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Kinder kennen immer weniger Tierarten

Das Eichhörnchen, der Hase, der Hund – jedes Kind kennt sie. Doch während diese Tierarten schon den Jüngsten geläufig sind, kennen sie andere Spezies immer seltener. Ob Grasfrosch, Kohlmeise oder Bussard – sie sind heutigen Kindern leider größtenteils unbekannt. Aber wie stark hat die Artenkenntnis in den letzten Jahren abgenommen und warum? Und wie kann sie künftig wieder verbessert werden?

Mädchen beim Füttern eines Elefanten
Säugetiere wurden am besten erkannt, auch wenn kaum Chancen bestanden, die Tiere in echt zu sehen.

Bereits in der Grundschule und auch in der weiterführenden Schule lernen Kinder die Natur und ihre Artenvielfalt kennen. Wie viel sie darüber heute wissen, hat ein Forscherteam um Thomas Gerl von der Ludwig-Maximilians-Universität München untersucht. Dazu führten die Wissenschaftler eine Studie zur Artenkenntnis bayerischer Gymnasiasten von unterschiedlichen Schulen durch. Für den sogenannten BISA-Test sollten rund 1.000 Sechstklässler 25 Tierarten anhand von Fotos benennen.

Artenkenntnis nimmt ab

Das Ergebnis: Durchschnittlich erkannten die Teilnehmer 14 der 25 Tierarten. Damit ist die Artenkenntnis der Kinder deutlich geringer als noch vor zehn Jahren. Denn im Vergleich zu einer damaligen Studie konnten sie heute rund 15 Prozent weniger Fragen richtig beantworten. Säugetiere erkannten sie dabei am ehesten, Vögel und Reptilien waren hingegen eher unbekannt. So wurde beispielsweise das Eichhörnchen von nahezu 100 Prozent der Schüler erkannt, der Buchfink aber nur von neun Prozent. Im Vergleich zur früheren Studie nahm das Wissen über die Vögel um sieben Prozent, über Reptilien um rund zwölf und über Fische sogar um 30 Prozent ab.

Dabei fiel auf, dass Kinder, die viel in der Natur spielten, im Durchschnitt ein bis zwei Tierspezies mehr erkannten als Kinder, die am liebsten drinnen spielten. Ähnliches galt auch für die Studienteilnehmer, die Deutsch als Muttersprache hatten. Sie erzielten meist mehr Punkte als diejenigen, die eine andere Sprache muttersprachlich nutzten. Am besten schnitten die Schüler ab, die jährlich mehr als zwei schulische Exkursionen in die Natur besuchten. Sie erkannten durchschnittlich rund 16 Tierarten.

Im Interview spricht Gerl über die Ergebnisse.

Was wissen bayerische Schülerinnen und Schüler über heimische Tiere?

Thomas Gerl: Die Artenkenntnis ist in den letzten zehn Jahren geringer geworden. Im Vergleich zu einer ähnlichen Untersuchung aus dem Jahr 2006 erzielten die Kinder im Test rund 15 Prozent weniger Punkte - das ist ein deutlicher Rückgang. Im Durchschnitt erkannten sie ungefähr 14 der 25 Arten, wobei viele Kinder nur sehr charismatische Arten wie den Biber oder den Feuersalamander kennen. Säugetiere beispielsweise werden sehr gut, Vögel aber eher schlecht erkannt.

Interessanterweise ist die Reihenfolge der bekannten Arten über die Jahre hinweg ziemlich ähnlich geblieben, nur das Wissensniveau ist bei den meisten Arten gesunken. Die bekanntesten Tiere waren sowohl in unserer aktuellen Studie als auch 2006 das Eichhörnchen und der Maulwurf. Die unbekanntesten Tierarten waren 2006 Buchfink, Bussard, Star und Zauneidechse, und diese Arten belegen auch heute noch die letzten Plätze, gemeinsam mit dem Rebhuhn, das damals nicht dabei war. Es gibt nicht viele Auf- oder Absteiger.

Eine Art, die sehr viel an Bekanntheit verliert, ist zum Beispiel der Karpfen, der acht Plätze nach unten gerutscht ist. Der Specht wiederum ist vier Plätze nach oben gewandert. Aber das sind eher Ausnahmen.

