel. Um diesem unschönen Eindruck entgegenzuwirken, wurde einige Zeit später der versenkbare Überrollbügel erfunden. Der kann als Wunderwerk der Technik gelten, denn schließlich darf sich die Mechanik nicht während des normalen Betriebs aktivieren. Tatsächlich spielen je nach System der Faktor Geschwindigkeit beziehungsweise der Neigungswinkel des Fahrzeugs eine Rolle. Einige Fahrzeughersteller setzen übrigens auch weiterhin auf feste Überrollbügel, die jedoch weniger auffällig konzipiert sind als das Ursprungsmodell beim Golf. Schließlich will ja kein Cabrio als Erdbeerkörbchen gelten.

 

Gegen den Wind: Frontscheibe und Windschott

Wer in einem Cabrio fährt, genießt nicht nur die freie Landschaft, sondern auch die frische Luft. Damit man nicht zu viel davon bekommt, ist die Frontscheibe entsprechend gewölbt und lenkt den Windstrom über die Fahrzeuginsassen hinweg beziehungsweise an ihnen vorbei. Doch das ist nicht alles, denn auch hinter den Insassen findet sich – oft von Außenstehenden kaum bemerkt – eine Trennwand, das so genannte Windschott. Es kann aus unterschiedlichen Materialien gefertigt sein, dienst aber immer demselben Zweck: Die aufgewirbelten Luftströme sollen von den Passagieren ferngehalten werden. Es gibt Modelle zum Aufstecken, Hochklappen oder Ausfahren; sind sie aus Glas oder Acryl, müssen sie bruchfest sein. Immerhin bewirken Frontscheibe und Windschott nicht nur, dass die Frisuren der Fahrenden einigermaßen beieinander bleiben, sondern sie sorgen auch dafür, dass man sich im Cabrio ohne Handzeichen und Flaggenalphabet verständigen kann. Und das ist ja nicht wenig.

 

Zum Schluss: Lebensgefühl und Statussymbol

Warum aber spielt das Cabrio eine solche Rolle, wenn es um hochwertige Produkte geht? Es ist ja eigentlich nicht besonders praktisch – man kann keine sperrigen Güter mit ihm transportieren und auch keine größere Familie ans Ziel befördern. Kostspielig sind die Modelle außerdem. Doch das ist ja gerade der Clou. Ein Cabrio ist ein reines Spaßfahrzeug, das auf pure Lebensfreude setzt. Gerade das macht es so anziehend. Und wenn man bedenkt, dass Männer Frauen gern nach ihrer Schönheit beurteilen, Frauen hingegen Männer nach Status und zumindest vermutetem Einkommen, dann bekommt man eine Ahnung, warum nicht wenige Cabriofahrer selten allein unterwegs sind. Doch das sind natürlich alles Spekulationen – zumal auch Frauen sehr gern hinter dem Steuer von Cabrios sitzen. Vielleicht hält man sich einfach an die Bedeutungen des französischen Verbs cabrioler, und die lauten: Kapriolen machen, Luftsprünge machen. Na also – Cabriofahrer haben das schon immer gewusst.

von Dr. Kai Jürgens

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