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LEXIKON

Versailler Vertrag

[vɛrˈsajər-]
Versailler Vertrag
Versailler Vertrag
Teilnehmer der Friedenskonferenz bei der der Versailler Vertrag verhandelt wurde.
der Friedensvertrag zwischen Deutschland und den Alliierten zur Beendigung des 1. Weltkrieges, einer der Pariser Vorortverträge. Der alliierte Vertragsentwurf vom 7. 5. 1919 wurde nach deutschen Gegenvorschlägen ohne Verhandlungen geringfügig verändert; Deutschland unterzeichnete den Vertrag nach einem Ultimatum am 28. 6. 1919.
Aufgrund des Versailler Vertrags verlor Deutschland alle Kolonien und rund 70 000 km2 seines Staatsgebiets. Es musste folgende Gebiete abtreten, z. T. nach Volksabstimmungen: das Memelgebiet an Litauen, Teile Posens, Westpreußens und Oberschlesiens an Polen, das Hultschiner Ländchen an die Tschechoslowakei, Elsass-Lothringen an Frankreich, Eupen-Malmédy an Belgien, Nordschleswig an Dänemark; Danzig kam als freie Stadt unter die Hoheit des Völkerbundes; das Saargebiet wurde für 15 Jahre der Verwaltung des Völkerbundes unterstellt. Die Stärke des deutschen Heeres wurde auf 100 000 Mann, die der Marine auf 15 000 Mann beschränkt; der Besitz von Militärflugzeugen, Panzern und schwerer Artillerie wurde Deutschland verboten. Auf linksrheinischem Gebiet und in einer 50-km-Zone rechts des Rheins durfte Deutschland keine Truppen stationieren; das linksrheinische Gebiet wurde zeitweilig von alliierten Truppen besetzt. Deutschland musste sich als alleinschuldig am Ausbruch des Krieges bekennen (Art. 231) und zur Zahlung von Reparationen verpflichten.
Weitsichtige Prophezeiung für die Nachkriegszeit
Weitsichtige Prophezeiung für die Nachkriegszeit
Der britische Premierminister David Lloyd George nimmt am 26. 3. 1919 in einer Denkschrift Stellung zu den Verhandlungen der Siegermächte des Ersten Weltkrieges über die Friedensbedingungen für das Deutsche Reich während der Pariser Friedenskonferenz, die am 18. 1. 1919 in Versailles begann.

Sie mögen Deutschland seiner Kolonien berauben, seine Rüstungen zu einer bloßen Polizeimacht und seine Flotte zu einer Macht fünften Grades herabsetzen. Es ist schließlich alles gleich, wenn es sich im Frieden von 1919 ungerecht behandelt fühlt, wird es Mittel finden, um an seinen Besiegern Rache zu nehmen ... Unsere Bedingungen dürfen hart, sogar erbarmungslos sein, aber gleichzeitig können sie so gerecht sein, dass ein Land, dem sie auferlegt werden, in seinem Herzen fühlen wird, dass es kein Recht zur Klage hat. Aber Ungerechtigkeit und Anmaßung, ausgespielt in der Stunde des Triumphes, werden nie vergessen und vergeben werden. Aus diesem Grunde bin ich auf das Schärfste dagegen, mehr Deutsche, als unerlässlich nötig ist, der deutschen Herrschaft zu entziehen, um sie einer anderen Nation zu unterstellen. Ich kann kaum eine stärkere Ursache für einen künftigen Krieg erblicken, als dass das deutsche Volk, das sich zweifellos als eine der kraftvollsten und mächtigsten Rassen der Welt erwiesen hat, rings von einer Anzahl kleinerer Staaten umgeben werden soll, von denen viele aus Völkern bestehen, die noch nie vorher eine selbständige Regierung aufgestellt haben, aber jedes breite Massen von Deutschen umschließt, die die Vereinigung mit ihrem Heimatland fordern. Der Vorschlag der polnischen Kommission, 2 100 000 Deutsche der Aufsicht eines Volkes von anderer Religion zu unterstellen, das noch nie im Laufe seiner Geschichte die Fähigkeit zur Selbstregierung bewiesen hat, muss meiner Beurteilung nach früher oder später zu einem neuen Krieg in Osteuropa führen. ... Von jedem Standpunkt aus, will mir daher scheinen, müssen wir uns bemühen, eine Ordnung des Friedens zu entwerfen, als wären wir unparteiische Schiedsrichter, die die Leidenschaften des Krieges vergessen haben."

Der Versailler Vertrag war ein Kompromiss zwischen den Vorstellungen der einzelnen Alliierten. Die USA sahen den Versailler Vertrag als Teil einer gerechten Friedensordnung gemäß den Vierzehn Punkten Präsident W. Wilsons an; sie waren bereit, das Deutsche Reich weitgehend in seiner Machtstellung zu belassen. Frankreich unter Ministerpräsident G. Clemenceau erstrebte eine dauerhafte Sicherung der eigenen machtpolitischen Stellung und hielt deshalb territoriale Abtretungen und wirtschaftliche Schwächung des potenziell nach wie vor überlegenen Deutschen Reiches für geboten. Für Großbritannien (Premierminister D. Lloyd George) war in erster Linie die Ausschaltung der deutschen Weltmachtkonkurrenz (Kolonien, Flotte) wichtig. Der Versailler Vertrag war konzipiert im Zusammenhang mit der Gründung des Völkerbundes (dessen Satzung einen Bestandteil des Vertrags bildete) und einem Frankreich von den USA und Großbritannien zugesagten Beistandspakt. Da die gesamte Friedensordnung vom US-amerikanischen Senat wegen zu weit gehender Verpflichtungen der USA abgelehnt wurde, entfiel dieser Pakt; die USA traten dem Völkerbund nicht bei und schlossen 1921 einen Separatfrieden mit dem Deutschen Reich. Die französische Sicherheit schien fortan strukturell bedroht.
Der Versailler Vertrag wurde in Deutschland überwiegend als ungerecht empfunden und von nahezu allen politischen Kräften abgelehnt. Der Kampf gegen „Versailles“ wurde zu einem Kristallisationspunkt der nationalistischen Agitation, die sich gegen das gesamte „Weimarer System“ richtete, da die Regierungen der Weimarer Republik nur eine Chance zur schrittweisen Revision sahen. Entgegen zeitgenössischer Annahmen beschränkte der Versailler Vertrag die deutsche Großmachtstellung in Europa nicht grundsätzlich. Durch den Ausschluss Sowjetrusslands aus der Friedensordnung eröffneten sich mittelfristig sogar besonders günstige Chancen zum Ausbau dieser Stellung. Da aber die auf dieser Einschätzung beruhende Politik der deutschen Regierungen der 1920er Jahre im Inland nicht akzeptiert wurde, lag im Versailler Vertrag ein Grund für den Aufstieg des radikalen Nationalismus und besonders der NSDAP.
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