Mädchen beim Vogelfüttern
Nett, aber nicht bemerkenswert? Vögel wurden bei den Befragungen eher schlecht erkannt.

Wie erklären Sie den Rückgang?

Die genauen Ursachen lassen sich mit unserer Studie nicht eindeutig nachweisen. Aber natürlich hat sich seit 2006 einiges in der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler geändert. Zum Beispiel das Schulsystem. Wir haben Kinder aus dem ehemals neunjährigen Gymnasium mit dem auslaufenden G8 verglichen. Die befragten Schüler besuchten das G8, in dem Artenkenntnisse kein Bestandteil des Lehrplans waren. Das war in den Lehrplänen des G9, das die Vergleichsgruppe im Jahr 2006 besuchte, noch anders. Ob das allerdings die entscheidende Ursache für den Rückgang der Artenkenntnis ist, wissen wir nicht.

Wovon hängt es ab, ob eine bestimmte Art bekannt ist oder nicht?

Biber oder Dachse beispielsweise sind im Alltag kaum live zu sehen, trotzdem führen sie die Bekanntheitsliste mit an. Die Chance, so ein Tier in echt zu sehen, spielte für den Bekanntheitsgrad im Test keine große Rolle. Auch einen Maulwurf hat wahrscheinlich noch keines der Kinder in echt gesehen, sondern nur die Hügel. Trotzdem wird er recht gut erkannt. Unter den bekanntesten Tieren sind viele Säugetiere. Wir tippen darauf, dass viele davon auch in Kinderbüchern vorkommen und deshalb von klein auf mitgelernt werden.

Bei den Vogelarten dagegen sind ja einige dabei, die sehr häufig sind. Jeder hat wahrscheinlich in seinem Leben schon einmal Buchfinken gesehen, aber die werden wohl nicht so richtig wahrgenommen. Das sind für die Kinder einfach „kleine Vögel“, die sie gar nicht unterscheiden.

Symbolbild Schulexkursion
Mit dem Besuch heimischer Ökosysteme hofft man in Bayern den weiteren Wissensschwund zu verhindern.

Wie kann die Artenkenntnis verbessert werden?

Das ist mir und meinen Kollegen wirklich ein großes Anliegen. Am Lehrstuhl für Didaktik der Biologie habe ich deswegen das BISA-Projekt ins Leben gerufen. BISA steht für Biodiversität im Schulalltag. Wir haben zahlreiche Unterrichtsmaterialien erstellt, die online verfügbar sind und Naturbeobachtungen mit digitalen Medien verbinden. Unsere Hauptzielgruppe sind Kinder, und es ist uns wichtig, dass das Lernen spielerisch abläuft.

Uns kommt es weniger darauf an, dass die Kinder die Staubblätter der Blüten zählen, sondern sie sollen eine kleine Geschichte damit verbinden – etwa, dass der Löwenzahn auf Französisch Pissenlit heißt, also „Bettnässerpflanze“, weil man oft auf die Toilette muss, wenn man viel davon isst.

Aber auch strukturell hat sich in Bayern viel Positives getan. Im bayerischen LehrplanPLUS für das neue G9 wurde Artenkenntnis massiv gestärkt. So ist es zum Beispiel Pflicht in jedem Schuljahr im Fach Biologie ein heimisches Ökosystem zu besuchen und dessen Lebensgemeinschaft zu erkunden. Damit ist Bayern in Deutschland sicher ein Vorreiter in diesem Bereich.

Warum ist es für Schüler wichtig, Arten zu kennen und beispielsweise einen Frosch von einer Kröte unterscheiden zu können?

Wir erleben gerade eine große Biodiversitätskrise. Jede Stunde verschwinden Arten für immer. Ohne Artenkenntnis werden wir gar nicht mehr bemerken, was verloren geht. Deswegen müssen wir dringend bei den jetzigen Kindern einen Anker setzen. Es gibt den alten Spruch von Konrad Lorenz: „Nur was man kennt, kann man auch schützen.“ Dafür braucht es auch in Zukunft möglichst viele Menschen mit einem Bewusstsein für Vielfalt an Arten. Und nicht zuletzt: Natur beobachten und Lebewesen entdecken, macht glücklich.

Quelle: Ludwig-Maximilians-Universität München

ABO, 31.03.2021
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