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LEXIKON

Karl I., der Große

Karl der Große
Karl der Große
Karl der Große
Von Gott zur Herrschaft berufen
Von Gott zur Herrschaft berufen
Der Historiker Josef Fleckenstein (* 1916) entwarf ein Persönlichkeitsbild des Herrschers Karl der Große:

Seine Vielseitigkeit und seine Leistungskraft erschließen uns die historische Gestalt: Aus der Fülle seiner Taten und Leistungen erwächst das Bild eines überlegen planenden, rastlos tätigen und zielklaren Herrschers, dessen ganzes Tun einen wachen, der Ordnung verschworenen Geist, einen unbeugsamen Willen und eine einzigartige Spannweite verrät.

Die Gelehrten seiner Umgebung haben dazu noch manchen persönlichen Zug überliefert. So schildert Einhard seine äußere Gestalt: groß, massig, mit einem runden Kopf, der auf einem kurzen, stämmigen Nacken saß; das Gesicht beherrscht von großen Augen mit scharfem, durchdringenden Blick, aber gewöhnlich freundlich-heiter in seinem Mienenspiel; dazu eine Stimme, die überraschend hell war und, wie Einhard bemerkt, mit der ganzen Gestalt nicht recht in Einklang stand. Dieser Kontrast ist mehr als eine Äußerlichkeit: er verdeutlicht nur, dass die Gestalt mancherlei Gegensätze in sich zusammenschloß. Wie Karls viel gepriesene Freundlichkeit auch in Schrecken erregenden Zorn umschlagen konnte, so muss er überhaupt von starken inneren Spannungen erfüllt gewesen sein: von ihnen sind seine gewaltigen Leistungen getrieben; auf ihrer Bändigung beruht seine persönliche Größe und seine Geschichtsmächtigkeit.
Einhard hat diese Größe mit dem antiken Begriff der magnanimitas zu verdeutlichen versucht: der Größe des Geistes und der Seele... Die Selbstsicherheit und Kraft, die Karl erfüllten, erwuchsen aus der tiefen Überzeugung, von Gott zur Herrschaft berufen zu sein; der göttliche Auftrag gab seinem Handeln die letzte Rechtfertigung und Sicherheit...
Der tote Karl aber wurde selbst zum Symbol. Sein Herrschertum entwickelte prägende Kraft: hinfort musste ein großer Herrscher wie Karl der Große sein. Seinem Vorbild eiferten die Kaiser und Könige des Mittelalters nach. Er war der Maßstab, nach dem die Geschichtsschreiber Lob und Tadel verteilten, und das Volk, das ihn als Helden besang, beschwor ihn zugleich als Verkörperung von Recht und Gerechtigkeit. (Aus: Josef Fleckenstein, Karl der Große, 1962, Auszug)
König der Franken 768814, Römischer Kaiser seit 800, * 2. 4. 747,  28. 1. 814 Aachen.
Der erste Kaiser des europäischen Mittelalters machte das Frankenreich zum Großreich, aus dem später Deutschland, Frankreich sowie die italienischen und spanischen Teilreiche hervorgingen. Karl der Große hat auf politischem, kirchlichem und kulturellem Gebiet seine Zeit in außerordentlichem Maße geprägt und die wesentl. Grundlagen für die geistige und politische Einheit des Abendlands geschaffen.

Krieger und Eroberer

Seit dem Tod seines Bruders Karlmann (771), mit dem er die Herrschaft in der Nachfolge ihres Vaters Pippins III. (des Jüngeren) seit 768 geteilt hatte, war Karl Alleinherrscher. Er setzte zunächst die Politik seines Vaters fort, beendete die Unterwerfung Aquitaniens (769) und eroberte, gerufen von Papst Hadrian I., das Langobardenreich in Oberitalien (773/74), dessen Königstitel er auf sich übertrug. Gegenüber dem Papst erneuerte Karl die Pippinische Schenkung und übernahm die Schutzherrschaft über den Kirchenstaat. Die 778 begonnenen Kämpfe gegen die Omajjaden von Córdoba dienten der Sicherung Aquitaniens und führten 795 zur Errichtung der Spanischen Mark. In zahlreichen blutigen Feldzügen (772804) wurden die Sachsen unterworfen und christianisiert. 785 unterwarfen sich ihr Führer Widukind und dessen Schwiegersohn Abbio. Die slawischen Obodriten mussten sich mit Karl verbünden und die Dänen 811 die Eidergrenze anerkennen. Mit der Absetzung Herzog Tassilos III. wurde auch Bayern dem Frankenreich eingegliedert. 795/96 folgte die Unterwerfung des Awarenreichs. Zum Schutz des Herrschaftsbereichs wurden weitere Marken eingerichtet (Awarische, Bretonische, Dänische Mark, Mark Friaul, Karantanische Mark, Nordmark, Serbische, Tolosanische Mark). Außerdem lag ein Kranz slawischer Tributstaaten vor der Grenze des Reichsgebiets.
Blutiger Sieg über Awaren
Blutiger Sieg über Awaren
Die Bedeutung der Feldzüge Karls des Großen gegen das Awarenreich stellt sein Biograf Einhard heraus:

