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LEXIKON

Eisenstein

Ejsenštejn
Sergej Michailowitsch, russischer Filmregisseur, * 23. 1. 1898 Riga,  11. 2. 1948 Moskau; arbeitete in den 1920er Jahren zunächst als Bühnendekorateur und Regisseur am Proletkult-Theater; drehte seit 1924 Filme, die beispielhaft für die sowjetische Revolutionskunst wurden und durch neue Techniken der Montage dazu beitrugen, den Film zu einer selbständigen Kunstgattung zu entwickeln. Zeitweise geriet Eisenstein in Konflikt mit der offiziellen sowjetischen Kulturpolitik. Filme: „Streik“ 1925; „Panzerkreuzer Potemkin“ 1925; „Oktober“ 1928; „Das Alte und das Neue“ 1929; „Die Beschin-Wiese“ 1937 (nicht beendet); „Alexander Newsky“ 1938; „Iwan der Schreckliche I und II“ (Der erste Teil wurde 1944 aufgeführt, der zweite Teil blieb bis 1958 verboten).
Eisenstein, Sergej Michailowitsch
Sergej Michailowitsch Eisenstein
  • Deutscher Titel: Streik
  • Original-Titel: STATSCHKA
  • Land: UdSSR
  • Jahr: 1925
  • Regie: Sergej M. Eisenstein
  • Drehbuch: Sergej M. Eisenstein, in Kooperation mit einem Kollektiv des Proletkult-Theaters
  • Kamera: Eduard Tissé,
    Wassili
    Chwatow
  • Schauspieler: Maxim Schtrauch, Grigori Alexandrow, Michail Gomorow
In seinem ersten Spielfilm verzichtet Sergej M. Eisenstein auf eine durchgängige Fabel und auf die Ausarbeitung individueller Charaktere. Er zeigt den Arbeitskampf in einer großen Fabrik während der Zarenherrschaft, wobei alle Gestalten auf ihre Rolle und ihre Stellung im Klassenkampf reduziert sind. Die Kapitalisten setzen verschiedene Mittel Provokation, Spionage, Terror und Spaltung ein, um den Streikwillen der Arbeiterschaft zu brechen, und richten ein Blutbad an.
Bereits in diesem Film setzt der Regisseur auf die »Montage der Attraktion« als Mittel, Bewusstseinsprozesse beim Zuschauer in Gang zu setzen: Unvermittelt werden Szenen gegeneinander gesetzt, die nicht im direkten Zusammenhang stehen, einander aber erhellen. In der Schlussszene montiert Eisenstein die blutigen Aktionen gegen die Arbeiter und Sequenzen von einem Schlachthof zusammen.
  • Deutscher Titel: Panzerkreuzer Potemkin
  • Original-Titel: BRONENOSEZ POTJOMKIN
  • Land: UdSSR
  • Jahr: 1925
  • Regie: Sergej M. Eisenstein
  • Drehbuch: Nina Agadshanowa, Sergej M. Eisenstein
  • Kamera: Eduard Tissé
  • Schauspieler: Alexander Antonow, Wladimir Barski, Grigori Alexandrow, A. V. Repnikowa
Sergej M. Eisensteins Film »Panzerkreuzer Potemkin« wird bei der Uraufführung im Moskauer Bolschoi-Theater frenetisch gefeiert; das einfach und wirkungsvoll komponierte Werk gilt vielen Kritikern als der beste Film überhaupt.
Eisenstein hatte nach der positiven Aufnahme von »Streik« ebenso wie fünf weitere Regisseure von der staatlichen Filmgesellschaft Goskino den Auftrag erhalten, zum 20. Jahrestag des revolutionären Aufstands von 1905 einen Film über die damaligen Ereignisse zu drehen.
Im Drehbuch von »Panzerkreuzer Potemkin« war ursprünglich vorgesehen, einen Überblick über das revolutionäre Geschehen an verschiedenen Orten des Zarenreichs zu geben, und so begann Eisenstein auch zunächst in Leningrad (St. Petersburg) mit den Dreharbeiten. Später, bei Arbeiten in Odessa, entschloss sich der Regisseur, allein die revolutionäre Erhebung auf dem »Panzerkreuzer Potemkin« zum Gegenstand des Films zu machen. Zu seiner Entscheidung trugen vor allem die Örtlichkeiten in Odessa insbesondere die breite, am Hafen gelegene Treppe bei.
