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LEXIKON

Ost-West-Konflikt

das Spannungsverhältnis zwischen der Sowjetunion und den nichtkommunistischen Staaten. Es nahm seinen Anfang mit dem Machtantritt der Bolschewiki in Russland (1917), deren erklärtes Ziel die Weltrevolution, d. h. die Beseitigung der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Staaten, war. Nachdem die Hoffnungen auf die proletarische Weltrevolution sich nicht erfüllt hatten, betrieb die Sowjetregierung in ihren Beziehungen zu den übrigen Staaten eine zweigleisige Politik: Auf diplomatischer Ebene verfolgte sie eine Politik der Koexistenz, während die Komintern und ihre nationalen Sektionen auf gesellschaftlicher und ideologischer Ebene nach wie vor auf Konfrontation setzten. Der Ost-West-Konflikt trat zurück im 2. Weltkrieg, als sich die Sowjetunion und die Westmächte im Kampf gegen den Nationalsozialismus verbündeten. Die Gegensätze brachen jedoch nach der siegreichen Beendigung des Krieges wieder auf und führten zum Ost-West-Konflikt im eigentlichen Sinne: der Herausbildung von zwei entgegengesetzten Blöcken oder Lagern um die „Supermächte“ USA und UdSSR.
Die Blockbildung volllzog sich zunächst in Europa, ausgehend von den Konflikten über die Zukunft Deutschlands und Mitteleuropas. Erste Gegensätze traten bereits auf der Potsdamer Konferenz (Juli/August 1945) auf. Der amerikanische Marshallplan zum Wiederaufbau Westeuropas einschließlich der westlichen Besatzungszonen Deutschlands 1947 einerseits und die Gründungskonfernz des Kominform im September 1947, die den unversöhnlichen Gegensatz zwischen „Imperialismus“ und „Sozialismus“ proklamierte (Beginn des „Kalten Krieges“), andererseits verschärften den Gegensatz. Mit der Berliner Blockade (Juni 1948 bis Mai 1949), der Bildung der NATO (4. 4. 1949) und der Gründung der beiden deutschen Staaten war die Spaltung Deutschlands und Europas 1949 in zwei feindliche Blöcke vollzogen.
Eine weltpolitische Dimension gewann der Ost-West-Konflikt durch den Koreakrieg (Juni 1950 bis Juli 1953) und die Unterstützung der UdSSR für Befreiungsbewegungen in den Kolonien und selbständig gewordenen Staaten Afrikas und Asiens. Gleichzeitig festigten beide Seiten ihre Position in Europa: der Westen durch die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland und ihre Aufnahme in die NATO (1954), die UdSSR durch die Gründung des Warschauer Pakts (1955) und die Unterdrückung oppositioneller Bewegungen in der DDR (1953) und in Ungarn (1956). Höhepunkte des Ost-West-Konflikts waren die Berlinkrise (Bau der Mauer am 13. 8. 1961) und die Kubakrise von 1962. Sie beschworen die Gefahr eines atomaren Weltkrieges herauf und förderten auf beiden Seiten die Bereitschaft zu Abrüstungsgesprächen. Die nun einsetzende Entspannungspolitik wurde beeinflusst durch den sich verschärfenden sowjetisch-chinesischen Konflikt und das wachsende Engagement der USA im Vietnamkrieg. Ergebnisse der Entspannung zwischen den USA und der UdSSR waren das Teststoppabkommen für Atomwaffen vom Juli 1963, der Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen 1968, SALT 1 1972 und die Schlussakte von Helsinki 1975. In Europa führte die von der sozialliberalen Bundesregierung Brandt-Scheel betriebene Ostpolitik zur Entspannung des Verhältnisses der Bundesrepublik Deutschland zur UdSSR, zu Polen, zur Tschechoslowakei und zur DDR sowie zu einer Berlinregelung der vier Mächte. Diese Maßnahmen brachten zwar eine gewisse Entschärfung des Ost-West-Konflikts, beendeten ihn aber nicht. Das zeigten Ereignisse wie die Intervention der Staaten des Warschauer Paktes in der Tschechoslowakei 1968, die sowjetische Intervention in Afghanistan 1979 sowie die Niederschlagung der Liberalisierungstendenzen in Polen 1981. Die von den USA unter R. Reagan verfolgte Politik der Stärke (intensive Rüstungsanstrengungen) zwang die UdSSR zu einer Änderung ihres Konfrontationskurses.
Die von M. Gorbatschow nicht zuletzt aufgrund der katastrophalen Wirtschaftslage eingeleitete Liberalisierungspolitik führte mit dem politischen Umsturz in Osteuropa und der deutschen Wiedervereinigung zu einem entscheidenden Wandel im Ost-West-Konflikt, der mit der Verabschiedung der Charta für ein neues Europa auf dem KSZE-Sondergipfel in Paris 1990 dokumentiert wurde. Das Ende der UdSSR 1991 bestätigte diese Entwicklung. Die kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Balkan in den 1990er Jahren, besonders der Kosovo-Konflikt 1998/99, zeigten jedoch, dass Interessenskonflikte in Bezug auf die Ausdehnung der jeweiligen Einflusssphären zwischen Russland und den Westmächten weiterhin Bestand haben.
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