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LEXIKON
 

ibroamerikanische Literatur

lateinamerikanische Literatur
das mittel- und südamerikanische Schrifttum in spanischer und portugiesischer Sprache. In der Kolonialzeit herrschten Berichte über Erforschung und Eroberung des Kontinents vor (Bartolomé de Las Casas, * 1474,  1566; Alonso de Ercilla y Zúñiga, * 1533,  1594; Garcilaso de la Vega, * 1539,  1616, verfasste eine Geschichte der Inkas). Von selbständigen Nationalliteraturen in diesem Raum kann man erst seit dem Ende der Kolonialzeit sprechen; bald danach äußerten sich ein politischer und sozialer Freiheitsdrang und ein großes Interesse an der eigenen Lebenswelt (Criollismo, die Epik der Gaucho-Dichtung, Indianismus). Es lassen sich drei oft ineinander übergehende Motivgruppen unterscheiden, die sich in den verschiedenen Ländern verschieden stark bemerkbar machen: a) europäisch orientiert, b) sozialkritisch, c) indigenistisch (der einheimischen Tradition folgend).
Als der Lyriker R. Darío, beeinflusst von den französischen Parnassiens und Symbolisten, den Modernismo in der spanischsprachigen iberoamerikanischen Literatur zum Sieg führte, erstarkte der Glaube an die Kraft und Zukunft der gemeinsamen iberischen Kultur bei diesen Völkern; mit einer Neubesinnung auf die „Hispanität“ entwickelte sich vor allem ein Gegensatz zum Wirtschafts- und Kulturimperialismus der USA. Bezeichnend für diese Strömung ist R. Daríos berühmte Ode „A Roosevelt“ 1905.
Die engagierte Literatur bedient sich mit Vorliebe der Essayistik; aus Epos und Essay entstand der poetische und spekulative Roman, eine Entwicklung, die sich, bedingt durch spanische und portugiesische Verbote, erst im 2. Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts vollzog. Damals setzte sich eine Richtung durch, die sich auf die indianische Kulturtradition besann und sich später mit einer idealisierenden Bauernkultur und auch mit sozialkritischen Tendenzen verband. Aber erst mit dem Aufkommen des neuen magisch-realistischen Romans seit den 1950er Jahren errang die lateinamerikanische Erzählkunst Weltgeltung (Asturias, Carpentier, Cortázar, Roa Bastos). Auch eine Kunstlyrik entstand erst in der Spätromantik; das Drama fand erst nach dem 2. Weltkrieg Anschluss an moderne Thematik.
1945 ging zum ersten Mal der Nobelpreis an einen Schriftsteller Iberoamerikas: an die Chilenin G. Mistral.

Die spanischsprachigen Literaturen

Argentinien

Abgesehen von der Gaucholiteratur wurde im 19. Jahrhundert die Literatur vorwiegend von der europäischen Romantik bestimmt. Lyriker und Versepiker waren E. Echeverría, J. Mármol. Um 1880 wurde eine Entwicklung eingeleitet, die im Modernismo mündete. Lyriker: L. Lugones; E. Larreta wurde durch den Roman „Versuchung des Don Ramiro“ 1908, deutsch 1929, bekannt. Naturalistischer Erzähler und Dramatiker war E. Castelnuovo, Realist M. Gálvez. Ein Klassiker wurde R. Güiraldes (Gaucholiteratur); als Dostojewskij Argentiniens galt der sozialkritische R. Arlt (* 1900,  1942). Gegen das Barbarentum wandte sich D. F. Sarmiento. In der Lyrik traten A. Storni, der Sozialkritiker E. Martínez Estrada (auch Erzähler), H. A. Murena und R. E. Molinari hervor.
Psychologische und psychoanalytische Einflüsse machten sich bemerkbar, stärker als in anderen Ländern war der europäische Einfluss (Marxismus, Existenzialismus, Positivismus) u. a. bei E. Mallea und dem intellektuell-distanzierten A. Bioy Casares. A. Di Benedetto gilt als Vertreter des „Neuen Romans“. Zentrale Figuren sind der Stil- und Formkünstler J. L. Borges und sein Antipode, der Essayist und Romancier E. Sábato, der Erneuerer des amerikanischen Spanisch und Wegbereiter der hispanoamerikanischen Moderne (Roman „Über Helden und Gräber“ 1948, deutsch 1967). Im umfangreichen Werk von J. Cortázar mischen sich Realität und Fiktion, avantgardistische Erzähltechniken finden sich in den Romanen M. Puigs. A. Posse gilt als Vertreter des neuen historischen Romans. Der produktivste Autor der 1990er Jahre ist C. Aira. Viele etablierte Vertreter der jüngsten argentinischen Literatur leben und arbeiten außerhalb des Landes, so T. Eloy Martínez (* 1934), R. Piglia (* 1941) oder R. Fresán (* 1963).

