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Flüchtlingskrise: Griechenland zwischen Camps und Corona

Sie geraten im Zuge der Corona-Pandemie fast schon in Vergessenheit: Noch immer warten tausende von Flüchtlingen aus Afrika und dem Nahen Osten darauf, Asyl in Europa zu bekommen. Vor allem in Griechenland spitzt sich dadurch die Lage in den Flüchtlingslagern zu. Drei von ihnen mussten bereits wegen Corona-Fällen unter Quarantäne gestellt werden. Die Zustände in den Lagern sind teilweise katastrophal.

Lager Moria auf Lesbos
Lager wie Moria auf der griechischen Insel Lesbos waren ursprünglich nur für einen Bruchteil der Menschen konzipiert, die dort jetzt zusammengepfercht leben.

Tausende Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Nordafrika sind vor Hunger, Krieg oder Armut geflüchtet und hofften, im reichen Europa eine neue Chance zu bekommen. Viele von ihnen sind mithilfe von Schleusern in teils lebensgefährlich überfüllten Booten über das Mittelmeer an die europäische Küste gelangt. Doch dort ist erstmal Endstation: Allein in Griechenland waren Ende April fast 35.000 Flüchtlinge in den Sammelstellen und Flüchtlingslagern registriert.

Die Lage in Griechenland

Schon unter normalen Bedingungen stellt diese Situation vor allem Italien und Griechenland vor enorme Probleme, denn dort kommen die meisten Flüchtlinge an. Allein in Moria, dem größten Flüchtlingscamp auf der griechischen Insel Lesbos, leben rund 20.000 Menschen auf engstem Raum. Ursprünglich war dieses Flüchtlingslager nur für die Aufnahme von 2.500 Menschen geplant. Noch vor Ausbruch der Covid-19 Pandemie hatten Mitte Januar 2020 zahlreiche Menschen auf den griechischen Mittelmeerinseln mit einem Generalstreik gegen die überfüllten Flüchtlingslager protestiert.

Zwar sind die Zahlen der neuankommenden Flüchtlinge mit den Grenzschließungen und Kontaktbeschränkungen in Griechenland seit Mitte März 2020 erheblich zurückgegangen. Das letzte Boot legte am 01. April mit 39 Migranten an Bord in Lesbos an. Seit diesem Stichtag hat die Hellenische Küstenwache in Kooperation mit der Europäischen Grenzschutzbehörde Frontex zahlreiche weitere Anlegeversuche gestoppt. Auch im Mai haben bisher nur wenige Dutzend Mittelmeer-Flüchtlinge die Insel erreicht.

Dennoch warten noch immer rund 120.000 Asylsuchende in Griechenland auf eine Entscheidung. Rund 39.000 davon sind in Camps auf Inseln der Ägäis untergebracht, 80.000 weitere auf dem Festland.

Migranten in Schlauchboot zwischen Griechenland und der Türkei, 2016
Vollbesetztes Schlauchboot vor der griechischen Insel Lesbos, im Hintergrund die türkische Küste.

Erste Coronafälle in mehreren Flüchtlingscamps

Die Corona-Pandemie hat die Situation nun noch weiter verschärft. Denn in den überfüllten Camps ist es den Flüchtlingen kaum möglich, auf Abstands- oder Hygieneregeln zu achten. Der Zugang zu fließendem, sauberem Wasser, Seife, Gesundheitsinformationen und Gesundheitsversorgung ist begrenzt. So müssen sich in Moria jeweils rund 200 Menschen eine Dusche und Toilette teilen, für das gesamte Lager sind nur drei Ärzte zuständig. Zudem sind die Flüchtlingscamps seit Beginn der Pandemie weitgehend abgeriegelt: Die Flüchtlinge und Migranten dürfen sie nur mit schriftlicher Genehmigung verlassen.

Das Problem dabei: Wenn das Coronavirus in diesen Flüchtlingslagern einmal Fuß fasst, könnte es sich rasend schnell ausbreiten. Denn die Menschen können sich nicht nur kaum vor einer Ansteckung schützen, sie sind auch aufgrund der schlechten Unterbringungssituation und ihrer Flucht aus den Heimatländern schon geschwächt und haben dem Virus daher kaum etwas entgegenzusetzen.

Schon jetzt sind drei Flüchtlingslager auf den Inseln Chios und Lesbos sowie in Kranidi in Südgriechenland wegen Corona-Fällen unter Quarantäne gestellt worden. In Ritsona, 75 Kilometer von Athen entfernt, sind mindestens 23 der 2.700 Bewohner mit dem Coronavirus infiziert. Immerhin scheinen diese Covid-Fälle bisher weitgehend symptomfrei zu verlaufen.

Was wird getan?

Den Behörden vor Ort und auch den Nichtregierungsorganisationen fehlt es trotz staatlicher und europäischer Hilfen an Personal, Mitteln und Handhabe, um an der Situation der Flüchtlinge viel zu ändern. "Griechenland steht unter enormen Druck. Wie kann das Land gleichzeitig mit der Corona-Pandemie und den Herausforderungen mit Flüchtlingen und Migranten zurechtkommen? Bei Teilen der Inselbevölkerung wächst der Eindruck, von Athen und Brüssel im Stich gelassen zu werden", kommentiert der Ökonom Jens Bastian im Blog der UNO-Flüchtlingshilfe.

Zurzeit versucht die griechische Regierung, zumindest einige der am schlimmsten überfüllten Flüchtlingscamps auf den Inseln aufzulösen oder zumindest einige Bewohner aufs Festland zu verlegen. Acht EU-Staaten, darunter auch Deutschland, haben sich zudem bereit erklärt, jeweils wenige Dutzend unbegleitete Flüchtlingskinder aufzunehmen. Eine erste Gruppe von 42 Kindern aus Griechenland ist am 18. April nach Deutschland gekommen und wurde zunächst zwei Wochen unter Quarantäne gestellt. Inzwischen sind sie auf verschiedene Bundesländer verteilt worden. Laut Bundesinnenministerium sollen insgesamt bis zu 350 minderjährige Flüchtlinge aus Griechenland nach Deutschland kommen.

"Die Bedingungen für Flüchtlinge und Migranten auf den Inseln sind katastrophal: Griechenland muss handeln und Europa muss dabei unterstützen", sagt Peter Ruhenstroth-Bauer von der UNO-Flüchtlingshilfe. Das gilt umso mehr, als dass sich die Situation auch nach Ende der Corona-Pandemie nicht bessern wird: Experten erwarten dann ein erneutes Ansteigen der Flüchtlingszahlen.

NPO / UNO Flüchtlingshilfe, 18.05.2020
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