Die Handlung beginnt mit der Meuterei einiger Matrosen des »Panzerkreuzers Potemkin« wegen der schlechten Verpflegung. Der Kapitän erteilt den Befehl, die Aufständischen, die unter einer Persenning zusammengetrieben werden, zu erschießen. Die Besatzung weigert sich jedoch, die Exekution auszuführen, schließt sich den Meuterern an und wirft die Offiziere über Bord. Die Leiche eines Matrosen, der bei den Kämpfen getötet worden ist, wird an der Mole von Odessa aufgebahrt. Die Einwohner der Stadt versammeln sich am Hafen, um ihn zu betrauern. Sie bringen den meuternden Matrosen mit Booten Lebensmittel an Bord und versammeln sich danach aus Solidarität auf der Hafentreppe. Auf dem Panzerkreuzer wird die rote Fahne gehisst. Bald tauchen jedoch zaristische Soldaten auf und richten unter den Menschen auf der Treppe ein Blutbad an, woraufhin der Panzerkreuzer mit Kanonen auf die Soldaten schießt. Am nächsten Morgen fährt die Schiffsbesatzung dem Geschwader in Erwartung ihrer Bestrafung entgegen. Doch die Besatzung läßt den Panzerkreuzer ihren Befehl bewusst missachtend ungehindert passieren.
Die Handlung des Films folgt im Wesentlichen den tatsächlichen historischen Ereignissen, verzichtet allerdings auf den tragischen realen Ausgang: Die aufständischen Matrosen wurden verhaftet und anschließend an die zaristischen Behörden ausgeliefert.
Im »Panzerkreuzer Potemkin« gibt es keine individuell ausgearbeiteten Charaktere, Held des Films ist die Masse, aus der nur einzelne »Typen« herausgehoben werden. Der genau durchkomponierte Film folgt dem Schema einer antiken fünfaktigen Tragödie: Den Elementen Exposition Entwicklung der Handlung Höhepunkt Katastrophe Lösung werden die Zwischentitel »Menschen und Maden«, »Tragödie auf dem Schiff«, »Ein Toter ruft auf«, »Die Treppe von Odessa« und »Begegnung mit dem Geschwader« zugeordnet. Dabei hat jeder Akt in der Mitte eine Zäsur, nach der die vorherrschende Stimmung in ihr jeweiliges Gegenteil umschlägt: Gleichgültigkeit in revolutionären Elan, solidarisches Mitgefühl in hemmungslose Aggression. Dem Prinzip der Kollision von Gegensätzen folgt der Film auch im Detail, etwa in der Gegenüberstellung von Abwärtsbewegung (metzelnde Soldaten kommen die Treppe herunter) und Aufwärtsbewegung (eine Mutter trägt ihnen ihr totes Kind entgegen) oder im harten Wechsel von Großaufnahmen und Totalen. In dieser kontrastierenden Montagetechnik unterscheidet sich Eisenstein von seinem Kollegen Wsewolod Pudowkin, dessen Filme ihre Suggestionskraft durch fließende Schnitte erhalten.
Eisensteins Werk wird nicht nur in der Sowjetunion, sondern auch im westlichen Ausland ein überwältigender Erfolg. Allerdings wird der eindrucksvolle Revolutionsfilm in mehreren europäischen Ländern von der Zensur gekürzt, verstümmelt und, u.a. auch in Deutschland, zeitweise ganz verboten.
  • Deutscher Titel: Das Alte und das Neue
  • Original-Titel: STAROJE I NOWOJE
  • Land: UdSSR
  • Jahr: 1929
  • Regie: Sergej M. Eisenstein
  • Drehbuch: Sergej M. Eisenstein, Grigori Alexandrow
  • Kamera: Eduard Tissé, Wladimir Popow
  • Schauspieler: Marfa Lapkina, Wasja Busenkow, Konstja
    Wassili
    ew
Sergej M. Eisenstein bringt in seinem 19261929 produzierten Film den Prozess der Kollektivierung der sowjetischen Landwirtschaft auf die Leinwand. Erstmals gruppiert er die Handlung um eine individuelle Hauptperson, die Bäuerin Marfa Lapkina, dargestellt von einer tatsächlichen Bäuerin gleichen Namens. Geschildert wird, wie diese einfache Frau, die nur ein winziges Stück Land besitzt, zusammen mit Gleichgesinnten eine Produktionsgemeinschaft gründet. Nach anfänglichen Schwierigkeiten blüht das Unternehmen auf, und immer mehr Bauern schließen sich an, bis man schließlich sogar einen Traktor kaufen kann.
