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LEXIKON

Evangelikalismus

evangelikale Bewegung
Bezeichnung für eine unheinheitliche Strömung innerhalb des konservativen Protestantismus, welche sich durch die Lehre der Autorität der Bibel in allen Glaubens- und Lebensfragen, eine bewusste, willentliche Entscheidung zum christlichen Glauben (Bekehrung) und eine persönliche Glaubensbeziehung zu Jesus Christus auszeichnet. Evangelikale Theologie wird vor allem in Freikirchen (Freie evangelische Gemeinden, Freie Missionsgemeinden, Evangelische Täuferbewegung) aber auch in reformierten Landeskirchen vertreten. Aufgrund der Überkonfessionalität bleiben Zahlenangaben über evangelikale Christen umstritten. Die World Evangelical Alliance (WEA), internationaler Zusammenschluss vieler evangelikaler Gruppierungen, nennt 420 Mio., werden Mitglieder der Pfingstkirchen und charismatischer Gemeinden hinzugenommen, beläuft sich die Zahl evangelikaler Christen weltweit auf ca. 600 Mio. Die größten evangelikalen Gemeinden finden sich in den USA, Brasilien und China. Die Deutsche Evangelische Allianz vertritt nach eigenen Angaben ca. 1,3 Mio. Evangelikale.

Glaubensinhalte

Die unterschiedlichen Strömungen des Evangelikalismus besitzen folgende gemeinsame Merkmale: Die Bibel stellt als von Gottes Geist inspiriert den verbindlichen Maßstab des Glaubens und der Lebensführung dar. Die Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit der Bibel wird u. a. von fundamentalistischen Evangelikalen vertreten. Der Glaubende erfährt sich individuell mit Gott bzw. mit Jesus Christus in einer persönlichen Glaubensbeziehung verbunden; dies geschieht über das individuelle Gebet und die Bibellese („Stille Zeit“). Evangelikale Christen suchen die auf der Grundlage der Bibel erkannten und als göttliche Willensäußerungen verstandenen ethischen Maßstäbe im praktischen Leben umzusetzen („Heiligung“); die Gemeinde gilt als Raum gelebter Heiligkeit. Gegenüber abweichenden Mitgliedern kann Gemeindezucht geübt werden (Ermahnung oder Ausschluss), um sie zur Umkehr zu bewegen bzw. den Status der Gemeinde als „rein“ und „heilig“ zu erhalten. Mission und Evangelisation gelten als wichtigste Aufgaben des Christentums. Der Evangelikalismus lehnt andere Religionen als Irrwege ab („Absolutheitsanspruch“); Homosexualität und Schwangerschaftsabbruch werden kritisch gesehen. Die Theorie der biologischen Evolution wird von einigen evangelikalen Gruppen zugunsten des Kreationismus abgelehnt.

Entwicklung

Der sich über verschiedene Phasen entwickelnde Evangelikalismus geht u. a. auf den deutschen Pietismus, den englischen Methodismus und die Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts zurück. Als Gegenbewegung zur europäischen liberalen Theologie und der historisch-kritischen Bibelauslegung (Exegese) entstand ein interkonfessionelles Netzwerk konservativer protestantischer Bewegungen, welche sich 1919 in der Worlds Christian Fundamentals Association zusammenfanden. 1957 kam es im englischsprachigen Raum zur Trennung in Evangelikale und Fundamentalisten aufgrund einer durch den Erweckungsprediger Billy Graham ausgelösten Diskussion um Zusammenarbeit mit bzw. Abgrenzung zu nichtevangelikalen Gemeinden. Neben den drei großen evangelikalen Hauptrichtungen der Bekenntnis-Evangelikalen (Konferenz bekennender Gemeinschaften oder Kein anderes Evangelium), den charismatischen Evangelikalen (Pfingstbewegung) und den Evangelikalen in pietistischer Tradition entstanden im deutschsprachigen Raum seit den 1990er Jahren unabhängige evangelikale Gemeinden wie die russlanddeutschen mennonitischen Aussiedlergemeinden und die Konferenz für Gemeindegründung (KfG). Die evangelikale Strömung hat in den letzten Jahren zumindest in den USA als Christian Coalition of America (CCA) politischen Einfluss erlangt; Lateinamerika und Afrika verzeichnen einen deutlichen Zuwachs an evangelikalen Gemeinden. Seit 1974 existiert in Deutschland mit der Freien Theologischen Hochschule in Gießen (vormals Freie Theologische Akademie) eine akademische Ausbildungsstätte für evangelikale Theologie.
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