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PC statt Brettspiel - der Erfolg von Konsole und Online-Spielen

Gerade in Corona-Zeiten und im Lockdown haben sie Hochkonjunktur: Spiele für Handy, Computer oder Konsole erfreuen sich wachsender Beliebtheit – vor allem bei Kindern und Jugendlichen, aber auch bei Erwachsenen. Statt Fußball zu spielen, auf den Spielplatz zu gehen oder zu Brettspielen zu greifen, locken Minecraft, Fortnite und Fifa. Aber was macht das Online-Spielen so beliebt?

Junge Erwachsene beim Videospielen
Im Mainstream angekommen: Der deutsche Durchschnittsgamer ist heute Mitte Dreißig. Doch weitere Attribute können kaum noch festgelegt werden.

Kleinkinder tun es, Kinder und sogar Erwachsene – kein anderes Lebewesen spielt so intensiv wie der Mensch. Obwohl spielen auf den ersten Blick sinnlos erscheint, steckt dahinter Vergnügen, Auszeit, Kreativität und vor allem ein Lernprozess. Babys fangen an zu ertasten, Kinder bauen Türme, schlüpfen in Rollen und lernen später, sich an Regeln zu halten. Nebenbei erfahren sie im gemeinsamen Spielen, wie das Zusammenleben funktioniert. Wer nie gespielt hat, wird Experten zufolge schneller aggressiv und gewalttätig.

Pong-Präsentation im National Video Game Museum Dallas
Museumreif: Spiele-Klassiker als XXL-Ausstellungsstück

Der Beginn des digitalen Spielens

Spielen war schon immer ein wichtiger Teil der menschlichen Entwicklung – doch die Art des Spielens verändert sich zunehmend. Bereits Kleinkinder spielen mit blinkenden und sprechenden Teddybären, Kinder steuern elektrische Autos – und Jugendliche zocken Videospiele an der Konsole und Online-Games am Computer oder Smartphone.

In den USA arbeiteten Wissenschaftler bereits in den 1940er- Jahren an ersten Computersimulationen. 1952 entwickelte schließlich Alexander Douglas in Cambridge das simple Tic-Tac-Toe-Spiel „OXO“ im Zuge seiner Doktorarbeit. Das erste Computerspiel für zwei Spieler unter dem Namen „Spacewar!“  entstand 1961 durch den US-Studenten Steve Russell. Was zunächst nur für wenige zugänglich ware, erreichte in den 1970er-Jahren bereits ein breiteres Publikum: Ralph Baer entwickelte mit der sogenannten Magnavox Odyssey die erste Konsole, Atari-Gründer Nolan Bushnell folgte 1972 mit dem Videotennis „Pong“.

Ab Mitte der 1970er entstanden viele Spielhallen-Klassiker wie „Space Invaders“, die später auch für Konsolen weiterentwickelt wurden. Auch Onlinespiele, vor allem Text-Adventures und Online-Versionen bekannter Brettspiele wie Schach, Go oder Dame, erlebten einen Aufschwung. Ab 1984 verbreiteten sich Online-Spiele mit der Produktion neuer Computer und dem Übergang zum Internet immer weiter. Zeitgleich begann das Zeitalter der japanischen Videospielhersteller Nintendo und Sega - unter anderem mit dem Spiel „Donkey Kong“.

Zum Rätseln, zum Kämpfen und für die ganze Familie

Dank der folgenden technischen Fortschritte verbesserten sich die Computerspiele grafisch immer mehr und mit Ultima Online etablierte sich 1997 erstmals ein Online-Rollenspiel, bei dem mehrere tausend Spieler gleichzeitig online sein konnten. In der Welt der Konsolen kam zunächst die Playstation von Sony auf den Markt, 2002 folgte unter anderem Microsoft mit der Xbox. Nintendo veröffentlichte derweil die Wii, die nun auch Rätselspiele, Sudoku, Musik, Tennis oder Boxen und Videospielen für die ganze Familie ermöglichte.

Durch den boomenden Markt der Smartphones und Tablets Mitte der 2000er-Jahre entstand bald darauf ein neuer, riesiger Teilmarkt für Spieleentwickler. Auch über das  Internet verbreiteten sich Spiel-Trends rasen schnell: Zum Beispiel entwickelte sich um den virtuellen Baukasten „Minecraft“ eine riesige Anhängerschaft. Inzwischen gibt es Online-Spiele, in denen zehntausende von Spielern – meist über mehrere Server verteilt – interagieren. Auch kostenlose Download-Spiele werden immer beliebter und ab 2016 kamen mit VR-Brillen die ersten Möglichkeiten zum Spielen in der Augmented und Virtual Reality hinzu.

Symbolbild Spielkonsolen
Mit dem Aufkommen der Spielkonsolen verlagerte sich der Markt von den Spielhallen hin zu den Haushalten.

Was reizt am digitalen Spielen?

Mal eben ein Spiel: Besonders beliebt ist das digitale Spielen durch den einfachen Zugang. Obwohl Gamer noch immer viele Videospiele kaufen, lädt sich ein Großteil der Online-Spieler meist per einem einzigen Klick ein neues, oft kostenfreies Spiel herunter - ganz egal, ob am PC, auf Konsole oder auf Tablet und Smartphone. Bei kostenpflichtigen Spielen gibt es meistens die Möglichkeit einer kostenlosen Probezeit, nach der man sich entscheiden kann, ob man das Spiel letztendlich kaufen möchte oder nicht.

