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Geschichte der Ukraine – wie russisch ist das Land wirklich?

Glaubt man dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, war die Ukraine schon immer ein Teil Russlands. Erst durch Lenin und die russische Revolution sei dieses Land als eigenständige Nation überhaupt erst entstanden. Damit rechtfertigt Putin seinen aktuellen Angriff auf die Ukraine und die Ausdehnung des russischen Machtbereichs bis nach Kiew und Mariupol. Doch was ist dran an Putins Geschichtssicht?

Höhlenkloster in Kiew
Das Kiewer Höhlenkloster ist eines der ältesten orthodoxen Klöster der Kiewer Rus, auch wenn die heutigen Gebäude überwiegend aus der Barockzeit stammen.

"Die moderne Ukraine wurde vollständig von Russland geschaffen, genauer gesagt vom bolschewistischen, kommunistischen Russland", sagte Russlands Präsident Putin in einer Fernsehansprache am 21. Februar 2022. Erst Lenin und seine Mit-Bolschewisten hätten das abgetrennt, was "geschichtlich gesehen russisches Land ist. Niemand fragte die Millionen von Menschen, die dort lebten, was sie davon hielten."

Aber stimmt diese Sicht? Wie eigenständig waren die Ukraine und das ukrainische Volk im Laufe ihrer Geschichte?

Die gemeinsame Wurzel: der Kiewer Rus

Richtig ist, dass Russland und die Ukraine auf eine gemeinsame Wurzel zurückgehen – auf die sogenannten Kiewer Rus. Als solches bezeichnet man ein slawisches Großreich, das sich ab dem neunten Jahrhundert vom Schwarzen Meer im Süden bis zur Ostsee und weiter nach Norden erstreckte. Nach der Zugehörigkeit der ersten Herrscher über dieses Reich zum slawischen Stamm der Rus wurde auch dieses Großreich benannt. Als Herrschersitz und Hauptstadt diente die heutige ukrainische Hauptstadt Kiew.

Im Jahr 988 ließ sich der damalige Großfürst von Kiew, Wladimir I., taufen und leitet damit die Christianisierung seines Herrschaftsgebiets ein. Der russische Präsident Putin bezeichnete diesen Taufakt, der auf er Krim stattfand, als den Moment, "in dem das russische und das ukrainische Volk eins wurden". "Die russische Argumentation ist, dass dies den Beginn russischer Staatlichkeit markiert. Die Ukraine sieht dagegen den Beginn ihrer Staatlichkeit", erklärt Guido Hausmann vom  Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg gegenüber der Deutschen Welle.

Fakt ist jedoch: Damals gab es weder Russland noch die Ukraine, sondern nur ein Reich aus lose unter einer Herrschaft vereinten slawischen Fürstentümern. "Die Ukraine war im Mittelalter nicht nur einfach nur ein Teil Russlands", so Hausmann. Der Name "Ukraina" taucht allerdings schon zu dieser Zeit in historischen Chroniken auf. So wird er im Jahr 1187 als Bezeichnung für den südwestlichen Teil der Kiewer Rus benutzt und bedeutet soviel wie "Grenzland" Auch später wurde dieser Begriff für Gebiete am mittleren Dnepr verwendet.

Symbolbild Schwarzerde-Böden
Dank ihrer fruchtbaren Schwarzerde-Böden gilt die Ukraine auch als die "Kornkammer Europas" und ist einer der größten Weizenexporteure der Welt.

Mongolen, Kosaken und Tartaren

Die Kiewer Rus hatte allerdings nicht lange Bestand: Im 12. Jahrhundert kam es bereits zu vermehrten Kämpfen der Fürsten untereinander, im 13. Jahrhundert eroberten die aus den Steppen Zentralasiens nach Westen drängenden Mongolen weite Teile des Rus. Die Mongolen gründeten daraufhin das "Reich der goldenen Horde" das zum großen Teil auch auf dem Gebiet der heutigen Ukraine lag.

