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Leif Eriksson: Ein Wikinger als wahrer Entdecker Amerikas

Obwohl Christoph Kolumbus der erste Name ist, der einem in Bezug auf die Entdeckung Amerikas in den Sinn kommt, war er historisch gesehen gar nicht der erste: Legenden besagen, dass schon 500 Jahre vor Kolumbus der Skandinavier Leif Eriksson als erster Europäer Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt haben könnte. Doch was genau steckt hinter diesen Geschichten? Trotz seines diesjährigen 1000. Todesjahres streiten Forscher noch immer über die Hintergründe von Erikssons Entdeckung.

Leiv Eriksson oppdager Amerika (1893)
So stellte sich 1893 der norwegische Maler Christian Krohg die Entdeckung Amerikas vor.

Einer skandinavischen Sage nach segelte der Wikinger Bjarni Herjulfsson im Jahr 986 von Island aus los, um nach Grönland zu gelangen. Dabei verloren er und seine Begleiter jedoch durch Nebel und Sturm die Orientierung und gelangten an eine ihnen unbekannte, baumbestandene Küste. Der "Grönland-Saga" zufolge war dies die Küste Nordamerikas. Der Wikinger könnte demnach der erste Europäer gewesen sein, der sie erblickte. Statt anzulegen, segelte Herjulfsson aber weiter und lieferte nach seiner Rückkehr nach Grönland erste Informationen über die ungefähre Route in dieses unerforschte Land.

Aufbruch ins Unbekannte

Auf Grönland erreichte die Kunde der neuen Küste auch Leif Eriksson, einen Sohn des Wikingerkönigs Eriks des Roten. Berühmt als meisterhafter Seefahrer, der in Island geboren und schließlich nach Grönland gesiedelt war, soll Eriksson in Skandinavien für erste Handelsbeziehungen zwischen Grönland, Norwegen und Schottland verantwortlich gewesen sein. Von Herjulfssons Erzählungen beeindruckt, machte sich Eriksson im Jahre 1000 auf die Suche nach dem noch unbekannten Kontinent.

Der Saga nach kaufte Eriksson Herjulfssons Schiff und stach mit einer 35 Mann starken Besatzung in See, um die unbetretene Küste zu erreichen und - wurde auch fündig. Zunächst entdeckte er vegetationsloses Land, dessen Hochland von Gletschern bedeckt war. Da ihm dieses Land wie eine einzige flache Felsscheibe vorkam, nannte er es Helluland. Historiker sind heute der Meinung, dass es sich bei Helluland um Baffin Island im Nordosten von Kanada gehandelt haben könnte.

Forscher vermuten zudem, dass Eriksson in "Helluland" an Land ging – er machte damit den ersten Schritt eines Europäers auf nordamerikanischem Boden. Anschließend setzten die skandinavischen Entdecker ihre Reise Richtung Süden fort. Sie stießen erneut auf Land, diesmal auf flaches, bewaldetes Land mit weißen Sandstränden. Leif Eriksson nannte es Markland, was nach heutiger Sicht vermutlich im heutigen Labrador in Nordkanada lag.

Karte mit den Entdeckungsfahrten der Wikinger
Die Isländersagas „Eiríks saga rauða“ und „Grænlendinga saga“ sind die wichtigsten Quellen über die Entdeckung Grönlands und Neufundlands durch skandinavische Seefahrer. Die Schilderungen weichen teilweise erheblich voneinander ab.

Ankunft im Vinland

Wenig später erreichten Eriksson und seine Männer ein Gebiet, das sie "Vinland" nannten. Wo genau dieser Landstrich lag, ist bis heute umstritten. Einigen Theorien  zufolge handelte es sich um die Küste Neufundlands, andere sehen Vinland weiter südlich, im kanadischen New Brunswick und Nova Scotia, vielleicht erreichte Eriksson sogar die Küste Neuenglands auf Höhe des heutigen US-Staats Massachusetts.

Neben der Unklarheit über die Lage Vinlands ist auch der Ursprung des Namens nicht geklärt: "Vin" kann im Skandinavischen für Wein stehen oder auch für Weide. Einige Forscher vermuten, dass der Begriff auf wildwachsende Beeren zurückgeht, weil auch Johannisbeeren als Vinbeeren bezeichnet wurden.

Leif Eriksson kehrte nach seiner Entdeckung nach Grönland zurück, konnte aufgrund des Todes seines Vaters aber nicht in das neuentdeckte Gebiet übersiedeln. Sein Bruder Thorwald übernahm der Legende nach diese Aufgabe. Doch schon nach kurzer Zeit kam es zu heftigen Auseinandersetzungen mit den Einheimischen, die sich nicht so leicht ihr Land wegnehmen lassen wollten. So blieben die Wikinger – als die wahren Entdecker Amerikas - nur wenige Jahre in Nordamerika.

Rekonstruktion der Wikingersiedlung in L’Anse aux Meadows auf Neufundland
Rekonstruktion der ehemalige isländisch-grönländische Siedlung in L’Anse aux Meadows auf Neufundland. Die 1960 entdeckten Überreste sind der bislang wichtigste Beleg für die Anwesenheit der Wikinger in Nordamerika.

Aber wie viel Wahrheit steckt nun dahinter?

Wie sich die Einzelheiten dieser Wikingersaga mit der heutigen Geographie vereinbaren lassen, ist umstritten. Ausgrabungen der Siedlung L’Anse aux Meadows im Norden Neufundlands legen nahe, dass die von Eriksson entdeckte Region Vinland dort gelegen haben könnte. Ruinen von typisch skandinavischen  Häusern und Werkzeuge beweisen den Aufenthalt der Wikinger. Andere Wissenschaftler sind jedoch der Ansicht, dass es sich bei der Siedlung lediglich um eine Rastplatz gehandelt habe, den die Wikinger als Durchgang nutzten. Vinland hingegen solle weiter südlich gelegen haben.

Welche Rolle spielte Kolumbus dann noch?

Aber welche Rolle spielt nun Kolumbus? Möglicherweise hat der italienische Seefahrer ebenfalls von den Fahrten nach Vinland gewusst, da die Entdeckungen der Wikinger zunächst im Königshaus Norwegens und schließlich in ganz Europa Anklang fanden. Quellen geben an, dass sich Kolumbus vor seiner berühmten Reise 1492 sogar nach Island begeben hat, um die dortigen Schriften zu studieren. Während die Skandinavier Amerika zwar als erstes entdeckten, schaffte der berühmte Seefahrer mit seiner 500 Jahre später folgenden Entdeckungsreise in die Karibik jedoch den Durchbruch. Eriksson starb bereits im Jahre 1020 - lange vor Kolumbus Geburt - doch mit Kolumbus geriet der Wikinger lange in Vergessenheit.

Wenn die Darstellung aus den Wikingersagen stimmt, ist Bjarni Herjulfsson möglicherweise der erste gewesen, der das neue Land gesichtet hat. Sein Hinweis auf Wälder an dieser unbekannten Küste lockte die Wikinger, für die Holz ein besonders wertvoller Rohstoff war. Ähnlich folgten einige Jahrhunderte später auch die Spanier dem Lockruf von Schätzen – in ihrem Fall aber war dies das Gold der Inkas, Mayas und Azteken.

ABO, 20.08.2020
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