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Finger weg von selbstgemachter Zahnpasta!

Weniger Chemie, weniger Plastik: Im Internet kursieren eine Reihe von Anleitungen, wie man Zahnpasta ganz leicht selber machen kann. Die alternativen Cremes werden größtenteils aus natürlichen Produkten zusammengerührt und kommen außerdem ohne Kunststoffverpackung daher. Doch so löblich der Gedanke der Müllvermeidung in diesem Zusammenhang auch ist: Den Zähnen tut selbstgemachte Zahnpasta überhaupt nicht gut, warnen Experten.

Zutaten für DIY-Zahnpasta
Zu den gängigen Zutaten für eine Do-it-yourself-Zahnpasta zählen u.a. Kokosöl, Kurkuma, Backpulver, Himalaya-salz und Xylitol

Die Menschheit müllt die Erde seit Jahrzehnten mit Plastik zu - doch inzwischen steigt das Bewusstsein für die gravierenden Folgen dieser Verschmutzung. Viele Verbraucher versuchen daher, ihren Kunststoffgebrauch im Alltag zu reduzieren. Sie gehen im Unverpackt-Laden einkaufen oder vermeiden Müll und Mikroplastik, indem sie Produkte des täglichen Bedarfs einfach selbst herstellen. Letztere Strategie ist vor allem bei Kosmetik beliebt: Zunehmend kursieren im Internet Rezepte zum Selbermachen von Shampoo, Peeling oder auch Zahnpasta.

"Kein adäquater Ersatz"

Statt der gängigen Creme aus der Tube soll zum Beispiel eine Mischung aus Kokosfett, Natron und Schlämmkreide oder Heilerde die Zähne reinigen können. Für den Geschmack noch ein bisschen Pfefferminzöl dazu - fertig ist die Zahnpasta! Doch wie sinnvoll sind solche Zahnpasta-Alternativen eigentlich aus gesundheitlicher Sicht?

Experten bewerten die selbst angerührten Produkte kritisch: "Die Entwicklung leistungsfähiger Zahnpasten hat sich in einem jahrzehntelangen Prozess ständiger Optimierung vollzogen. Die Anwendung alter Hausmittel ist kein adäquater Ersatz dafür", betont Stefan Zimmer von der Deutschen Gesellschaft für Präventivzahnmedizin.

Fluorid muss sein

Eine gute Zahnpasta enthält eine Reihe von Bestandteilen, die Zahnbeläge entfernen, Karies vorbeugen und gegen Zahnfleischbluten und Mundgeruch helfen. Einer der wichtigsten Inhaltsstoffe ist dabei Fluorid - ein Stoff, der entscheidend zur Kariesprophylaxe beiträgt. Der Mechanismus des Kariesschutzes beruht auf dem direkten Kontakt des Fluorids mit den Zähnen, wobei es den Verlust von Mineralien aus der Zahnhartsubstanz verhindert.

Eine solche "Entmineralisierung" ereignet sich bei fast jeder Nahrungsaufnahme, weil Bakterien auf der Zahnoberfläche Zucker zu Säuren abbauen, die wiederum Mineralien aus der Zahnoberfläche herauslösen können. Fluorid fördert die Wiedereinlagerung bereits verloren gegangener Mineralien. Eine Zahnpasta sollte daher auf jeden Fall Fluorid enthalten. "Rezepturen zum Selbstanmischen, wie sie gegenwärtig in den Publikumsmedien angegeben werden, enthalten unserer Kenntnis nach kein Fluorid und können nicht wirksam vor Karies schützen", kommentiert Zimmer.

Zahnpflegeutensilien
Plastik ist schädlich für die Umwelt. Darum würden es einige Menschen auch gerne aus der Zahnpflege verbannen.

Zu viel geschmirgelt?

Daneben sind auch sogenannte Abrasivstoffe wichtig für die Zahnreinigung. Diese Körnchen schmirgeln unliebsamen Zahnbelag ab. Für den gewünschten Effekt kommt es allerdings auf die Menge und die Teilchengröße an. Stimmen diese Paramater nicht, wird womöglich die Zahnsubstanz mit angegriffen - mit empfindlichen Folgen. Unter den Bedingungen des häuslichen Selbstanmischens kann es nach Meinung von Zahnärzten schnell passieren, dass falsche und zu viele Abrasivstoffe in die Zahnpasta gelangen.

Zwar wird zum Beispiel Schlämmkreide auch in herkömmlichen Zahnpasten als Abrasivstoff eingesetzt. Dabei wird aber auf eine einheitliche Korngröße und eine gleichbleibende Konzentration geachtet, um Zahnschäden zu vermeiden. "Die Einhaltung solcher Qualitätsanforderungen dürfte beim Herstellen unter häuslichen Bedingungen kaum zu gewährleisten sein", meint Zimmer.

Alternative Bürsten

Ein weiterer Inhaltsstoff gängiger Zahnpasten sind Schaumbildner: Sie verbessern die Reinigungswirkung und sorgen außerdem für ein Frischegefühl. Dadurch motivieren sie dazu, die Zähne länger und damit besser zu putzen. Darüber hinaus zeigen Studien, dass Schaumbildner die Gesundheit des Zahnfleisches fördern. Eine Konzentration von zwei Prozent sollte dabei allerdings nicht überschritten werden.

"Auf alle diese wichtigen Wirkungen sollten Sie nicht verzichten. Von den kursierenden Rezepten zum Selbermachen von Zahnpasta ist nach dem anerkannten Stand des Wissens keine Wirksamkeit zu erwarten", fasst Zimmer zusammen. Auch von alternativen Zahnbürsten aus Naturprodukten wie Miswak, den Ästchen des Zahnbürstenbaumes, hält der Mediziner wenig. Mit ihnen lassen sich ihm zufolge nicht nur die Zähne nur unzureichend reinigen. Sie seien auch hygienisch bedenklich, weil sie Schlupfwinkel für Bakterien, Viren und Pilze bieten.

Miswak
Miswak-Zahnbürsten, hergestellt aus einer Knospe oder einem Wurzelstück des Zahnbürstenbaumes, werden als Alternative zu den üblichen Kunststoffprodukten beworben.

Hersteller in der Pflicht

Gleichwohl halten Zimmer und seine Kollegen das Ziel der Plastikreduktion für ein wichtiges gesellschaftliches Anliegen, wie sie betonen. "Wir fordern daher die Hersteller von Zahnpasten auf, auf alternative Verpackungen aus nachwachsenden Rohstoffen oder zumindest recyclebaren Grundstoffen umzustellen", konstatiert Zimmer.

Um Mikroplastik in der Zahnpasta müssen sich Verbraucher hierzulande übrigens keine Sorgen machen. Waren in einzelnen Produkten früher tatsächlich winzige Plastikpartikel als Abrasivstoffe enthalten, wurde in diesem Punkt inzwischen umgedacht. Aktuell gibt es in Deutschland keine Zahnpasta mehr zu kaufen, die Kunststoff enthält.

DAL, 21.06.2019
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