Schon während der Zeit der Mongolenherrschaft kam es zur zunehmenden Trennung verschiedener Fürstentümer. Im 14. Jahrhundert führte dies dazu, dass ein Teil des Gebiets unter litauische Herrschaft geriet, der Rest wurden von Polen erobert. 1569 wurde das Gebiet als Ergebnis eines Vertrags zwischen den beiden konkurrierenden Reichen Teil des Königreichs Polen. Allerdings gab bereits während dieser polnischen Herrschaft Widerstand, unter anderem durch Kosaken.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gelang es einem ihrer Anführer, dem Hetman Bohdan Chmelnyckyj, ein autonomes ukrainisches Staatswesen gegen die polnischen Herrschaftsansprüche zu etablieren, das einige Jahrzehnte existierte. 1648 gelang es dem Anführer dieser Kosaken, Bohdan Chmelnyzkyj, einen eigenen unabhängigen Kosakenstaat durchzusetzen. Dieser durch einen Vertrag mit dem polnischen König Kosakenstaat hatte allerdings nur wenige Jahre Bestand.

Der Süden der heutigen Ukraine wurde auch nach dem Zerfall des Mongolenreichs von Nachfahren der Mongolen und von Tartaren dominiert. Dieses Gebiet stand als "Krim-Khanat" unter der Oberherrschaft des  Osmanischen Reichs.

"Russifikation" im Zarenreich

Unter russische Herrschaft geriet die Ukraine erst nach dem Krieg zwischen Polen und dem russischen Zarenreich im 17. Jahrhundert. Damals wurde zunächst der Landesteil östlich des Flusses Dnjepr Russland zugesprochen, woraufhin dort die russische Sprache und Kultur gezielt gefördert wurden. Der westliche Teil der Ukraine blieb zunächst unter polnischer Herrschaft, erst 1793 wurde auch er von Russland erobert.

Anschließend wurde auch dort die "Russifikation" vorangetrieben: Die in Teilen katholische Bevölkerung wurde dazu gezwungen, den russisch-orthodoxen Glauben anzunehmen, Schulunterricht durfte nur auf Russisch stattfinden. Nur ein kleiner Teil im Westen der heutigen Ukraine gehörte nicht zu Russland, sondern zum österreichisch-ungarischen Königreich der Habsburger.

Der erste ukrainische Nationalstaat

Anders als es Putin deklariert, wurde die Ukraine als nationale Identität jedoch nicht erst im Zuge der russischen Revolution und der Gründung der Sowjetunion erschaffen: Schon Ende des 19. Jahrhunderts gab es in diesem Gebiet eine ukrainische Nationalbewegung, die die Ukrainer als eigenständiges Volk und nicht als Teil Russlands sah. 1917 wurden in Kiew einer erste provisorische Regierung und ein ukrainischer Volksrat gebildet, mit dem Ziel, die Unabhängigkeit von Russland anzustreben.

Mit Erfolg – zumindest vorübergehend: Noch 1917 wurde die Ukrainische Volksrepublik gegründet – der erste ukrainische Nationalstaat. Auch die vorher zu Österreich-Ungarn gehörenden Gebiete in der Westukraine schlossen sich 1919 diesem Staat an. Allerdings bestand er nicht lange: Schon 1920 kam es im Rahmen des russischen Bürgerkriegs zur Einnahme von Kiew und der Ukraine durch die Bolschewiki. Die Ukraine wurde Teil der Sowjetrepubliken und vor allem Stalin trug durch gezielte Ansiedlung russischsprachiger Menschen dazu bei, den Einfluss der ukrainischen Sprache und Kultur so weit wie möglich zurückzudrängen – es kam zu einer zweiten Russifikation.

Nach Ansicht des Osteuropa-Experten Hausmann war es jedoch "zentral, dass es am Ende des Ersten Weltkriegs diese Staatsbildung gegeben hat und diese nicht sozusagen von Russlands Gnaden gewesen ist". Putins Aussage, dass es in der Ukraine nie eine "stabile Staatlichkeit" gegeben habe, ist daher nicht zutreffend. Und die Ukraine verdankt auch nicht Lenin ihre Gründung – den ersten ukrainischen Nationalstaat gab es schon vorher.

NPO, 28.02.2022
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