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Gemüsechips unter die Lupe genommen

Die Supermarktregale sind mit ihnen gefüllt und auf Werbetafeln werden sie regelmäßig beworben: Gemüsechips. Ob Knuspererbsen mit Paprikageschmack, Kichererbsen-Chips, Protein-Flips oder Hirsebällchen – die alternativen Knabberwaren locken mit gesunden Zutaten. Die Verpackungen versprechen wenig Fett, eine Fülle an pflanzlichem Protein, Ballaststoffe und Vitamine. Aber sind die Gemüsechips wirklich eine gesunde Alternative zu ihrem fettreichen Vorbild aus Kartoffeln?

Junge Frau im Supermarkt beim Kauf von Snacks
Gemüsechips versprechen gesundes und unbekümmertes Snacken - zu Recht?

Dass Kartoffelchips, Erdnuss-Flips und Co. fettreiche Snacks sind, ist nicht neu: Kartoffel-Chips enthalten in der Regel über 530 Kilokalorien und 33 Gramm Fett pro 100 Gramm, sodass eine Portion von 60 Gramm bereits rund ein Drittel des Tagesbedarfs an Fett abdeckt. Ähnlich sieht es bei den Puffsnacks aus Erdnüssen aus. Kein Wunder daher, dass der häufige Genuss von Chips und Co Übergewicht begünstigen kann. Ebenfalls als ungesund gilt die große Menge an Salz, die diese Snacks enthalten.

Verlockendes Image

Doch es gibt Alternativen, die gesundes und unbekümmertes Snacken versprechen und damit den Nerv der heutigen – nach Gesundheit strebenden - Gesellschaft treffen: Chips oder Snacks aus Roter Bete, Süßkartoffeln, Bohnen, Linsen oder Erbsen sind längst Trendprodukte in Discountern, Supermärkten und Bioläden. Doch was steckt hinter den vermeintlich gesunden Alternativen?

Um zu prüfen, was wirklich in den als unbedenklich angepriesenen Produkten steckt, führte die Verbraucherzentrale NRW im Mai einen Nährwertcheck von alternativen Gemüsechip-Produkten und Knabberartikeln durch. Der kritische Blick richtete sich auf 80 frittierte und gebackene Produkte, darunter 37 Chips-Variationen auf Basis von Hülsenfrüchten, 21 Artikel mit Gemüsechips und auf 22 verschiedene Puff-Snacks, die von insgesamt 27 Herstellern im stationären und Online-Handel angeboten werden. Dabei wurden die Kilokalorien und der Gehalt von Fetten, ungesättigten Fettsäuren, von Kohlenhydraten und Zucker sowie von Proteinen, Ballaststoffen und Salz verglichen.

Täuschend gesund

Und das Ergebnis (pdf) war ernüchternd: Alle Alternativen seien nicht gesünder als die herkömmlichen Knabbereien, stellten die Forscher fest. "Verbraucher sollten auf das gesunde Gemüse-Image bei den Alternativen zu herkömmlichen Chips und Snacks nicht hereinfallen", warnt Wolfgang Schuldzinski von der Verbraucherzentrale NRW.

Denn: Im Schnitt haben Gemüse-Chips mit 500 Kilokalorien und 32 Gramm Fett pro 100 Gramm kaum einen geringeren Energiegehalt als die Kartoffel-Klassiker. Nur einige Snackprodukte auf Basis von Linsen, Erbsen und Co. weisen im Vergleich zu herkömmlichen Chips mit durchschnittlich 16 Gramm Fett pro 100 Gramm und 440 Kilokalorien einen etwas geringeren Energiegehalt auf. Gepuffte Snacks, bei denen stärkehaltige Pflanzensamen durch Hitze und Druck in aufgebauschte Flips und Knusperecken verwandelt werden, schneiden auch durch ihr geringes spezifisches Gewicht am besten ab. Hier reicht die Spannweite von 380 Kilokalorien und 1,8 Gramm Fett bis 480 Kilokalorien und 23 Gramm Fett pro 100 Gramm.

Chips aus Hülsenfrüchten enthalten zwar mehr Eiweiß als die Vergleichsprodukte. Doch im Nährwertvergleich fiel auf, dass der Salzanteil bei Chips aus Kartoffeln und Gemüse in etwa gleich hoch ist. Somit hebt der insgesamt hohe Salzgehalt von im Schnitt 2,3 Gramm pro 100 Gramm den positiven Effekt der Proteine gleich wieder auf. Eine Portion von 60 Gramm liefert nämlich bereits rund ein Viertel der empfohlenen Tageshöchstmenge von sechs Gramm Kochsalz. Flips enthalten mit im Schnitt 0,8 Gramm pro 100 Gramm weniger Salz.

Gemüsechips
Täuschend gesund: Die vermeintliche Snack-Alternative aus Gemüse bietet gegenüber der Kartoffelkonkurrenz nur marginale Vorteile.

Hersteller und Konsumenten tragen Verantwortung

Das bedeutet: Die so vermeintlich gesunden Snacks aus Gemüse bieten nur marginale Vorteile gegenüber ihre klassischen Kartoffelvarianten. Das allerdings hält Hersteller wie  Intersnack Deutschland, Kühne und TerraSana nicht davon ab, gesundheitsbewussten Knabberfans einen Genuss ohne Reue vorzugaukeln. Packungshinweise, die geringere Fettgehalte oder einen höheren Proteingehalt als herkömmliche Produkte anpreisen, verführen oft dazu, gar nicht erst die Nährstoffe zu prüfen. "Ein Blick auf die Nährwertangaben lohnt sich jedoch“, so das Fazit Schuldzinskis.

„Allerdings brauchen Verbraucher hierbei auch eine anschauliche und sofort wirksame Hilfe zur Einordnung. Die sehen wir in der verpflichtenden Einführung des sogenannten Nutri-Score - einem farbigen, leicht verständlichen Nährwert-Logo“, sagt der Experte. Und das gelte nicht nur für Chips, Sticks und Flips: „Hohe Fett-, Salz- und Kalorienangaben sollten auf Lebensmittelverpackungen generell deutlich sichtbar gekennzeichnet werden“, fordert er.

Egal, ob aus Kartoffeln, sonstigem Gemüse oder aus Hülsenfrüchten: Zu einem Verzehr von Chips- und Knabberprodukten wird aufgrund der Energiedichte nur in Maßen geraten. Um nicht der Versuchung zu erliegen, den Inhalt einer Tüte auf einmal zu verdrücken, empfehlen die Verbraucherschützer, nur eine Portion in eine kleine Schale abzufüllen und den Rest samt Tüte schnell wieder in den Schrank zu sperren.

ABO, 02.09.2020
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