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Hartz IV? - Iiiiiiiich doch nicht!

Auf der Suche nach Arbeit in einem reichen Land

Wir alle sind nur 12 Monate von Hartz IV entfernt - wenn wir eine Kündigung bekommen, Stellen abgebaut werden oder man aus sonstigen Gründen seine Arbeit verliert. Hartz IV heißt "Grundsicherung". Aber wie lebt es sich damit wirklich?

Vor drei Jahren verlor ich meine Arbeit, die ich bis dahin fast 8 Jahre ausgeübt und vor allem geliebt hatte. Wie überall wurden Stellen abgebaut, aber wie auch meine Kollegen war ich der Ansicht, dass es ein Leichtes sei, mit dem Lebenslauf gleich eine neue Firma zu finden. Die Annahme war ein Trugschluss. Manche suchen noch heute, einige sind bereits untergekommen, manche befristet. Ich selbst habe seither 3 befristete Jobs ausgeübt und einen Minijob angenommen. Daher verschob sich der Anspruch auf Arbeitslosengeld I und erst jetzt bekomme ich erstmals Hartz IV. Damit zu leben ist schwer. Die Hoffnung nicht aufzugeben, eine Arbeit zu finden, weiter zu suchen, wenn man mehrere hundert Absagen bekommt, zu merken, dass Freunde fortbleiben, weil man sie mit seinem Pech ja anstecken könnte - und als relativ gebildeter Mensch so viel Beschäftigung zu finden, dass man nicht ganz verdummt. Darüber habe ich bislang noch nichts gelesen. Nirgendwo. Grundsicherung heißt, man muss erfinderisch werden, rechnen, Reis und Nudeln werden zu den Hauptnahrungsmitteln und man kann froh sein, wenn es Menschen gibt, die einen am Mittagessen teilhaben lassen oder gar im Sommer Essen aus dem Garten verschenken. Vor allem, wenn man schon durch das Arbeitslosengeld arm geworden ist. Es gibt aber auch die andere, die gute Seite: Man freut sich wieder über kleine Dinge. Eine Tafel Schokolade, ein Kinobesuch, die Einladung zu einem Ausflug - Marc Aurel hatte recht, als er sagte "Vergiss nicht - man benötigt nur wenig, um ein glückliches Leben zu führen".

Ich bin heute auf jeden Fall glücklicher als damals, als ich noch ein regelmäßiges, relativ hohes Einkommen hatte. Weil ich die Zeit für mich selbst hatte, Zeit, mich mit mir auseinander zu setzen. Weil ich den Luxus nicht mehr brauche und weniger oberflächlich bin. Ich bin bescheidener geworden. Seit 3 1/2 Jahren habe ich keine neuen Klamotten mehr gekauft. Heute wünsche ich mir ein geregeltes Einkommen, damit ich nicht noch mehr Schulden bei der Bank mache, bin aber auch dankbar, wenn ich zum Beispiel bei einem Wettbewerb etwas gewinne. Ich bin aber auch unruhiger, weil Lastschriften platzen und ich in einem halben Jahr meine Miete nicht mehr bezahlen kann und aus der Wohnung, die mein Zuhause geworden ist, laut Amt ausziehen muss - weil sie zehn Quadratmeter zu groß ist. Über Sinn und Unsinn von Gesetzen denke ich nach - und höre von den Freunden, den wahren Freunden, die mir geblieben sind und die mich aufbauen, wo es nur geht, dass es eine Gemeinheit sei, dass ein Mensch wie ich keine Arbeit findet. Oft bin ich trauriger als früher, aber ich lasse auch mehr Emotionen zu und bin darum echter als damals. Und wenn ich zu meinem Minijob arbeiten gehe, fühle ich mich wertvoller als damals, als eine Arbeit für mich selbstverständlich war. Das kann damit zusammenhängen, dass mehr geschätzt wird, was ich gebe, wie ich arbeite. Aber auch damit, dass ich froh und dankbar bin, rauszukommen und alles geben zu können. Ich suche weiter nach einer Arbeit. Es kann eine Putzstelle sein, aber auch ein Bürojob. Arbeit, die ich erlernt habe, muss es nicht sein. Bloß eine Beschäftigung, damit ich dem Staat nicht weiter auf der Tasche liege. Das ist mein Bestreben. Und darum ist dieser 1. Februar so besonders für mich - ich gehöre nun zu einer Masse von Menschen in diesem Land, die Tag für Tag ums Überleben kämpfen. Hut ab vor denen, die das schon jahrelang müssen.

von Jessica Doenges, Baden-Baden
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