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LEXIKON

tschechische Literatur

die Literatur in tschechischer Sprache. Nachdem sich diese aus dem Gemeinslawischen gelöst hatte und die Tschechen mit dem römisch-katholischen Glauben die lateinische Schrift angenommen hatten, setzte die tschechische Literatur im 13. Jahrhundert mit religiösen (Wenzellied), im 14. Jahrhundert mit höfischen (Alexandreis, Dalimilchronik) und didaktischen Reimdichtungen ein und erreichte einen Höhepunkt in den Prosaschriften von P. Chelčický, J. Blashoslav, dem Übersetzer des Neuen Testaments in der „Kralitzer Bibel“ (15791593), und J. A. Comenius (Komenský). Im Anschluss an die deutsche Romantik bewirkten eine Wiederbelebung des nationalen und literarischen Lebens u. a. der Lexikologe J. Jungmann, K. J. Erben mit Volksliedsammlungen, E. L. Čelakovkský mit volksnaher Lyrik und der Romantiker K. H. Mácha.
Mit Dorfnovellen leitete Božena Němocová von der Romantik zum Realismus über und zur Vorherrschaft der Prosa mit volkstümlicher, sozialer und historisch-nationaler Thematik, wie sie nach 1848 besonders J. Neruda, S. Čech, A. Jirásek, Z. Winter pflegten. In der Folgezeit und vollends an der Wende zum 20. Jahrhundert begann z. B. bei J. Zeyer und J. Vrchlický die Hinwendung der tschechischen Literatur zur europäischen Moderne; A. Sova gehörte zum Symbolismus, zum Surrealismus neigten V. Vančura und V. Nezval. Expressionistisches findet sich bei J. Wolker, der außerdem wie dann auch I. Olbracht und Marie Majerová die proletarische Dichtung vertrat. Die offizielle Literatur nach 1948 wurde vom sozialistische Realismus beherrscht.
Mit der Abwendung vom Stalinismus seit 1956 ging die sogenannte Tauwetterperiode einher, die zu einer Liberalisierung des literarischen Schaffens führte. Vertreter waren u. a. J. Seifert (Nobelpreis für Literatur 1984), B. Hrabal, M. Kundera, Vera Linhartová, die Dramatiker P. Kohout und V. Havel. Der Prager Frühling (1968) beendete diese Phase dichterischer Freiheit, viele kritische Autoren konnten nur in Samisdat- und Exilverlagen veröffentlichen oder emigrierten (V. Linhartová, Josef Škvorecký). Einige der Emigranten wie z. B. L. Moníková veröffentlichten in der jeweiligen Landessprache. Die Etablierung demokratischer Verhältnisse 1990 brachte einstmals dissidenten Autoren neue Anerkennung (I. Klíma, J. Gruša). Gegenwärtig zeigt sich ein Interesse an experimenteller Prosa, mit surrealistischen Elementen bei Zuzana Brabcová, Daniela Hodrová und Jiři Kratochvil, mit ironischen Zügen bei Michal Viewegh und in den die Nachwendeerfahrungen spiegelnden Großstadtromanen Jáchym Topols. Ein Vertreter der Lyrik ist Tomaš Kafka.
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