wissen.de
You voted 3. Total votes: 61
wissen.de Artikel

Ihr weißes Bein ist aufgestellt

...

Sie bemüht sich, die Beine ruhig zu halten und nicht mit dem rechten zu wippen. Das macht sie, wenn sie etwas langweilt. Die nächsten Tage werden ihre Beine aus diesem Grund in Bewegung bleiben. Jetzt spürt sie, wie seine Blicke auf ihr ruhen. Sie kann nicht aufsehen,  muss aber sein Gesicht sehen. Anstarren will sie ihn nicht. Sie könnte kurz aufstehen. Und was dann? Natürlich. Ihre Tasche nehmen, kurz das Abteil verlassen. In der Tasche kramen. Zeit gewinnen, um noch einmal hinzusehen. Sie hat keinen anderen Plan. Sie wird genau das machen. Wo ist ihre Tasche? Vorhin war sie doch noch da. Ihre Hände zittern leicht, als sie nach dem Riemen der Tasche suchen. Sie ist nervös. Schnell steht sie auf und schwankt auf den hohen Absätzen zur Tür.

Mein Gott, immer das Gleiche, immer das gleiche kurze Träumen, und immer die gleiche tragisch-klassische Situation: ein alter Geldsack, eine junge unzufriedene Frau und ich, in der Rolle des Begehrten, in der Rolle des Gehassten. Egal wie solche Geschichten ausgehen: Meine Rolle zieht immer den Kürzeren. Er setzt alles daran, mich zu beseitigen, sie, die scheue Abenteuerin, wird jede noch so schwärmerische Reise im Haus ihres Mannes enden lassen, der das Geweih des Gehörnten schon längst mit einer Trophäe des Liebhabers ausgetauscht hat. Nein, ich werde nicht mehr zu ihr rüber sehen und ich werde ihr jetzt auch nicht helfen, die Tür aufzuziehen.

Er könnte ihr mit der Tür helfen. Hah. Er ist kein Gentleman. Er ist alles andere. Er ist amüsiert, das kann sie aus den Augenwinkeln sehen. Sie will nicht ungeschickt wirken, sondern cool und überlegen. Sie ist nichts davon, sondern nur ein wenig verschwitzt, als sie auf der Toilette ankommt. Sie lässt kaltes Wasser über ihre Handgelenke laufen. Im Spiegel, während sie sich die Lippen rot nachzieht, sieht sie sein Gesicht. Viel zu lange Haare hängen ihm in die Stirn. Er ist ziemlich jung, vielleicht Mitte, Ende zwanzig. Er ist zu jung für sie. Das ist sicher. Als sie zurückkommt, fällt sie fast über seine Beine. Er hat sie nicht kommen sehen, er war eingeschlafen und sieht sie jetzt fast überrascht an.

Wohin werden die beiden fahren? Nach Innsbruck, bestimmt nach Innsbruck. Sie wird in der Maria Theresienstraße einkaufen, während er an der Medizinischen Universität einen Vortrag hält. Der Schaffner kommt. Meine Fahrkarte, hier, bitte schön. – Nach Verona soll es gehen? Na, da werden Sie und das junge Fräulein sicher viel erleben. Oh, Verzeihung der Herr, Sie sind der verehrte Herr Gemahl. Nach Innsbruck möchten Sie. Da wünsch’ ich angenehmen Aufenthalt, wir werden bald ankommen.

... klicken Sie zum Weiterlesen auf den folgenden Button
von Dörthe Buchhester und Mario Müller
You voted 3. Total votes: 61