Chile

Erst um 1900 erlangte eine eigenständige Literatur Bedeutung. Schilderer der Landschaft und zugleich bedeutender Vertreter der Regionalliteratur war M. Latorre. Den realistischen Erzählern zuzurechnen ist M. Rojas. B. Lillo schrieb über die sozialen Probleme seines Landes, als Lyriker der Avantgarde wurde V. Huidobro bezeichnet. Führende Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts sind die Lyrikerin G. Mistral (Nobelpreis) und P. Neruda (politische Dichtung; Nobelpreis). C. Droguett zeigt die Einsamkeit des modernen Menschen; nicht zuletzt sind der politisch engagierte J. Edwards und der Romancier J. Donoso zu nennen.

Ecuador

Höhepunkt und Abschluss der Romantik bildet J. León Mers (* 1832,  1894); gegen die Diktatur kämpfte der Essayist J. Montalvo (* 1832,  1889). Zum Sprecher der Indianer und ihrer sozialen Probleme machte sich A. Ortiz, für soziale Fragen engagierte sich J. Icaza in seinen Erzählungen; in der Lyrik trat J. Carrera Andrade hervor. Bedeutende Autoren waren bzw. sind C. Dávila Andrade, J. Enrique Adoum, A. Cossio Yáñez, der Dramatiker F. Tobar García sowie der Essayist und Romancier F. Tinajeros.

Guatemala

Neben dem romantischen folkloristischen Erzähler F. Herrera und dem Erzähler fantastischer und utopischer Geschichten R. Arévalo Martínez ist der dem Indigenismus, vor allem der Maya-Tradition verhaftete M. A. Asturias (Nobelpreis) zentrale Gestalt. Für die lateinamerikanische literarische Gegenwart ist er von großer Bedeutung, er wirkte stilbildend für den „magischen Realismus“; sein 1922 konzipierter universell-politischer Roman „El Señor Presidente“ konnte erst 1946 veröffentlicht werden.

Kolumbien

Eine Tradition regen literarischen Lebens lässt sich bis in die Zeit des Barocks nachweisen. Die Romantik kündet José Joaquín Ortiz (* 1814,  1892) an. In diese Epoche fällt auch der erste „moderne“ Roman Kolumbiens, „Maria“ 1867 von J. Isaacs. Zu den Expressionisten zählt J. E. Rivera. Gabriel García Márquez (Nobelpreis 1982) schuf aus den beiden sich vom Realismus ableitenden lateinamerikanischen literarischen Richtungen Indigenismus und magischer Realismus sowie der psychologisch-analytischen Richtung eine Synthese in seinen Romanen „Hundert Jahre Einsamkeit“ und „Der Herbst des Patriarchen“ (Diktatorenroman). Gegen Gewalt und Diktatur wendet sich E. Caballero Calderón. Andere Autoren thematisieren die Einflüsse der Technik und der Medien sowie von Kriminalität und Gewalt auf den kolumbianischen Alltag, u. a. A. Caicedo, F. Buitrago, A. L. Angel.