Der bedeutendste Krieg von allen, die er führte, vom sächsischen abgesehen, ... [war] der gegen die Awaren oder Hunnen. Er führte ihn mit mehr Eifer als die anderen und mit größeren Zurüstungen. In eigener Person führte er jedoch nur einen Feldzug nach Pannonien an - dieses Land nämlich bewohnte zu der Zeit jenes Volk -, die Ausführung der übrigen übertrug er seinem Sohne Pippin, den Landeshauptleuten, auch Grafen und Sendboten. Obgleich diese den Krieg mit der größten Tapferkeit führten, ging er erst im achten Jahre zu Ende. Wie viel Schlachten während desselben geschlagen, wie viel Blut vergossen wurde, wird dadurch bewiesen, dass Pannonien ganz unbevölkert ist und der Ort, der vormals Kagans Königsburg war, jetzt so verödet liegt, dass auch keine Spur menschlicher Behausung auf ihm zu entdecken ist. Der gesamte Adel der Hunnen kam in diesem Krieg um, ihr ganzer Ruhm ging unter. Alles Geld und die seit langer Zeit angehäuften Schätze fielen in die Hände der Franken, kein Krieg so weit Menschengedenken reicht, brachte diesen so viel Reichtum und Macht. Denn während man sie bis dahin beinah als arm ansehen konnte, fand sich nun in der Königsburg eine solche Masse an Gold und Silber, und in den Schlachten fiel so kostbare Beute an, daß man mit Recht glauben durfte, die Franken hätten gerechterweise den Hunnen das geraubt, was diese früher anderen Völkern ungerechterweise geraubt hatten. Von fränkischen Großen fanden in diesem Kriege nur zwei ihren Tod, Herzog Erich nämlich von Friaul, der in Liburnien bei der Seestadt Tersatto durch Hinterlist der Bewohner umkam, und Gerold, der Landeshauptmann von Bayern, der in Pannonien, während er die Schlacht gegen die Hunnen ordnete ... mit nur zwei anderen getötet wurde, die ihn begleiteten ... Im Übrigen war dieser Krieg für die Franken fast unblutig und nahm ein sehr günstiges Ende, wiewohl er sich wegen seiner Bedeutung längere Zeit hinzog."

In Kämpfen über drei Jahrzehnte gelang es Karl, die Grenzen des Frankenreichs so zu erweitern, dass es zum bedeutendsten Großreich des abendländischen Mittelalters wurde.

Kaiser und Reformer

Die europäische Machtstellung, die Herrschaft über Italien und Rom und die von Pippin III. begründete enge Verbindung von fränkischem Königtum und Papsttum waren die Voraussetzung für die Erhebung Karls zum Kaiser, die Weihnachten 800 von Papst Leo III. vollzogen wurde. Damit wurde die Tradition des Römischen Reichs wieder aufgenommen und mit dem fränkisch-christlichen Königtum verbunden.
Die Kaiserkrönung Karls des Großen
Die Kaiserkrönung Karls des Großen
In der Lebensbeschreibung zu Papst Leo III. im "Liber Pontificalis" wird die Krönung beschrieben:

Alle [waren] schon in der genannten Basilika des heiligen Apostels Petrus wiederum versammelt. Da krönte ihn der ehrwürdige und segenspendende Vorsteher [Leo III.] eigenhändig mit der kostbaren Krone. Dann riefen alle gläubigen und getreuen Römer, die den Schutz und die Liebe sahen, die Karl der römischen Kirche und ihrem Vertreter gewährte, einmütig mit lauter Stimme auf Gottes Geheiß und auf die Eingebung des heiligen Petrus, des Himmelreiches Schlüsselträger, hin: Leben und Sieg sei Karl, dem frömmsten Augustus, dem von Gott gekrönten großen und friedfertigen Kaiser! ... Sofort salbte der heiligste Vorsteher und Oberpriester [Leo III.] mit Heiligem Öl Karl, seinen hervorragendsten Sohn ... zum König. Nach der Krönung wurde ihm vom Papst wie früher den Fürsten der alten Zeit gehuldigt, und von da an wurde er nicht mehr Patricius, sondern Kaiser und Augustus genannt."

Die "Chronik des Theophanes" gibt die ganz andere byzantinische Sichtweise wieder:
"Im selben Jahr [799] erhoben sich in Rom die Verwandten des seligen Papstes Hadrian, die das Volk auf ihre Seite gebracht hatten, gegen Papst Leo [III.] ... Er floh zum Frankenkönig Karl, der grausame Rache an den Feinden nahm und ihn wieder auf seinen Thron einsetzte. Seit jener Zeit steht Rom unter der Macht der Franken. Als Belohnung dafür krönte der Papst ihn am 25. Dezember zum Römischen Kaiser in der Kirche des heiligen Petrus, nachdem er ihn vom Kopf bis zu den Füßen gesalbt und ihm das kaiserliche Gewand und die Krone aufgesetzt hatte."
Karl förderte nicht nur nachdrücklich die christliche Mission in den eroberten Gebieten, sondern auch kirchliche Reformen. Sein Hof wurde durch die Anwesenheit angesehener Gelehrter (u. a. Alkuin, Einhard, Paulus Diaconus) zum geistigen Zentrum Europas. Von ihm wurde eine Bildungsreform getragen, die zu einer Blüte der Wissenschaften und Künste führte (karolingische Renaissance). Er vereinheitlichte die Schrift (karolingische Minuskel), denn Lesen und Schreiben waren seiner Meinung nach die elementaren Voraussetzungen, um die christliche Lehre zu verstehen. Ähnlich intensiv kümmerte sich der Kaiser auch um die Rechtsprechung. Karls Herrschertum manifestierte sich im Besuch verschiedener Pfalzen. Allerdings bevorzugte er mit zunehmendem Alter Aachen als Hauptsitz.
Als Idealfigur des christlichen Herrschers verherrlicht und später als Heiliger verehrt, wurde Karl der Große 1165 auf Wunsch Kaiser Friedrichs I. durch den (Gegen-)Papst Paschalis III. kanonisiert.
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