In der Sowjetunion stößt der Film trotz seiner unkritischen Haltung gegenüber der Kollektivierung auf Ablehnung. Kritiker werfen Eisenstein vor, dass sein Film zu intellektualistisch sei und kein wirklichkeitsgetreues Bild des Sowjetalltags auf dem Lande zeichne. Ferner verherrliche er die technischen Errungenschaften, vernachlässige dabei aber den Menschen und den gesellschaftlichen Fortschritt.
  • Deutscher Titel: Alexander Newsky
  • Original-Titel: ALEKSANDER NEWSKIJ
  • Land: UdSSR
  • Jahr: 1938
  • Regie: Sergej M. Eisenstein, Dmitri
    Wassil
    jew
  • Drehbuch: Sergej M. Eisenstein, Pjotr Pawlenko
  • Kamera: Eduard Tissé
  • Schauspieler: Nikolai Tscherkassow, Nikolai Ochlopkow
Russland
im 13. Jahrhundert: Unter Führung von Fürst Alexander Newsky (Nikolai Tscherkassow) erhebt sich die Bevölkerung gegen die deutschen Ordensritter. Der Fürst sammelt ein Heer, dem es 1242 gelingt, die deutschen Ritter auf dem zugefrorenen Peipussee zu besiegen. Die Natur besiegelt das Schicksal der Invasoren: Als das Eis bricht, versinken die fliehenden Ritter im eiskalten Wasser.
Regisseur Sergej M. Eisenstein gestaltet das historische Epos um einen russischen Nationalhelden als beeindruckendes Geschichtspanorama. Im Mittelpunkt steht die 35 Minuten dauernde Schlacht auf dem zugefrorenen See. Der Film über den siegreichen Kampf eines Volksheeres gegen den germanischen Aggressor wird im Herbst 1939 kurz nach dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt aus dem Verleih genommen und erst ab Sommer 1941 wieder gezeigt. Erstmals gewinnt bei Eisenstein die Musik, die von Sergej Prokowjew komponiert wird, eine dramaturgische Bedeutung.
  • Deutscher Titel: Iwan der Schreckliche
  • Original-Titel: IWAN GROSNY
  • Land: UdSSR
  • Jahr: 1945
  • Regie: Sergej M. Eisenstein
  • Drehbuch: Sergej M. Eisenstein , B. Sweschnikow, L. Indenbom
  • Kamera: Andrej Moskwin, Eduard Tissé
  • Schauspieler: Nikolai Tscherkassow, Serafima Birman, Pawel Kadotschnikow
Im Januar 1945 stellt Sergej M. Eisenstein in Moskau Teil 1 seiner geplanten Trilogie »Iwan der Schreckliche« vor und erhält den Stalin-Preis. Die Trilogie bleibt aus politischen Gründen unvollendet. Eisenstein stirbt 1948, ohne sein Vorhaben verwirklicht zu haben.
Die Film-Biografie erzählt das Leben des russischen Zaren Iwan IV. (15301584) von dessen Krönung 1547 bis zum Livländischen Krieg 15581582. Er begründet das große russische Reich und leitet den Zentralisierungsprozess gegen den Widerstand von Adel und Kirche ein. Der erste Teil endet mit der Vergiftung von Iwans Frau Anastasia. Der zweite Teil behandelt Iwans Kampf gegen innere und äußere Feinde und zeichnet das Bild des »schrecklichen Zaren«.
Eisensteins Werk prägen expressionistische Bilder und eine üppige Ausstattung. Im zweiten Teil setzt er erstmals Farbe ein. Die Farbgebung ist so stark verfremdet, dass eine unwirklich bedrohliche Atmosphäre entsteht.
Am 4. September 1946 verbietet das Zentralkomitee der KPdSU den zweiten Teil des Films, weil er Iwan als brutalen Despoten charakterisiert. Stalin befürchtet, dass die Zuschauer Parallelen zwischen dem Terror des Zaren und den stalinistischen Blutbädern ziehen. Erst 1958 wird der Film aufgeführt.
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