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Mythos El Dorado: Gab es die sagenhafte Goldstadt wirklich?

Irgendwo in Südamerika sollte es liegen: eine Stadt oder sogar ein ganzes Land voller Gold und Schätze. Der Legende nach war sein Herrscher so reich, dass er sich täglich mit Gold bepudern ließ – deshalb nannte man ihn "El Dorado", den Goldenen. Jahrhundertelang haben Entdecker, Eroberer und sogar Wissenschaftler nach El Dorado gesucht. Doch was ist dran am Mythos vom Goldland?

Goldmaske der Musica
Eine Maske der Muisca, gefertigt aus der Goldlegierung Tumaga.

Schon als die ersten spanischen Eroberer nach Südamerika kamen, staunten sie über das viele Gold der Einheimischen. Denn die auf den ersten Blick „primitiven Wilden“ besaßen teilweise prachtvollen goldenen Schmuck und in ihren Tempeln standen kunstvoll gearbeitete goldene Statuen und Gefäße. Umso faszinierter waren die Konquistadoren, als sie von den Einheimischen Gerüchte über einen „goldenen Herrscher“ und sein von Gold und anderen Schätzen starrendes Reich hörten.

Bau der San Pedor durch die Gonzalo-Pizarro -Expedition, 1541
1541 lässt Expeditionsleiter Gonzalo Pizarro das Schiff "San Pedro" bauen, mit dem ein Teil seiner Männer als erste Europäer den Amazonas erkundet.

 

Suche im Tiefland des Amazonas

Dieser von den Spaniern als „El Dorado – der Goldene“ bezeichnete Ort sollte irgendwo jenseits des Amazonas-Tieflands an einem Gewässer liegen. Denn der Sage nach badete der über und über mit Gold bedeckte Herrscher täglich in diesem Gewässer und opferte dort den Göttern Edelsteine und Gold. Das Problem nur: Bisher hatten die Spanier kaum eine Vorstellung von der Geografie Südamerikas, geschweige denn eine Idee, wo El Dorado liegen könnte.

Im Jahr 1540 machte sich Gonzalo Pizarro, der jüngere Halbbruder des berüchtigten Konquistadors Francisco Pizarro auf die Suche nach dem Goldland. Mit 340 spanischen Soldaten und 4.000 einheimischen Helfern zog er von der Stadt Quito auf den Höhen der Anden hinunter in den Dschungel des Tieflands. Doch der Treck erwies sich als Fiasko. Durch Hitze, Krankheiten und feindliche Regenwaldbewohner dezimiert, erreichten nur wenige Expeditionsmitglieder einen großen Zufluss des Amazonas. Ein Teil der Männer um Francisco de Orellana fuhr erstmals per Schiff den gesamten Amazonas bis seiner Mündung herunter  - doch El Dorado fanden sie nicht.

Ein englischer Seefahrer sucht El Dorado

Wenig später wurde sogar ein berühmter englischer Seefahrer und Entdecker vom „Goldvirus“ angesteckt: Sir Walter Raleigh. 1595 folgte er mit vier Schiffen dem Lauf des Orinoco flussaufwärts bis zur Einmündung des Caroni, einem der Nebenflüsse des Orinoco. Immer wieder hörte er in den Dörfern am Flussufer Erzählungen von einer reichen Kultur in der Bergen – was ihn in seinem Glauben an El Dorado bestätigte. Doch auch er fand keine Spur der Goldstadt.

 Jodocus Hondius' Karte Südamerikas, 1599
Diese Karte aus dem Jahr 1599 zeigt den großen Parime-See, mit Manoa an seinem Nordufer.
Eine zweite Expedition, durchgeführt von Raleighs Stellvertreter Lawrence Kemys, erschien da schon vielversprechender: Nach ihrer Erkundung Venezuelas und Guyanas kamen die Männer mit begeisterten Berichten von Goldminen und dem Reichtum der Region zurück. Sie erzählten, dass El Dorado nach Angaben der Einheimischen am Ufer eines großen Sees im Süden Guyanas liegen sollte, Parime-See genannt. Zurück in England veröffentlichte Raleigh einen ausführlichen Reisebericht mitsamt der Ortsangabe des Lake Parime. Das motivierte Kartografen in ganz Europa dazu, fortan einen großen See im Süden Guyanas in ihre Karten aufzunehmen.