Und digital spielen kann man heute immer und überall: Ob auf dem Weg zur Arbeit, Schule oder Uni, in der Pause oder zu Hause auf dem Sofa. Für manche Download-Spiele braucht man nicht einmal eine Internetverbindung. Digitale Spiele sind dadurch ein unkompliziertes Mittel zur schnellen Ablenkung, für die weder viel Mühe noch eine besondere Zeitplanung nötig ist. Nach einem langen und anstrengenden Arbeitstag mindert das Spielen nachweislich sogar Stress und lenkt ab. Durch spannende Spielabläufe erhalten die Spieler außerdem einen Adrenalinschub. Und erleben zudem im Rahmen des Spiels auch kleine Erfolgserlebnisse, wenn sie zum Beispiel ein neues Level erreichen oder ein Hindernis überwinden.

Smartphone mit geöffneter Spiel-App
Digital spielen kann man heute immer und überall.

Seine eigene Geschichte aufbauen

Die Welt der Onlinespiele und Konsolen entwickelt sich mit der Digitalisierung stetig weiter - so entstehen unzählige neue und vielseitige Spielinhalte. Zurzeit gibt es Tausende von Onlinespielen mit völlig unterschiedlichen Geschichten, Charakteren und Zielen. So deckt die Spielwelt ein breites Spektrum an Interessen ab: Studien haben gezeigt, das Mädchen meistens Spiele wählen, die etwas mit Kochen oder Mode zu tun haben, Frauen Wortspiele oder ein Quiz wählen und die männlichen Spieler sich am häufigsten für Action- oder Sportspiele entscheiden.

Spiele-Entwickler arbeiten oft jahrelang an neuen Spielen: Dabei entstehen Spiele mit hochaufgelösten 3D-Grafiken, einfacher Bedienung und ganz unterschiedlichen Funktionen und Details, die Menschen aus allen Altersgruppen reizen. Besonders populär sind Spiele, in denen der Spieler seine Umgebung, die Entwicklungsgeschichte und die Persönlichkeit seines Charakters selbst gestalten kann: So erlaubt es zum Beispiel „GTA 5“ kreativ zu sein und in der offenen Spielwelt eine eigene Geschichte zu erfinden – nur die Rahmenhandlung ist hierbei vorgegeben. In einigen Spielen werden auch Inhalte oder Charaktere aus Serien und Filmen genutzt, mit denen sich viele Menschen identifizieren können.

Neben der grafischen Gestaltung ist auch die Musik ein wichtiger Bestandteil der Spiele: Sie baut Spannung auf, bleibt im Kopf und fördert die Atmosphäre des Spiels – man spielt also mit mehreren Sinnen und taucht so leichter in die digitale Welt ein.

Höher, weiter, schneller

Sind Spieler einmal von einer Spielwelt gefesselt, fordern ansteigende Level, neue Welten und Kämpfe gegen Gegner immer neu heraus. Die Entwickler von komplexen Spielen sorgen dafür, dass zum Beispiel stetig neue Funktionen und Herausforderungen freigeschaltet werden können. So tauchen viele Spieler in die virtuelle Welt ab und blenden die Realität zumindest kurzzeitig aus. Im Gegensatz zu Brettspielen haben Videospiele dadurch meist kein nahes Ende, werden aber dennoch nicht langweilig.

Besonders populär sind auch sogenannte MMORPG-Spiele - was für „massively multiplayer online role playing game“ steht. In diesen Online-Spielen wird gegeneinander oder in Gruppen gespielt. So ergibt sich die Möglichkeit, übers Zocken auch neue Freunde zu finden. Ohne, dass man sich mit Personen verabreden muss, kann jeder von zu Hause aus an Wettbewerben oder Kämpfen teilnehmen. Damit verbinden die Spiele Menschen weltweit und über Chats kann man meist  auch miteinander kommunizieren.

Anonym und doch zusammen: Wer will, kann dabei auch völlig anonym bleiben. Gerade, wenn man wenig soziale Kontakte hat, finden Spieler beim Spielen Menschen, die das gleiche Interesse haben. Dabei kann man sich zumindest in der irrealen Welt gegenseitig helfen und verbünden – das löst Freude und ein Gefühl der Zugehörigkeit aus. Gewaltfreie Spiele fördern Experten zufolge sogar die Empathie und - wenn das Spielen weniger als eine Stunde am Tag einnimmt - auch das Sozialverhalten.

Mit Risiken und Nebenwirkungen

Viele Statistiken beweisen den Erfolg der Online- und Video-Spiele: Demnach gibt es weltweit um die 700 Millionen Online-Spieler aller Altersgruppen und Geschlechter. Umfragen zeigen, dass dabei Jungen meist ab 15 Jahren mit dem Zocken beginnen und damit früher und oft auch häufiger als Mädchen zocken, die ihre Zeit stattdessen eher in sozialen Netzwerken verbringen. Der Grund liegt Schätzungen zufolge unter anderem darin, dass Jungen in Actionspielen Macht ausüben können und Geschicklichkeit sowie eine Taktik entwickeln müssen. Manche reizt auch die Möglichkeit in der irrealen Welt normalerweise Verbotenes machen zu dürfen.

Das hat aber auch Risiken: Wer täglich stundenlang vor dem Computer oder der Konsole verbringt, läuft Gefahr süchtig zu werden. Außerdem sinkt nachweislich die Lebenszufriedenheit und unter anderem kann sich das Sozialverhalten verschlechtern. Gerade letzteres könnte ein Grund dafür sein, auch nochmal das traditionelle Brettspiel auszupacken.

ABO, 25.11.2020
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