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Herbstmond September – ein Monat für die Demokratie

oder die Qual nach der Wahl. Ein Kommentar

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Es lebe die Demokratie

Peer Steinbrück
Umworben

Peer Steinbrück (SPD) am 23.9. in Berlin beim Treffen der Partei-Spitze.

A propos Demokratie: Können Sie sich noch an die Szene aus Casablanca erinnern, als die Nazis in Ricks Café „Die Wacht am Rhein“ anstimmen und daraufhin Humphrey Bogart alias Rick von seinem Unterhaltungsorchester die französische Nationalhymne spielen lässt? Ergriffen schmettern die bunt zusammengewürfelten Barbesucher gemeinsam die Marseillaise, am Ende ruft Ricks verschmähte Ex-Freundin Yvonne noch mit glühender Begeisterung „Es lebe Frankreich! Es lebe die Demokratie!“ So tief die Filmszene uns mal berührt hat, so absurd scheint es uns heute, der Demokratie derartige Begeisterungsstürme zu widmen. Auch der 2007 von den Vereinten Nationen eingeführte Internationale Tag der Demokratie – übrigens zufälligerweise am 15. September – hat bislang wenig Emotionen hochkochen lassen.

Das könnte damit zusammenhängen, dass Demokratie, ist sie erst einmal etabliert, die Politik ganz schön uninteressant macht. Mal von den üblichen Missständen abgesehen geht der Alltag seinen Gang – ob nun die SPD oder die CDU oder wer auch immer die Regierung anführt, macht für viele Menschen kaum einen Unterschied. Trotzdem läuft das Wer-mit-wem-Spiel der Koalitionssuche allen anderen tagesaktuellen Ereignissen den Rang ab. Selbst Syrien ist auf die Innenseiten der Zeitungen gewandert, und ob die EU in der Krise oder unsere Daten in der Hand unberechenbarer Spione sind, interessiert weniger als die Frage, mit wem Anna die nächsten vier Jahre auf den Spielplatz geht.

In einem System mit Mehrheitswahlrecht wie in den USA gäbe es nur Anna und Paul, einer der beiden würde die Sandkiste für sich allein gewinnen. Hier haben wir ein Verhältniswahlrecht, das Platz für viel mehr Kinder auf dem Polit-Spielplatz zulässt. Eigentlich ja schön. Das funktioniert aber nur, wenn dann am Ende auch irgendjemand bereit ist, mit dem anderen zu spielen.

Vielleicht sollten wir es bei der nächsten Bundestagswahl einfacher gestalten und anstelle von Parteien direkt Koalitionen wählen. Dann wäre alles schnell entschieden, und am Ende hätten die wirklich weltbewegenden Themen wieder Platz auf den Titelseiten.

von wissen.de-Autor Jens Ossa, September 2013
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