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Nero - Wie verrückt war der römische Kaiser?

Er soll Rom angezündet, seine Mutter ermordet und Petrus gekreuzigt haben: Nero ist einer der umstrittensten Herrscher des alten Roms. Bis heute gilt er als Inbegriff des Bösen und des Wahnsinnigen – doch stimmt dieses Bild? Wie verrückt war der Kaiser wirklich und was ist dran an den vielen Geschichten, die sich um ihn ranken? Ein Erklärungsversuch zum 1950. Todestag.

Büste Kaiser Neros, um 54-59 n. Chr.
Ein jugendlich wirkender Nero zu Beginn seiner Amtszeit – der durch einen ausschweifenden Lebensstil bedingte körperliche Verfall machte sich noch nicht bemerkbar.
Der Name Nero steht bis heute synonym für den Typus des grausamen und irrsinnigen Diktators. Der Kaiser, der von 54 bis 68 nach Christus über das alte Rom herrschte, wird oft in einem Atemzug mit den furchtbarsten Verbrechern der Weltgeschichte erwähnt. So ist zum Beispiel der "Nerobefehl" nach ihm benannt – Hitlers Anweisung, die Infrastruktur des eigenen Landes zu zerstören, damit sie nicht den Alliierten in die Hände fällt.

Der Weg zum Thron

Doch wie kam es dazu, dass Nero derart in Verruf geriet? Angefangen hat alles am 15. Dezember im Jahr 37 nach Christus. Damals wurde der spätere Herrscher von seiner Mutter Julia Agrippina auf die Welt gebracht. Diese hatte von Beginn an Großes mit ihrem Sohn vor: Er sollte Kaiser werden. Zu diesem Zweck sorgte sie dafür, dass Nero eine umfassende Bildung erhielt und unter anderem von dem berühmten Denker Seneca unterrichtet wurde.

Außerdem schaffte sie die Konkurrenz aus dem Weg, wie böse Zungen zumindest behaupten. So soll Agrippina ihren eigenen Onkel und vierten Ehemann, Kaiser Claudius, vergiftet haben, um den Herrscherstuhl für Nero frei zu machen. Womöglich war sie es auch, die dafür sorgte, dass sein Stiefbruder Britannicus bei der Thronfolge einfach übergangen wurde.

Nero und Agrippina, um 54-59 n. Chr.
Seine Mutter Agrippina, die ihm den Weg zum Thron freigeräumt hatte, ließ Nero im Jahr 59 aus nicht eindeutig geklärten Gründen ermorden.
Mindestens ein Mord

Die ersten Jahre von Neros Regentschaft verliefen noch unauffällig: Er gab sich als achtsamer Regent, der den Senat und dessen Entscheidungen respektierte und ließ sich in Politikfragen oft von seiner Mutter beraten. Doch schon bald begannen persönliche Intrigen seine Herrschaft zu bestimmen. Als Nero sich Ende des Jahres 58 in eine Frau verliebte, ließ er seiner Ehegattin Octavia ein Verhältnis mit einem Sklaven andichten, verbannte sie und heiratete wenige Tage später seine Geliebte.

Mit seiner Mutter stritt sich Nero so heftig, dass er sie aus dem Weg räumen wollte – und sie schließlich tatsächlich ermorden ließ. Auch bei dem Tod seiner zweiten Frau soll Nero seine Finger im Spiel gehabt haben: Doch tötete er die schwangere Gattin in einem Moment der Verärgerung wirklich durch einen Fußtritt in den Unterleib? Oder starb sie schlicht an pränatalen Komplikationen?

Als Rom brannte

Jenseits seiner "Frauengeschichten" bekleckerte sich Nero ebenfalls zunehmend weniger mit Ruhm. Statt zu regieren, tat er, wonach ihm der Sinn stand: Er entmachtete den Senat, widmete sich dem Vergnügen und inszenierte sich immer wieder mit großem Pomp. Unterdessen häufte sein Reich immer mehr Schulden an und steuerte auf den wirtschaftlichen Ruin zu.

Die größte Untat aber, die dem Kaiser nachgesagt wird, ist das Brandstiftertum: Nero, das glauben heute viele, habe im Jahr 64 Rom anzünden lassen – und damit einen der katastrophalsten Brände in der Geschichte der Stadt verursacht. Bei dem Feuer wurden damals zwei Drittel Roms zerstört. Der Anschuldigung zufolge soll Nero den Brand initiiert haben, um Platz für seine größenwahnsinnigen architektonischen Visionen zu schaffen.

Verfolgte Christen

Inzwischen sind sich die meisten Experten allerdings einig, dass dem Kaiser hier Unrecht getan wird. Vielmehr brach das Feuer wohl zufällig aus. Nero selbst soll zu diesem Zeitpunkt gar nicht in Rom gewesen sein, aber sofort zurückgekehrt sein und bei den Löscharbeiten geholfen haben, als er von dem Unglück erfuhr. Was ebenfalls für diese Auslegung spricht: Das Gerücht von Nero als Brandstifter wurde erst lange nach seinem Tod in die Welt gesetzt.

Zu seinen Lebzeiten kamen nicht einmal seine größten Feinde auf die Idee, den Kaiser für die Katastrophe verantwortlich zu machen. Nero selbst sorgte dafür, dass ganz andere in Verdacht gerieten: die Christen. Dies führt automatisch zu einem weiteren Punkt auf der Liste der Schandtaten des Kaisers. Nero ließ nach dem Brand von Rom viele der ersten Christen hinrichten. Ja, er soll angeblich sogar die Apostel Paulus und Petrus gekreuzigt haben.

Geistig normal?

Im Alter von 30 Jahren hatte Nero dem Staat so viel Unheil beschert, dass der Senat ihn zum Staatsfeind erklärte und Nero sich schließlich aus Angst vor seinen Verfolgern am 9. Juni 68 selbst tötete. Doch wie böse, verrückt und schlecht war der umstrittene Heerscher wirklich? Klar ist: Auch wenn nicht alle Gerüchte um Nero wahr sind, bleiben doch noch genügend schändliche Fakten.

Der Kaiser trieb das römische Reich nicht nur wirtschaftlich in den Ruin, sondern mordete, stiftete Intrigen und gab sich selbstverliebt. Kann so jemand geistig normal sein? Mit dieser Frage hat sich anlässlich einer Ausstellung vor einigen Jahren einmal der Wiener Psychotherapeut Harald Aschauer beschäftigt. Sein Fazit: Nero war zwar impulsiv und narzisstisch veranlagt – Hinweise auf eine klinisch relevante Störung lassen sich bei ihm jedoch nicht feststellen.

Die guten Seiten

Im Kontext seiner Zeit betrachtet war er womöglich nicht einmal böser als schon andere Herrscher vor ihm. So war es damals beispielsweise nicht unüblich, ungeliebte Störenfriede für den politischen Machterhalt aus dem Weg zu räumen – sei es nun der Rivale oder die eigene Mutter.

Nicht vergessen sollte man auch, dass nicht alles an Neros Regentschaft schlecht war: Der Kaiser förderte die Künste, die Wissenschaft und das Theater. Die ersten fünf Jahre seiner Regierungszeit werden heute außerdem als die besten für das römische Volk angesehen. Sie gelten als "quinquenium Neronis", das glückliche Jahrfünft.

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