Angelockt von Sir Walter Raleighs blumigen Schilderungen machte sich sogar der deutsche Naturforscher Alexander von Humboldt im Jahr 1799 auf die Suche nach dem Parime-See. Doch auch er fand weder den See noch El Dorado. Stattdessen kam er zu dem Schluss, dass es sich bei dem legendären Gewässer um ein saisonales Phänomen handeln muss: In der Regenzeit werden Teile der Rupununi-Savanne im Südwesten Guayanas überschwemmt und ähneln dann einem großen Binnenmeer. Für von Humboldt war damit klar: Der Parime-See mit dem an seinen Ufern liegenden El Dorado ist ein Mythos.

Laguna de Guatavita im kolumbianischen Hochland
Mehrfach hat man versucht, die Laguna de Guatavita trockenzulegen – doch Schätze fanden sich kaum.
Das Ritual der Muisca

Doch es gibt noch eine weitere Spur zu El Dorado. Ihr folgte bereits 1537 der spanische Konquistador Jiminez de Quesada. Bei seiner Eroberung des östlichen Andenhochlands Unweit des heutigen Bogota stieß er auf Einheimische, die Goldschmuck von besonderer Kunstfertigkeit besaßen. Nicht einmal aus Europa war eine solche handwerkliche Kunst bekannt. Es zeigte sich: Quesada hatte das Territorium der Muisca-Föderation erreicht – einer der vier großen Hochkulturen des alten Südamerika. Mehr als eine Million Menschen könnten zur Zeit der Konquistadoren dieses Reich im Hochland Kolumbiens angehört haben.

Das Interessante jedoch: Die Muisca führten regelmäßig ein Ritual durch, das verblüffende Parallelen zur Legende vom goldenen Herrscher – dem „El Dorado“ – aufweist. Sollte hier der Ursprung des Mythos liegen?

Den Überlieferungen zufolge fand dieses Ritual zur  Ernennung eines neuen Herrschers an der Lagune von Guatavita statt. Dafür wurde ein Floß gebaut und mit Fackeln und haufenweise Gold und Edelsteinen geschmückt.  Der künftige Herrscher der Muisca wurde ausgezogen und über und über mit Goldstaub bepudert. Solcherart geschmückt, ging er auf das Floß und fuhr zusammen mit einigen Priestern bis zur Mitte des Sees. Nun folgte der Höhepunkt der Zeremonie: Der vergoldete Herrscher tauchte in den See ein und warf anschließend die mitgebrachten Schätze als Opfergaben für die Götter ins Wasser.

Goldfloß der Muisca im Goldmuseum von Bogota
Das 1969 in einer kolumbianischen Höhle entdeckte goldene Floß entspricht den Beschreibungen vom Ritual der Muisca.

Das goldene Floß

Dass diese Rituale tatsächlich stattgefunden haben könnte, belegt ein spektakulärer Fund, der 1969 in einer Höhe nahe der Guatavita-Lagune gemacht wurde: Es handelt sich um ein kunstvoll gearbeitetes Goldfloß aus der Zeit der Muisca, das genau der der Beschreibung aus der Überlieferung entspricht. Es zeigt eine größere Figur mit prachtvollem Kopfschmuck, die von kleineren Begleitern umgeben ist.  Nach Ansicht vieler Archäologen könnte das ein Beleg dafür sein, dass im Ritual der Muisca der Ursprung des Mythos vom El Dorado liegt.

Die Geschichten von der goldenen Initiations-Zeremonie der Muisca-Herrscher wurden demnach im Laufe der Zeit immer mehr ausgeschmückt. Aus diesem Ritual wurde ein See voller Gold, dann eine Stadt und schließlich ein ganzes Goldreich. Tatsächlich haben in den letzten Jahrhunderten schon mehrere Expeditionen versucht, am Grund der Guatavita-Lagune nach dem dort versenkten Gold der Muisca zu suchen. Doch der dicke Schlamm verwehrte jeden Zugriff.

Seit 1969 steht die Laguna de Guatavita unter strengem Schutz der kolumbianischen Regierung – jede Grabung ist strikt untersagt. Sollte am Grund dieses Sees tatsächlich das Gold der Muisca verborgen liegen, bleibt dieses damit vorerst unerreichbar. Insofern ist bis heute unklar, ob die Laguna de Guatavita der sagenumwobene See des El Dorado war – und ob in seinen Tiefe Schätze schlummern.

NPO, 18.02.2019
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