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"Man muss die Menschen mitnehmen"

oder Mein 9. November 1989

Vor 30 Jahren fiel die Mauer und mit ihr auch der "Eiserne Vorhang", der Deutschland zerschnitt. Aus diesem Anlass haben wir Menschen aus der ehemaligen DDR befragt, wie sie den Zeitenwechsel erlebt haben. In dieser Folge stellen wir Ihnen den in Thüringen geborenen Carsten Pescht vor, der heute in Rostock lebt. Beim Fall der Mauer war er 16 Jahre alt.

Herr Pescht, wie haben Sie den 9. November 1989 erlebt?

Am Abend des 9. November 1989 war ich, wie eigentlich immer donnerstags während meiner zehnten Klasse, zu Hause. Auf dem Lande abseits der urbanen Zentren tickt das Leben ja prinzipiell etwas anders. In meinem kleinen 200-Seelen-Dorf Blankenburg gab es zu DDR-Zeiten natürlich auch Vermutungen, wer bei der Stasi ist und man benahm sich dem ABV [Abschnittsbevollmächtigten, Anm. der Redaktion] gegenüber anders als vertrauten Nachbarn, aber Friedensgebete und Montagsdemos gab erst es in der Kreisstadt, 20 Autominuten entfernt.

Das erste Zeichen, dass da eine neue Freiheit ist, war für mich das Fehlen eines Mitschülers am Freitag. Wir dachten uns schon, dass er mit seiner Familie gleich über die offene Grenze ist, um "den Westen" mal auszuprobieren und die 100 DM abzuholen. Etwas besonderes gefühlt habe ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Auch war mir damals die Tragweite dieses Moments nicht bewusst. Für mich persönlich bedeutete es nur, dass ich von nun an ohne Formalitäten meine Großtante im Teutoburger Wald besuchen konnte.
 

War Ihnen klar, dass die Entwicklungen des 9. November der Anfang vom schnellen Ende der DDR sein würde? Und gab es im Zuge dessen so etwas wie Zukunftsangst?

Beide Fragen kann ich mit einem klaren "Nein" beantworten. An ein schnelles Ende der DDR habe ich nicht gedacht. An Veränderungen aber schon. Bei mir stand für 1990 der Abschluss der polytechnischen Oberschule an. Eine Veränderung in meinem Leben war somit geplant und deshalb auch erwartet. Zu diesem Zeitpunkt war es aber nur der Start einer Berufsausbildung mit Abitur. Im Frühjahr 1990 bot sich dann die Möglichkeit, direkt aufs Gymnasium zu gehen. Darin sah ich eine flexiblere Option für alles, was immer auch kommen würde. Sechs Monate nach der Maueröffnung stand das ja schon nicht mehr so fest.

 

Wie haben sich Mauerfall und Vereinigung auf Ihr weiteres Leben in den vergangenen 20 Jahren ausgewirkt?

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Berliner Mauer 1989
Der Wegfall der Mauer hat mein Leben schon wesentlich beeinflusst: Ich konnte ohne Probleme studieren, was zu DDR-Zeiten ja immer an Bedingungen geknüpft war. Teile meines Wehrdienstes verbrachte ich gleich im Westen - in der Nähe von Gießen. In einer Kaserne zusammen mit Amerikanern, die ich 1989 noch als Erzfeinde ansehen sollte. Auch die Tourismusbranche, in der ich heute im Online-Marketing arbeite, hätte mich zu DDR-Zeiten garantiert nicht gebraucht! Werbung für Urlaub an der Ostsee – undenkbar weil zentral gesteuert vom FDGB [Freier Deutscher Gewerkschaftsbund, Anm. der Redaktion]. Und dann noch über das  Internet: Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie sich das WorldWideWeb in der DDR hätte darstellen können.

 

Was war das emotionalste Ereignis für Sie in den Jahren 1989 und 1990?

Ehrlich gesagt, dass mir der Weihnachtmann 1989 eine ETZ 150 brachte – in himmelblau. Mit diesem Motorrad genoss ich die Reisefreiheit und fuhr ich auch einige Male von Thüringen nach Hessen.

 

Haben Sie ein Stück Mauer bewahrt?

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Mitgliedskarte für Jungpioniere
Ein Mauerstück habe ich nicht, Berlin war direkt nach der Wende nicht mein Reiseziel. Aber meinen Nachweis der "freiwilligen Mitgliedschaft" in der Pionierorganisation habe ich noch.

 

Wie bewerten Sie den aktuellen "Stand" der Vereinigung? 

Ich vergebe hier die Note "Gut": Deutschlands Regionen, Nord, Ost, Süd und West, werden wohl immer etwas unterschiedlich sein und das ist auch gut so – Krachlederne gehören nicht wirklich an die Küste aber sächsisch nach Sachsen. Ich fände es gut, wenn mehr Leute aus dem Beitrittsprozess für die weitere gemeinsame Zukunft lernen würden. Gier und intransparente Geschäfte beim Umbau der Wirtschaft ließen – nicht unberechtigt - im Osten teilweise eine miese Stimmung zurück. Das Denken in D-Mark und Wählerstimmen reicht nicht für "blühende Landschaften" – man muss auch die Menschen mitnehmen. Dafür muss man sie jedoch auch verstehen. Heute haben dieselben Kräfte auf ähnliche Art unter dem Namen Wirtschaftskrise ganz Deutschland getroffen. Und wieder tun viele überrascht und verstehen oben nicht, warum sich unten Unmut entwickelt.

Im Osten wurde aber auch sehr viel zum Guten bewegt, zum Beispiel die geretteten Innenstädte und wieder aufgenommene Traditionen. Ein gemeinsames Deutsches Erbe wurde bewahrt - und zwar kurz vor dem Verschwinden. Und vor allem steht natürlich der Gewinn der persönlichen Freiheiten und Rechte, die wir Bürger haben. Ich hoffe, diese bleiben erhalten und werden nicht im Jahr 21 nach der Wende dem Überwachungswahn und Zensurzwang einzelner Politiker geopfert. Insbesondere da sollten einige Personen noch einmal aus der jüngeren und älteren deutschen Geschichte lernen.

Eine "Wendeerfahrung" würde ich abschließend gern teilen: Reisen bildet. Sie ist nicht neu, aber dass sie stimmt, wurde mir im Vorher-Nachher-Vergleich besonders deutlich. Wir hatten die westdeutsche Kultur bis 1989 nur im Fernsehen gesehen. Ab 1990 Kassel oder Köln zu besuchen und eine Zeit lang in West-Berlin zu arbeiten, ergänzten das Puzzle der Informationen und setzten das ganze Bild "Leben als BRDist" zusammen. Kleine persönliche Reisen über innerdeutsche Grenzen mit Blicken hinter Kulissen und Klischees, wie man sie täglich im Fernsehen geliefert bekommt, fördern das Verständnis und helfen dadurch beim Miteinanderleben.

aus der wissen.de-Redaktion
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