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Morbus Google – die Sucht nach schlimmen Google-Diagnosen

Mittlerweile ist es normal geworden, im Internet nach seinen Krankheitssymptomen zu googeln, aber meist hebt es nicht gerade die Stimmung. In der schieren Menge an Informationsangeboten können die Symptome oft auf schlimme Krankheiten wie Krebs hindeuten. Daraus kann sich eine neurotische Störung entwickeln – Morbus Google, die Sucht nach Internetdiagnosen. Experten raten, keine Selbstdiagnosen zu stellen, sondern bei Beschwerden immer einen Arzt zu konsultieren.

Dr Google
Fast die Hälfte aller Deutschen gibt an, sich regelmäßig im Internet über Gesundheitsthemen zu informieren.

Verändertes Suchverhalten der Patienten

Es ist natürlich äußerst verlockend, bei körperlichen Beschwerden das Internet um Rat zu fragen. Doch im Netz wird man mit Krankheitsbildern überflutet, und bei Kopfschmerz-Symptomen findet man möglicherweise nicht nur Diagnosen zu Migräne und Kater, sondern stellt vielleicht per Selbstdiagnose fest, dass man unter einem Hirntumor leidet. Bei Menschen, die ohnehin schon zur Hypochondrie neigen, kann diese Online-Recherche zu einer richtigen Qual werden.

Dabei ist es mittlerweile vollkommen normal, im Internet nach Symptombeschreibungen und Krankheitsbildern zu suchen. In Deutschland geben 46 Prozent der Deutschen an, regelmäßig im Internet über Gesundheitsthemen zu informieren. Bisher konnten Mediziner noch keine Aussage darüber treffen, wie sich diese veränderte Nutzung von medizinischen Informationsangeboten auf die Entwicklung einer Krankheitsangststörung, die unter dem früheren Namen Hypochondrie bekannt ist, auswirkt.

Effekt auch bei seriösen Medizin-Seiten

Deshalb haben Wissenschaftler um Alexander Gerlach von der Universität Köln nun in einer Studie untersucht, wie sich die Suche nach Krankheitssymptomen auf das psychische Wohlbefinden auswirkt. Dazu ließen sich vorrangig junge Erwachsene im Alter von durchschnittlich 23 Jahren fünf Minuten lang nach Krankheitssymptomen suchen. In dieser Altersgruppe ist das Risiko, an Hypochondrie oder chronischer Krankheitsangst zu leiden, relativ gering. Dennoch gaben die Probanden direkt im Anschluss an die Studie an, sich nun mehr Gedanken über ihre Gesundheit und ihr Krankheitssymptome zu machen.

Wenn die Teilnehmer bereits vorher unter einer schlechten Stimmung litten, verschlimmerte die Suche im Internet ihre Besorgnis. Ebenfalls erstaunlich: die Verschlechterung der Stimmung zeigte sich nicht nur, wenn die Probanden auf Seiten recherchierten, die über besonders gravierende oder tödliche Krankheiten informierten. Auch bei „seriöseren“ Seiten, bei denen die Symptome von Krankheiten eher moderat und zurückhaltend beschrieben wurden, kam es zu einem gehäuften Unwohlsein der jungen Erwachsenen.

Junge Frau mit Smartphone bei Internetrecherche über Krankheitssymptome
Vor dem Gang zu einem Arzt wird immer häufiger Dr. Google konsultiert. Die damit verbundene Informationsflut ist für Laien nicht immer hilfreich.

Risiko der Fehldiagnose

Damit konnten die Forscher belegen, dass die Recherche sich negativ auf das psychische Wohlbefinden auswirkt. Unklar ist allerdings immer noch, ob und wann eine vermehrte Recherche nach Krankheitssymptomen zu einer neurotischen Störung -  der Cyberchondrie oder umgangssprachlich auch Morbus Google - wird. Denn  ein gewisser Anteil kann durchaus süchtig nach Internetdiagnosen werden. Und das ist gefährlich, denn in der Informationsflut des Internets besteht ein großes Fehldiagnosen-Risiko. Und diese kann im Extremfall die seriöse Behandlung einer ernsten Krankheit behindern.

Deshalb empfiehlt es sich, rechtzeitig zum Arzt zu gehen. Denn eine endgültige Diagnose kann nur ein medizinischer Fachmann mit einer entsprechenden Ausbildung stellen. Natürlich kann man sich gerne vorab informieren, allerdings sollte man dann auf die Seriosität der Website achten und sich fragen: Wer steckt hinter der Seite? Den Webauftritten von staatlichen Institutionen kann man eher vertrauen als fragwürdigen Anbietern mit kommerziellen Interessen.

Verhaltenstherapie gegen die Sucht

Personen, die unter einer schweren Cyberchondria leiden, haben dieses Reflexionsvermögen leider nicht. Oft zieht sich ihre Online-Diagnose stundenlang hin und nicht selten leiden sie dabei Todesängste. Gefährlicherweise befragen Cyberchonder statt einem Arzt oft ausschließlich das Internet. Ein Arzt könnte ihnen wenigstens erklären, dass sie mit ihrer Diagnose falsch liegen. Im Internet bestätigen die Betroffenen ihre Diagnose durch eine selektive Suche nur selbst. Im schlimmsten Fall erfolgt dann eine Selbstmedikation, die fatale Folgen haben kann.

Aber auch für Patienten, die unter einer ausgeprägten Form der Krankheitsangststörung leiden, gibt es Hilfe. Diese besteht meist aus einer Verhaltenstherapie, die mit Achtsamkeitstrainings ergänzt wird. Ziel der Behandlung ist es, den Betroffenen wieder ein gesundes Verhältnis zum Internet und ihrem Körper zu bekommen. Meist wird bei der Therapie die Nutzung des Internets auf eine bestimmte Zeit am Tag beschränkt. Das Gleiche gilt auch für Arztbesuche. Stattdessen sollen die betroffenen mit Psychologen reden, denn die Angst vor Krankheiten hat meist tiefergehende, psychologische Ursachen.

SRE, 28.02.2020
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