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Magen-Operation: Ausweg aus dem Übergewicht

Ein gesellschaftlich weit verbreitetes Krankheitsbild: Übergewicht - es schränkt nicht nur die Lebensqualität des Betroffenen ein, sondern steigert auch das Risiko für Begleiterkrankungen. Wenn weder eine Ernährungsumstellung noch Bewegung zur Gewichtsabnahme helfen, bieten Ärzte mittlerweile auch chirurgische Eingriffe an – als letzten Ausweg aus dem Übergewicht. Doch was bringen diese Magenverkleinerungen? Und wo liegen die Risiken?

Die Zahl an älteren Menschen aber auch an Kinder und Jugendlichen mit Übergewicht oder sogar Adipositas steigt weltweit stetig an. In Deutschland sind die Hälfte der Männer und ein Drittel der Frauen zwischen 18 und 79 Jahren übergewichtig. 19 Prozent der Männer und 22 Prozent der Frauen sind adipös, also krankhaft übergewichtig. Dadurch steigen auch die Zahlen von Patienten mit Begleiterkrankungen wie Diabetes Typ 2 oder Herzerkrankungen. Auslöser für eine Gewichtszunahme kann eine genetische Veranlagung sein, meist aber hängt sie mit dem Lebensstil zusammen – mit Bewegungsmangel, Stress und einer ungesunde Ernährung.

OP als Notlösung

Um die Gesundheit nicht zu gefährden, hilft es nur, an Gewicht abzunehmen: „An erster Stelle steht das sogenannte Basisprogramm aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie“, sagt Lars Hecht vom Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland. Doch häufig bringt dies nur geringen Erfolg – der gefürchtete Jojo-Effekt macht die Gewichtsabnahme zunichte oder aber die Pfunde wollen einfach nicht weiter schwinden.

Bleiben Abnehmversuche erfolglos, kommt bei stark übergewichtigen Menschen ein chirurgischer Eingriff infrage. Bei dieser Operation wird der Magen vorübergehend oder dauerhaft verkleinert, so dass die Patienten nur noch wenig Nahrung aufnehmen können. Diese Magenverkleinerung zwingt sie damit quasi dazu, Diät zu halten.

Ratsam sei eine Operation – ein sogenannter bariatrischer Eingriff - aber nur bei Menschen mit starker oder sehr lang andauernder Adipositas - mit über 35 Kilogramm Körpergewicht pro Quadratmeter oder bei zusätzlichen Begleiterkrankungen wie Diabetes, Herzerkrankungen und Co. Der Chirurg darf vorab weder eine bestehende Schwangerschaft noch psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder eine Sucht diagnostizieren.

Vielzahl an Eingriffen

Sinnvoll ist, sich mit Ärzten über die persönliche Gesundheit und die verschiedenen Methoden der Magenoperationen zu beraten. „Dabei gilt vereinfacht gesagt: Je aufwändiger das Verfahren, desto besser sind die Ergebnisse, aber desto mehr Nebenwirkungen und Risiken sind auch damit verbunden“, sagt Hecht. In der Adipositas-Chirurgie kommen mehrere unterschiedliche Operationsverfahren zum Einsatz: 

Das elastische Magenband wird beispielsweise von außen um den oberen Magen gelegt, um das Magenvolumen zu verringern. Durch das Silikonband entsteht ein kleiner Vormagen, der ein Sättigungsgefühl signalisiert, sobald er mit Essen gefüllt ist. So wird weniger Nahrung aufgenommen und der Betroffene fühlt sich trotzdem satt. Der Vorteil: Das Band kann wieder entfernt werden. Allerdings sind ein Verrutschen, Reißen oder Verwachsungen des körperfremden Implantats möglich.

Auch operative Verkleinerungen des Magens werden durchgeführt, um das Fassungsvermögen des Organs zu dezimieren. Bei einem solchen Schlauchmagen verkleinert sich der Magen auf nur noch  etwa 100 bis 120 Milliliter Volumen – ein Zwanzigstel eines normalen Magens. Dadurch tritt auch hier eine schnellere Sättigung ein. Diese Operation kann allerdings nicht wieder rückgängig gemacht werden.

