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Literatur-Nobelpreis 2015 für Swetlana Alexijewitsch

Den diesjährigen Nobelpreis für Literatur erhält die bei uns kaum bekannte weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch. Die Nobelstiftung zeichnet die 67-Jährige aus für ihr "vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt." Die Besonderheit ihrer Bücher besteht darin, dass sie wie in einer Art Kollage Berichte und Erzählungen von Zeitzeugen miteinander kombiniert.

Swetlana Alexijewitsch, weißrussische Schriftstellerin (2013)
Swetlana Alexijewitsch, weißrussische Schriftstellerin, während eines Gesprächsabends des Literaturhauses Köln (2013)

Swetlana Alexijewitsch wurde 1948 in dem ukrainischen Ort Iwano-Frankiwsk geboren. Nachdem ihr Vater aus der Armee ausschied, zog die Familie nach Weißrussland um, wo Alexijewitsch aufwuchs. Sie studierte Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre Journalistik an der Universität Minsk und entwickelte dabei schon früh eine kritische Haltung gegenüber der Regierung Weißrusslands und dem Staat.

Wegen ihrer unliebsamen Meinungsäußerungen hatte Alexijewitsch prompt Probleme, eine Anstellung zu bekommen und kam nur mit Mühe bei einem Provinzblatt unter. Erst später fand sie einen Job bei einer Zeitung in Minsk. Um Repressalien zu entgegen, lebte die Schriftstellerin und Journalistin aber auch immer wieder einige Zeit im Ausland, darunter in Italien, Frankreich, Deutschland und Schweden.

Kollage aus Zeitzeugen-Stimmen

Während ihrer Arbeit für die Zeitung entwickelte sich Alexijewitschs spezieller, auf journalistischer Arbeit basierender Stil: Die Autorin stützt sich beim Schreiben stark auf Gespräche mit Zeitzeugen und wandelt diese Eindrücke in eine Art Kollage verschiedener Stimmen um. Für ihr 1986 erschienenes erstes Buch, "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht", führte sie Interviews mit hunderten von Frauen, die am Zweiten Weltkrieg teilgenommen haben. Die Montage dieser Stimmen gibt einen facettenreichen Einblick in diese Zeit und die Schicksale von Frauen in Kriegszeiten.

1997 veröffentlichte Alexijewitsch das Buch "Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft", in dem sie die Folgen des Atomunfalls im Kernkraftwerk von Tschernobyl im Jahr 1986 verarbeitete. Ihr bisher letztes Buch, "Secondhand-Zeit – Leben auf den Trümmern des Sozialismus" ist ein Teil einer ganzen Reihe von Publikationen, deren Gegenstand ein Gesamtbild des Lebens im sowjetischen Kommunismus ist.

Hätten Sie es gewusst? Wissenswertes rund um die Literatur-Nobelpreise

Alfred Nobel, der Stifter der Nobelpreise, war eifriger Leser und Buchsammler, er besaß und las Bücher in mehreren Sprachen. Was aber nur wenige wissen: Der Industrielle versuchte sich sogar selbst als Schriftsteller. In seinem Testament nennt er 1895 den Literaturpreis als vierten der fünf von ihm gestifteten Preise. Er bestimmte ihn für eine Person, "die das herausragendste Werk" veröffentlicht hat.

Preiswürdig ist nach den Statuten der Nobel-Stiftung dabei nicht nur "schöne Literatur, sondern auch andere schreiberische Werke, die durch ihre Form und ihren Stil literarischen Wert besitzen." Im Falle der diesjährigen Preisträgerin Swetlana Alexijewitsch ist dies ein eher dokumentarischer Stil.

Seit Beginn der Nobelpreisverleihungen im Jahr 1901 hat es 108 Literatur-Nobelpreise gegeben – unter den ausgezeichneten Autoren waren aber nur 14 Frauen. Der jüngste Literatur-Nobelpreisträger war Rudyard Kipling, bekannt für sei Buch "Das Dschungelbuch", er wurde mit 42 Jahren ausgezeichnet. Die älteste Laureatin war im Jahr 2007 die Schriftstellerin Doris Lessing mit 88 Jahren.  Während es bei den naturwissenschaftlichen  Nobelpreisen fast die Regel ist, dass sich mehrere Preisträger die Auszeichnung teilen, ist dies bei Literatur selten. Erst viermal wurde ein Literatur-Nobelpreis an zwei Autoren zusammen vergeben.

NPO, 08.10.2015
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