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Fußball-WM 2018 - Was macht einen guten Torjäger aus?

In den nächsten Tagen sind alle Augen auf sie gerichtet: die Spieler der Fußball-Nationalmannschaften. Sie sollen abliefern, Gegentore verhindern - und selbst Treffer erzielen. Doch was muss gegeben sein, damit den Sportlern dies gelingt? Wissenschaftler haben sich zwei von vielen wichtigen Faktoren nun genauer angesehen: die individuelle Kreativität und den Umgang mit Leistungsdruck.

Porträts von Pelé, Messi und Ronaldo
Ob Pelé, Messi oder Ronaldo, Stars dieses Formats bringen neben Technik und Athletik immer auch Spielwitz – Neudeutsch „Kreativität“ – mit auf’s Feld.
Pelé war es. Messi ist es. Und Christiano Ronaldo sowieso. Die Rede ist vom kreativen Fußballer: dem Zauberer, der etwas völlig Unvorhergesehenes tut, den Gegner überrascht und seiner Mannschaft damit die entscheidende Chance erspielt - die Chance, die über Sieg oder Niederlage bestimmt. Tatsächlich reichte in der Vergangenheit immer mal wieder nur ein einziger spezieller Moment, um Weltmeister zu werden. Im Finale der Fußball-WM 2010 in Südafrika bezwang Spanien die Niederlande mit einem 1:0. Vier Jahre später machte Mario Götze mit einem einzigen Finaltreffer den Titel für Deutschland klar.

Doch war es damals wirklich das extra Quäntchen Kreativität, das die Entscheidung brachte? Und was bedeutet Kreativität im Fußball eigentlich? "Unter Kreativität im Fußball verstehen wir besonders überraschende, originelle und flexible taktische und motorische Lösungen - zum Beispiel No-look-Pässe, Schnittstellenbälle oder bestimmte Dribblings und Laufwege", erklärt Daniel Memmert von der Deutschen Sporthochschule Köln. Er und seine Kollegen haben die Bedeutung von Kreativität im Profifußball nun genauer unter die Lupe genommen.

Mit Kreativität zum Tor

Dafür schauten sich die Wissenschaftler alle Spiele der vergangenen beiden Fußball-Weltmeisterschaften sowie der Europameisterschaft 2016 an und analysierten sämtliche aus dem Spiel heraus gefallene Tore: Das waren 311 Treffer in 153 Mannschaftsbegegnungen. Welche Spielsituationen hatten bei diesen Toren jeweils zum Erfolg geführt - und welche Rolle spielte die Kreativität dabei?

Um das herauszufinden, ließ das Team die jeweils letzten acht Aktionen, die das Tor herbeiführten, von drei Fußballexperten mit UEFA-Lizenzen bewerten. Diese stuften die Kreativitätsleistung jeder Aktion auf einer Skala von 1 bis 10 ein. "Die Ergebnisse zeigen, dass das Kreativitätsniveau ansteigt, je näher der Torabschluss rückt", fasst Memmert die Ergebnisse zusammen. Vor allem die siebte Aktion, der entscheidende Pass (Assist), bekam im Mittel den höchsten Kreativitätswert. Insgesamt weisen die letzten drei Aktionen vor dem Torschuss signifikant höhere Kreativitätswerte auf als die Aktionen davor.

Wandtafel mit Taktikzeichnungen eines Trainers
Weil bei den Topmannschaften heute alle Spieler von der Athletik, den technischen Fertigkeiten und ihren defensiven Qualitäten her weitgehend austauschbar sind, wird das Spiel einerseits schematischer, andererseits sind überraschende Spielzüge gefragter den je.

Wenn Druck ausbremst

Auch wenn diese Werte nur knapp über dem Durchschnittswert liegen, zeigt dies umso mehr, dass hochgradig kreative Lösungen extrem selten sind. Die Experten bewerteten lediglich 172 von über 1.800 Aktionen als hochgradig kreativ mit einem Wert von 8 und höher auf der Kreativitätsskala. Andererseits enthielten die Aktionsabfolgen bei fast der Hälfte aller Tore mindestens eine Aktion mit hohem Kreativitätsniveau. Bei den sehr erfolgreichen Teams der drei Turniere lag der Wert sogar bei 63 Prozent.

Wie die Forscher berichten, ließen sich anhand der Kreativität erfolgreiche von weniger erfolgreichen Teams gut unterscheiden. Dies zeige, dass das Training kreativen Verhaltens im Profifußball durchaus wichtig sei. Doch nicht nur die Kreativität will trainiert werden. Ebenso bedeutsam ist es wohl, dass Profifußballer lernen, mit Druck umzugehen. Denn sind sie nervös und machen sich "einen Kopf", wird jeder Ansatz von Kreativität unter Umständen sofort im Keim erstickt - und damit die Chance auf ein zauberhaftes Tor.

Die Angst spielt mit

Profifußballer sollten einen gewissen Leistungsdruck zwar gewöhnt sein. Trotzdem haben nicht wenige Spieler mit der damit einhergehenden psychischen Belastung zu kämpfen, wie eine Untersuchung mit dänischen und schwedischen Fußballprofis nun erneut bestätigt. 323 Spieler aus ersten und U19-Mannschaften von Erstligisten beantworteten dabei die Fragen der Sportpsychologin Anne-Marie Elbe von der Universität Leipzig.

Die Ergebnisse zeigen: Gefühle wie die Angst, nicht perfekt zu sein, oder die Angst, durch andere womöglich negativ bewertet zu werden, führen bei etlichen Spielern zu echten mentalen Problemen. Immerhin 17 Prozent der Befragten gaben an, mitunter Hilflosigkeit und Schuld zu empfinden, wenig Appetit zu haben, schlecht zu schlafen oder unter einer gedrückten Stimmung zu leiden - all diese Beschwerden gelten als typische Symptome einer Depression. "Die Angst treibt viele Profifußballer um", konstatiert Elbe. Dieses Gefühl kann sich in den Weg des Erfolgs stellen und im Extremfall sogar ernsthaft krank machen.

Erfolgsfaktor mentale Stärke

Umso wichtiger sind nach Ansicht der Forscherin sportpsychologische Trainingsmethoden. "Das sollte genauso dazugehören wie das technische und taktische Training." Aber kann man sich als Spieler wirklich darauf vorbereiten, in das Elfmeterschießen eines WM-Finales zu gehen und vor einer Kulisse von 80.0000 lauthals skandierenden Zuschauern den entscheidenden Elfmeter zu halten oder zu schießen? "Ja, das kann man trainieren", sagt Elbe.

"Es gibt diverse Methoden dafür, neuerdings auch Simulationsmöglichkeiten mithilfe der sogenannten virtuellen Realität. Wichtig ist dabei immer: Jeder Spieler braucht eine individuelle Betreuung, denn jeder hat seine eigene Version dessen, was wir in der Fachsprache optimale Funktionszone nennen. Was braucht er also in welcher Situation?" Die Erkenntnis, dass einen erfolgreichen Spieler nicht nur körperliche, sondern auch mentale Stärke auszeichnet, setzt sich im Fußball zunehmend durch. Nicht ohne Grund beschäftigt auch die deutsche Nationalmannschaft einen Sportpsychologen.

Deutsche Sporthochschule Köln / Universität Leipzig / DAL, 18.06.2018
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