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Ist Glauben noch zeitgemäß?

Die moderne Gesellschaft hat vieles erreicht und kann noch mehr erklären. Wozu also noch an Gott glauben?

Auf der Reeperbahn nachmittags um halb fünf: Eine bunte Besucherschar hat sich auf Hamburgs berühmter sündiger Meile eingefunden, viele Ältere sind darunter, viele haben sich blaue Schals um Hals oder Kopf gebunden. Ein großer Teil ist aus anderen Städten angereist, um heute hier zu sein: zum Eröffnungsgottesdienst des 34. Deutschen Evangelischen Kirchentags. Und das, obwohl vom Glauben heute im Leben kaum noch die Rede ist.

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Picknickstimmung auf dem Kirchentag

Die Besucher des Eröffnungsgottesdienstes auf der Reeperbahn machen es sich gemütlich.

Der Spielbudenplatz im Herzen der Reeperbahn ist so überfüllt wie sonst nur zum Public Viewing beim WM-Finale. Freiwillige Pfadfinder-Helfer in leuchtend gründen Hemden und grimmige Security Guards in Schwarz versuchen, die Menschenmassen an den Sexshops, Cafés und Pommesbuden vorbei auf den überfüllten Platz zu lotsen.

Selbst ganz hinten, wo kein Blick auf die Bühne mehr möglich und die Übertragung durch das Echo der zahlreichen Lautsprecher kaum zu verstehen ist, geht gar nichts mehr. Die Menge nimmt es christlich gelassen. Während auf der Bühne ein Mitglied der Unternehmensleitung des Pharmaunternehmens Boehringer Ingelheim die Predigt hält und der Vorzeige-Reeperbahn-Insider Corny Littmann den Kirchentagsbesuchern Tipps zur Abendgestaltung im Rotlichtviertel gibt („Vergessen Sie nicht: Kleine Sünden vergibt der liebe Gott sofort!“), packen die Besucher ihre Brotdosen aus und genießen den Sonnenschein, der heute auf die traditionell eher verregnete Hansestadt herablächelt. Dabeisein ist alles, das gottesdienstliche Unterhaltungsprogramm auf der Bühne ist höchstens das Tüpfelchen auf dem i.

 

Hoffnung auf Zuversicht

Kirchentagsgäste mit weniger Stehvermögen haben es sich in einem der zahlreichen Straßencafés gemütlich gemacht. Statt der Predigt beobachten sie ihre christlichen Mitstreiter, die sich noch immer durch die zähfließende Menge vorarbeiten. Einer der Cafébesucher ist Karl-Otto. Mit gepflegtem Bart, elegantem Sakko und Hemd hebt sich der 75-Jährige deutlich ab – von den vielen Christen in Ausflugsoutfit ebenso wie von den alteingesessenen St.-Pauli-Bewohnern, die an den Nebentischen den christlichen Ansturm auf ihr Viertel amüsiert oder genervt verfolgen.

Karl-Ottos äußerlicher Unterschied zum Rest der Menge spiegelt seine innere Distanz wieder. Neugier und vielleicht auch ein wenig Hoffnung auf ein Gemeinschaftsgefühl hätten ihn aus seinem Heimatort im Ruhrpott hierher geführt, berichtet er, obwohl er sich schon in seiner Jugend von der Kirche entfernt habe. Dass sich nur wenige Kirchentagsbesucher wirklich fein gemacht haben und dass der Eröffnungsgottesdienst ausgerechnet hier auf Hamburgs angeblich sündigster Meile stattfindet, nervt Karl-Otto – das habe sich seit seinem letzten Kirchentagsbesuch vor 57 Jahren in Frankfurt deutlich verändert. Sein Bild von Kirche und Glaube ist ähnlich alt wie seine Erinnerung an den damaligen Kirchentag, als die Erinnerung an den Krieg noch frisch war und das Motto lautete „Lasst euch versöhnen mit Gott“. Wenn Karl-Otto über den Glauben spricht, dann landet er schnell bei seiner eigenen Erinnerung an Krieg und Nachkriegszeit, an einen Lehrer, der anstelle des liebenden Gotts einen rächenden heraufbeschwor. Auch den geringen gesanglichen Schwung der Gottesdienstbesucher auf dem Spielbudenplatz führt Karl-Otto auf die deutsche Vergangenheit zurück – durch die Nazi-Zeit sei das gemeinsame Singen in Verruf und viel traditionelles Liedgut einfach in Vergessenheit geraten, bedauert er.

„Aber ohne ein göttliches Wesen kommen viele auch heute nicht aus“, sinniert er mit Blick auf die stimmschwache, aber dennoch beeindruckende Menschenmenge auf dem Platz, „man verliert ja angesichts der politischen Ereignisse in der Welt doch manchmal die Hoffnung ...“ Wenn es den Kirchentagsbesuchern gelänge, mit ein wenig Zuversicht nach Hause zu fahren, dann sei schon viel erreicht, findet er – und meint damit ganz sicher auch ein bisschen sich selbst.

 

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Alexandra Mankarios, Mai 2013
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