Kuba

Die Romantik war vor allem von französischen und spanischen Vorbildern beeinflusst; bekannt wurde der Lyriker J. M. Heredia y Campuzano. Am Übergang von Romantik und Realismus stand C. Villaverde (* 1812,  1894). Den Kampf um die Freiheit machte der Prosaist und Lyriker J. Martí zu seinem Anliegen; wie J. del Casal war er einer der Initiatoren des Modernismo. Europäischen Vorbildern folgt das zum magischen Realismus zählende Werk A. Carpentiers. Die negroide hispano-amerikanische sozialkritische Lyrik vertreten N. Guillén und Adalberto Ortiz. Ein Porträt Kubas entwarf José Lezama Lima mit dem Roman „Paradiso“ 1966. Durch soziologische Dokumentarberichte wurde M. Barnet bekannt. Die Zeit der Revolution und die Gesellschaft danach schildern Autoren wie J. Soler Puig und M. Pereira.

Mexiko

Im Barock traten S. Juana Inés de la Cruz und der Dramatiker Juan Ruiz de Alarcón y Mendoza (* 1581,  1639) hervor. Romantiker war F. Calderón (* 1809,  1845). Im Realismus herrschte der Roman vor: I. M. Altamirano und R. Delgado (* 1853,  1914). Von R. Darío beeinflusste, modernistische Lyriker waren S. Díaz Mirón, M. Gutiérrez Nájera, E. Gonzáles Martínez, F. A. de Icaza. Im 20. Jahrhundert stehen soziale Probleme und die Ereignisse und Folgen der nationalen Revolution im Vordergrund. Ideellen Werten gaben M. Azuela in seinen historisch-politischen Romanen, M. L. Guzmán, G. Lopez y Fuentes und J. Vasconcelos Ausdruck; im Sinn des magischen Realismus schrieb J. Rulfo, mit „Pedro Paramo“ 1955 wurde er Wegbereiter des inneren Monologs. Der aufgeklärte Marxist C. Fuentes vereint revolutionäres Weltbürgertum mit mexikanischer Nationalität. In den 1960er Jahren entstand die Bewegung der „Onda“ (19641972), deren Autoren Themen wie Jugendkultur, Medien, Drogen und Rockmusik in ihren Romanen verarbeiteten, so z. B. J. Agustín, G. Sainz, P. García Saldaña. Die dramatischen Ereignisse der Niederschlagung der Studentendemonstration 1968 auf dem Platz von Tlatelolco verarbeitete E. Poniatowska. Als bedeutendster Essayist Lateinamerikas gilt O. Paz („Das Labyrinth der Einsamkeit“); die Rolle der Frau in der modernen Welt behandelt I. Arredondo. Weitere wichtige Autoren: F. del Paso, V. Leñero, M. Glantz; C. Boullosa, A. Mastretta und A. Reyes.

Peru

Eine der ersten heimatverbundenen Dichtungen ist das 1816 gedruckte Drama „Ollantria“ eines unbekannten Verfassers. Eine geringere Rolle spielte die Romantik. P. Paz Soldán y Unánue trat als Satiriker, Naturlyriker und Autor von Gesellschaftsdramen hervor. Von Inkachroniken inspiriert war R. Palma. Als Epiker und lyrischer Hymniker erlangte J. Chocano Bedeutung, der auch maßgebend für den Criollismo wurde. Für die Rechte der Indianer traten C. Matto de Turner (* 1854,  1909) und E. Castillo (* 1876,  1936) ein. Großen Anklang fanden die folkloristischen Novellen des lange in Paris lebenden V. García Calderón. Modernistischer Lyriker und Romancier war C. Vallejo, der am Übergang vom Symbolismus zur neuen Lyrik steht. Den Indio als Erbe einer hohen Kultur und als Opfer der Ausbeutung schilderte C. Alegría Bazán (* 1909,  1967), bedeutsam für den neueren Roman. Dem indigenen Geist des Quéchua verbunden war J. María Arguedas (* 1911,  1969), der sich um eine neue Formgebung der Sprache bemühte; in der Tradition Perus stehend, schildert der sozialrevolutionäre M. Vargas Llosa die sozialen Gegebenheiten des Landes. Vertreter des sog. sozialen Realismus ist J. Ramón Ribeyro. Erfolgreicher zeitgenössischer Autor ist der Romancier A. Bryce Echenique.

Uruguay

Naturalistischer Erzähler war C. Reyles, Dramen mit lokaler Thematik schuf F. Sánchez. In der Prosa wurde J. E. Rodó zum Wegbereiter des ästhetischen Modernismus; die Erzählungen von H. Quiroga sind meist von düsteren Themen wie Wahnsinn, Tod, Katastrophen beherrscht; bedeutende Lyriker: J. Herrera y Reissig, E. Amorim, J. C. Onetti und J. de Ibarbourou.

