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Lebensgefahr im toten Winkel

Jedes Jahr sterben Dutzende Fahrradfahrer und Fußgänger, weil sie schlicht übersehen werden: Sie befinden sich im toten Winkel von abbiegenden LKW und werden deshalb schlicht übersehen. Spezielle Spiegel und elektronische Warnsysteme können solche Unfälle verhindern, doch sie werden bisher nicht konsequent eingesetzt. Für Fahrradfahrer und Fußgänger ist daher besondere Vorsicht geboten.

Fahradfahrer vor LKW
Rechtsabbiegende Lkw sind die Hauptverursacher von Radunfällen mit Todesfolge.
Es trifft vor allem Kinder auf dem Schulweg: Wenn diese an einer Kreuzung über die grüne Ampel gehen oder mit dem Fahrrad fahren, werden sie von rechts abbiegenden Lastwagen erfasst. Der hoch über ihnen sitzende LKW-Fahrer hat sie schlicht nicht gesehen. Pro Jahr kommt es in Deutschland mehr als 500 Mal zu solchen Unfällen, mehrere Dutzend Radfahrer oder Fußgänger sterben daran.

Warum gibt es den toten Winkel?

Das Problem: Im Gegensatz zu PKWs gewähren die Fahrerkabinen der Lastwagen eine schlechtere Sicht. So gibt es keine Rückfenster, durch die der Fahrer den herannahenden Radfahrer schon von weitem sehen könnte. Gleichzeitig liegen die Seitenfenster so hoch, dass gerade Kinder unter dem Sichtfeld der Fahrer bleiben. Dadurch gibt es gerade hinten und an den Seiten des LKW große tote Winkel – Bereiche, die der Fahrer auch mit Spiegeln nicht vollständig überblicken kann.

Besonders gefahrenträchtig ist dabei der tote Winkel auf der rechten Seite eines LKW: Er liegt genau in dem Bereich, in dem sich Fußgänger und Radfahrer bewegen. Will der LKW-Fahrer an einer Kreuzung rechts abbiegen, kann er oft nicht richtig sehen, ob die Gefahr einer Kollision mit einem neben ihm gehenden Fußgänger oder einem Radfahrer besteht.

Infografik zum Thema Risiken für Radfahrer im Straßenverkehr
Problembewusstsein ist durchaus vorhanden.

Welche Maßnahmen würden helfen?

Um die Unfallgefahr zu verringern, sind schon seit mehreren Jahren für LKW zusätzliche Außenspiegel vorgeschrieben. Ihre gewölbte Oberfläche sorgt dafür, dass sie einen besonders großen Ausschnitt des seitlichen Straßenbereichs zeigen. Das Problem jedoch: Selbst mit diesen Spiegeln bleibt ein toter Winkel bestehen, er ist nur etwas kleiner. Zudem schauen nicht alle LKW-Fahrer in der Hektik des Verkehrs auf alle Spiegel, wie die Praxis zeigt.

Doch es gibt noch eine andere Möglichkeit: elektronische Assistenzsysteme. Diese Systeme überwachen den Seitenbereich des LKWs mittels Radar. Erfasst der Abbiegeassistent im toten Winkel auf der Beifahrerseite einen Radfahrer oder Fußgänger, geht am Armaturenbrett eine gelbe Warnleuchte an. Droht Kollisionsgefahr, blinkt eine rote Leuchte, zusätzlich ertönt ein akustisches Warnsignal. Manche serienmäßig eingebauten Abbiegeassistenten verfügen sogar über eine Notbremsfunktion, die den Lkw automatisch abbremst.

Elektronisches Warnsystem könnte viele Unfälle vermeiden

"Ein elektronischer Abbiegeassistent könnte über 40 Prozent der Unfälle zwischen Lkw und Radfahrern verhindern. Dies hat die Unfallforschung der Versicherer in einem mehrjährigen Forschungsprojekt ermittelt", sagt TÜV Rheinland-Mobilitätsexperte Thorsten Rechtien. Seit 2010 bieten verschiedene Hersteller bei einigen LKW-Modellen solche Totwinkelwarner für rund 2.000 Euro an.

Das Problem jedoch: "Für Abbiegeassistenten bei Nutzfahrzeugen gibt es derzeit noch keine gesetzliche Pflicht", erläutert Rechtien. "Deshalb begrüßen wir jede freiwillige Initiative, die dazu beiträgt, die Risiken zu verringern." Auch der ADAC hält solche Assistenzsysteme für sinnvoll und befürwortet eine verpflichtende Einführung. Solange dies aber nicht der Fall ist, bleibt für Radfahrer und Fußgänger ein hohes Risiko.

Einige Kommunen testen an besonders gefahrenträchtigen Kreuzungen inzwischen spezielle Warnsäulen. Sie leuchten auf, wenn ein Fußgänger oder Radfahrer rechts neben der Fahrbahn an der Ampel wartet oder sich der Kreuzung nähert. Das Lichtsignal wiederum soll die LKW-Fahrer auf die Gefahr aufmerksam machen. Doch auch für diese Systeme gilt: Sie sind bisher eher die Ausnahme.

Elektronischer Abbiegeassistent in LKW-Führerhaus
Abbiegeassistenten sind zwar sinnvoll, ihr Einsatz aber bislang freiwillig.

Wie kann ich mich schützen?

Den besten Schutz bietet daher ein vorbeugendes Verhalten. So haben geradeaus gehende Fußgänger und Radfahrer an einer Kreuzung zwar Vorrang vor Rechtsabbiegern. Aber wenn ein LKW neben einem steht, sollte man auf dieses Vorfahrtsrecht lieber verzichten, rät der ADAC. Wichtig auch: Steht man an einer Ampel direkt neben einem Lastwagen, ist nicht immer zu erkennen, ob dieser blinkt. Im Zweifel empfiehlt es sich daher, den LKW erst fahren zu lassen, bevor man selbst seinen Weg fortsetzt.

An einer roten Ampel sollten Radfahrer besser hinter einem LKW warten als direkt neben ihm – so ist die Chance höher, dass sie vom Fahrer gesehen werden. Bei LKW mit Anhängern ist dies besonders wichtig. Denn sie können beim Abbiegen ausscheren und rechts neben ihnen stehende Verkehrsteilnehmer dabei mitreißen.

Einen Anhaltspunkt, ob man vom LK-Fahrer bemerkt wird, liefert ein Blick in den Außenspiegel des LKWs: Kann ich darin den Fahrer sehen, hat auch er eine Chance, mich zu sehen. Sehe ich ihn dagegen nicht, stehe ich im toten Winkel.

NPO, TÜV Rheinland / ADAC, 16.01.2019
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