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LEXIKON

Kunstwissenschaft

ein Zweig der Geisteswissenschaften, der sich der Erforschung der bildenden Kunst (Architektur, Plastik, Malerei, Grafik, Kunsthandwerk) und ihrer Geschichte widmet; als zusammenfassende Bezeichnung gelegentlich auch angewendet auf Archäologie, Ägyptologie, Assyriologie und Byzantinistik. Die Kunstwissenschaft ist kein selbständiges Lehrfach an Universitäten; ihre Methoden und Ziele werden dort am konsequentesten von der Kunstgeschichte vertreten, so dass Kunstwissenschaft und Kunstgeschichte häufig als identisch empfunden werden. Hilfswissenschaften wie Kostümkunde, Numismatik, Heraldik, Ikonographie und Paläographie ergänzen die Disziplin.
Die auf den Gebieten der bildenden Kunst als Kunstgeschichte betriebene Forschung hat bisher zu einer Vielzahl von Gliederungs- und Gruppierungsmöglichkeiten geführt. Die wichtigsten von ihnen ergaben sich nach chronologischen, soziologischen, psychologischen und regionalen Gesichtspunkten aus der Abfolge und Verbreitung der Kunststile. Dabei zeichneten sich schon früh die Wege zu einer Formensystematik, zur Herausbildung von Stiltypen und zur Untersuchung von Schul- und Einzelleistungen ab.
Bereits aus der Antike liegen schriftliche Äußerungen über Werke der bildenden Kunst vor, verfasst als Reiseberichte oder theoretische Abhandlungen mit belehrender Absicht (Plinius, Vitruv, Pausanias), teils auch als philosophische Erörterungen im Rahmen der Ästhetik. Wichtige Quellenschriften der beginnenden Neuzeit sind besonders die Architekturtraktate von L. B. Alberti, S. Serlio, A. Palladio und V. Scamozzi, Schriften über die Malerei von P. della Francesca und Leonardo da Vinci, künstlerisch-biografische Werke wie die Vitensammlung G. Vasaris und die von der neueren Forschung viel beachteten Emblembücher.
Diese ältere Kunstliteratur kann als Vorstufe zur wissenschaftlichen Kunstgeschichtsschreibung angesehen werden. Angeregt von Montesquieu, schrieb J. J. Winckelmann die „Geschichte der Kunst des Altertums“ (1764), mit der zum ersten Mal der Versuch einer stilgeschichtlichen Darstellung unternommen wurde. Mit der Übernahme der historisch-kritischen Methode der Altphilologie und der alten Geschichte wurde der die Kunstwissenschaft der Romantik bestimmende Boden der idealistischen Spekulation verlassen.
Unter A. Didron und A. Springer entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die ikonographische Richtung der Kunstwissenschaft, die sich besonders der Erforschung der Bildinhalte der mittelalterlichen Kunst widmet. Ihr bedeutendster Vertreter war E. Panofsky. H. Wölfflin unternahm in seinem Buch „Kunstgeschichtliche Grundbegriffe“ (1915) mit der Bestimmung wertfreier Begriffspaare den ersten umfassenderen Versuch zur Klärung der kunstgeschichtlichen Terminologie, er wurde damit zum Hauptvertreter einer formalistischen Kunstbetrachtung.
Im Anschluss an C. F. von Rumohr führte A. Riegl den Begriff des „Kunstwollens“ in die Kunstwissenschaft ein und suchte in seinen „Stilfragen“ (1893) die wertende Betrachtung auszuscheiden. Wichtige Stationen in der weiteren methodischen Entwicklung des Faches repräsentieren M. Dvořák, der als Vertreter der Wiener Schule das einzelne Kunstwerk in einen größeren geistesgeschichtlichen Zusammenhang stellte („Kunstgeschichte als Geistesgeschichte“ 1924), H. Sedlmayr, der mit seiner Strukturanalyse eine Abwendung von der Stilgeschichte betrieb („Verlust der Mitte“ 1949) oder A. Hauser und W. Gombrich, die sozialgeschichtliche und psychologische Interpretationsansätze miteinbrachten.
Heute verfolgt die Kunstwissenschaft einen Methodenpluralismus, wobei besonders soziologische und rezeptionsästhetische Fragestellungen vorherrschen (M. Warnke, M. Baxandall u. a.).
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