Venezuela

Klassizistischer Schilderer der Landschaft und Übersetzer war A. Bello; Land und Volksleben standen auch in der Romantik im Mittelpunkt (J. A. Maitin, * 1804,  1874). Seit M. R. Garcías (* 1865,  1917) Roman „Peonia“ 1890 wurden die sozialen Verhältnisse zu einem Hauptanliegen. Dem Modernismo zuzurechnen sind der Erzähler und Reiseschilderer M. Díaz Rodríguez und der Kritiker R. Blanco-Fombona. Zur Weltliteratur zählt das Werk des Erzählers und Politikers R. Gallegos. Gegen die Diktatur tritt M. Otero Silva auf; A. Uslar Pietri schilderte die Suche nach dem Eldorado. Experimentelle Prosa schreibt J. Balza. Die Industrialisierung des Landes dokumentiert R. Díaz Sánchez in seinem Erdölroman „Mene“.

Nicaragua, Bolivien, Paraguay

Auch in den übrigen lateinamerikanischen Staaten verlief die Entwicklung ähnlich; eine der hervorragendsten Persönlichkeiten war der Nicaraguaner R. Darío, der als der bedeutendste iberoamerikanische Lyriker gilt. Großes Ansehen erwarb sich E. Cardenal mit seiner christlich-sozialkritischen Lyrik. Der Bolivianer A. Céspedes schildert die Trostlosigkeit indianischen Lebens. Eng verbunden mit der Guaraní-Kultur ist A. Roa Bastos aus Paraguay, der mit dem Roman „Menschensohn“ 1955 am Übergang zur jüngsten hispanoamerikanischen Literatur steht; mit „Ich, der Allmächtige“ schuf er einen bedeutenden Diktatorenroman. Ins Exil musste der Lyriker E. Romero ausweichen, ebenso wie J. Bosch aus der Dominikanischen Republik. Neuere Autoren der Dominikanischen Republik sind P. Vergés, J. Alcántara Almanzár und M. Veloz Maggiolo.

Die portugiesischsprachige Literatur

Brasilien

Die Beziehungen zu Portugal und eine starke Eigenständigkeit prägten früh das Wesen der brasilianischen Literatur. Zentren waren im 18. Jahrhundert Bahia und Rio de Janeiro: José de Santa Rita Durão (* 1722,  1784), J. Basilio da Gama (* 1740,  1795). Die Schule von Mineira (Minas Gerais) wurde richtungweisend für die Romantik. In der Zeit des politischen Übergangs schrieben, an europäischen Vorbildern orientiert, M. de Aranjo Porto Alegre und L. J. Junqueira Freire. Hauptvertreter der Romantik war der Lyriker A. Gonçalves Dias, patriotische Prosa schuf J. M. de Alencar, den Kampf gegen die Sklaverei machte A. de Castro Alves zu seinem Thema. Um 1875 wurden der Einfluss der französischen Parnassiens und der Realismus wirksam. Bedeutendste Erzähler der Jahrhundertwende mit Wirkung bis zur Gegenwart waren J. M. Machado de Assis, H. M. da Fonseca Coelho Neto und E. R. P. da Cunha. Meister der portugiesischen Sprache und Epiker des brasilianischen Hinterlands war J. Guimarães Rosa, der in seinem Werk die brasilianische Lebenshaltung verkörpert. Das Leben der Menschen im Nordosten des Landes schildert G. Ramos; sozialen Regionalismus zeigt auch R. de Queiroz. Lyriker des Modernismo wurde M. R. de M. Andrade. Der Bahiatradition verbunden, schildert Adonias Filho das negroide und mulattische Milieu. Als Lyriker und Literarhistoriker trat M. C. de Sousa Bandeira hervor. Übersetzer und Autor eines epischen Romanzyklus („Die Zeit und der Wind“) ist E. Verissimo, Erbe des Schelmenromans J. Amado mit seinen sozialkritischen Romanen.
 

 

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