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LEXIKON

moderne Baukunst

die an den im 19. Jahrhundert entwickelten Eisenskelettbau (Kristallpalast in London von W. Paxton) anknüpfende zeitgenössische Architektur. Sie entwickelte sich aus dem Bestreben, die konstruktive Form von den sie kaschierenden historisierenden Elementen zu befreien. Dieser Prozess setzte in den Bauten des Jugendstils ein und wurde vor allem im Expressionismus weiterentwickelt. Trotzdem kam es zu gelegentlichen Rückgriffen auf klassizistische Vorbilder.
Neben dem mit Gerüstkonstruktionen arbeitenden Industriebau (Werks-, Ausstellungs- und Bahnhofshallen, Brücken) stellte noch vor der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert die Wohnhausarchitektur nicht nur baukünstlerische, sondern auch städtebaulich-organisatorische und soziale Aufgaben, die besonders in den USA in Angriff genommen wurden. Beispielgebend für die Formgestaltung, die konstruktiven Erfordernissen folgte, wirkten in den USA vor allem L. H. Sullivan und F. L. Wright, in England C. R. Mackintosh, in Deutschland und Österreich die zunächst dem Jugendstil verpflichteten A. Loos, O. Wagner, J. Hoffmann, P. Behrens und R. Riemerschmidt. Fantasievolle Ausdruckssteigerung, in Jugendstilbauten vorbereitet, kennzeichnet die Spätwerke des Spaniers A. Gaudi y Cornet ebenso wie Bauten von H. Poelzig, E. Mendelsohn und O. Bartning. Befruchtend auf die moderne Baukunst wirkten nach dem 1. Weltkrieg die Ideen des Funktionalismus. Eine Gegenbewegung entstand vorübergehend in der an Leitsätzen des organischen Bauens orientierten, 1925 gegründeten Gruppe „Der Ring“, während außerhalb Deutschlands, im russischen Konstruktivismus und in der niederländischen Gruppe de Stijl, die ästhetischen Ideale des Funktionalismus bis zu äußerster Konsequenz verwirklicht wurden und sich mit den Bestrebungen des Bauhauses verbanden. Die zunehmende, schon bald nach dem 1. Weltkrieg einsetzende Internationalisierung der modernen Baukunst spiegelte sich in der Gründung der übernationalen Architektenorganisation CIAM, im Ideenaustausch und in der schulbildenden Zusammenarbeit führender Architektengruppen. Die Stilgegensätze verwischten sich; um so deutlicher zeichnete sich jedoch dabei das eigenwillig-geniale Schaffen einiger Architekten ab, die, wie Le Corbusier, F. L. Wright und A. Aalto, mit besonders kühnen Leistungen einem neuen Empfinden für Raum und Maße Ausdruck gaben. Während sich den Architekten im nationalsozialistischen Deutschland und in anderen diktatorisch regierten Staaten eine vom Klassizismus abgeleitete Monumentalarchitektur als die einzige Möglichkeit öffentlichen Bauschaffens bot, wurde in den USA auf dem Gebiet des Ingenieurbaus die Grundlage bereitet für neue Konstruktionssysteme, die nach dem 2. Weltkrieg auch im öffentlichen Bauen nutzbar wurden. Zu ihnen gehörten die bereits in den 1920er Jahren erfolgreich erprobte Schalenbauweise und das Hängedach, dessen Einführung der modernen Baukunst neue ästhetische Möglichkeiten erschloss.
Die Architektur der 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts fand, nachdem in Europa die Aufbauphase zur Beseitigung der Kriegsschäden abgeschlossen war, ihre Hauptaufgabe darin, die Umgebung des Menschen seinen persönlichen und gesellschaftlichen Bedürfnissen entsprechend zu gestalten. Diese Funktion konnte sie in vielen Fällen nicht erfüllen. Seit dem Ende der 70er Jahre machte sich eine Abwendung vom Funktionalismus und die Suche nach historischer Kontinuität im Zeichen von Humanität und Umweltfreundlichkeit bemerkbar. Heute existieren unterschiedliche architektonische Haltungen und Ideologien offen nebeneinander, die eine Bereicherung auf allen Gebieten des Bauwesens zur Folge haben. Die großen Bauaufgaben am Ende des 20. Jahrhunderts und am Anfang des neuen Jahrtausends liegen im Bereich des Städtebaus, im Museumsbau und anderen öffentlichen Bauaufgaben und in multifunktionalen Zentren.
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