Und die Eingriffe reichen sogar bis hin zu komplexen Magen-Bypässen: Hierbei verkürzt sich der Verdauungsweg, weil ein kleiner Magenteil von etwa 200 Millilitern abgetrennt wird. Der Nahrungsbrei wird somit um einen großen Teil des Magens und des Dünndarms herumgeleitet. Dieser Abschnitt wird zugenäht und ist nicht mehr mit der Speiseröhre verbunden. So verbleiben nur ein kleiner Magenrest und der Dünndarm zur Nahrungs- und Nährstoffaufnahme. Auch diese Methode kann nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Seltener genutzt werden Magenschrittmacher:  Ein durch eine Batterie angetriebener Impulsgeber gibt Stromimpulse - über eine an der vorderen Magenwand angebrachten elektrische Sonde - an die Magenmuskulatur ab. Damit wird die Entleerung des Magens gesteuert – sie kann beschleunigt und gebremst werden. Die in die Magenmuskulatur eingebrachte Sonde ist hierbei über einen Katheter mit der Batterie verbunden. Für einen Wechsel der Batterie muss eine erneute Operation durchgeführt werden.

Kein unbeschwerter Neuanfang

Und wie geht es nach einer Operation weiter? Selbst wenn die Operation ohne Komplikationen verläuft, lebt es sich nach einem chirurgischen Eingriff dennoch nicht ganz unbeschwert: Damit keine Verdauungsprobleme auftreten, muss nämlich der Lebensstil langfristig umgestellt werden. Dazu zählt zum Beispiel, dass man sich je nach Art der Operation daran gewöhnt, langsam und in kleinen Portionen zu essen. Experten raten, fettreiche und zuckerhaltige Speisen und Alkohol zu meiden und nicht gleichzeitig zu trinken und zu essen, weil das Fassungsvermögen des Magens so verkleinert ist.

Um Mangelerscheinungen vorzubeugen, müssen viele Patienten mit verkleinertem Magen zudem lebenslang Nahrungsergänzungsmittel einnehmen. Denn die Aufnahme wichtiger Spurenelemente und Nährstoffe ist durch die verringerte Vorverdauung im Magen stark eingeschränkt. Bei einem Magenband sind dabei weniger Ergänzungsmittel nötig als beim Schlauchmagen oder Magenbypass. Zum Schutz vor Mangelerscheinungen sollten außerdem regelmäßige Bluttests durchgeführt werden.

Zusätzlich besteht das Risiko, dass der Körper neben Fett langfristig auch Muskelmasse abbaut. Zur Vorbeugung helfen eine eiweißreiche Ernährung und regelmäßiger Sport. Zudem lassen sich viele Patienten im Anschluss an die Gewichtsabnahme das Hautfettgewebe operativ entfernen. Die massive Gewichtsreduktion führt nämlich unweigerlich zu einem Hautüberschuss.

Das Leben nach der OP

Erfahrungsgemäß nehmen viele Menschen mehrere Jahre nach einer Adipositas-Operation wieder leicht zu. Die Betroffenen deshalb als faul und willensschwach zu stigmatisieren, wirke dabei aber eher kontraproduktiv: „Im schlimmsten Fall ist das der Einstieg in einen Teufelskreis, der über Essstörungen wie Frustessen oder Binge-Eating zu einer neuerlichen Gewichtszunahme führt“ , so Hecht. Daher ist eine gute Betreuung in Form von regelmäßigen Kontrolluntersuchungen auch lange nach der Operation ratsam.

Insgesamt können die operativen Eingriffe die Gesundheit des Patienten deutlich verbessern, denn die Gewichtsabnahme wirkt sich auch auf die alltägliche Lebensqualität, die Fitness und eine erfolgreiche Behandlung von Begleiterkrankungen aus. Aber dennoch ist eine Operation nie ungefährlich. Komplikationen können zu lebenslangen Schäden führen, wenn sich zum Beispiel durch die rasche Gewichtsabnahme Gallensteine bilden.

ABO, 10.09.2020
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