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EPO – Dopingmittel oder Medikament?

EPO (Erythropoetin) ist ein körpereigenes Wachstumshormon und in Sportlerkreisen als Dopingmittel bekannt. Doch hat es auch positive medizinische Effekte? Wissenschaftler haben jetzt positive Effekte von EPO bei schweren Sars-CoV-2-Verläufen gefunden. Doch wie sollte ausgerechnet ein Wachstumshormon gegen die Symptome des neuartigen Coronavirus helfen? Wir erklären, welche Wirkung EPO bei einer Erkrankung entfalten kann.

 Kalottenmodell des EPO-Moleküls
Kalottenmodell des EPO-Moleküls

EPO hat als Wachstumshormon eine blutbildende Wirkung, genauer fördert es die Bildung roter Blutkörperchen. Da Patienten bei schwereren Sars-CoV-2-Verläufen unter Sauerstoffmangel leiden und die roten Blutkörperchen für den Sauerstofftransport im Organismus zuständig sind, drängt sich der Verdacht auf, dass EPO diesbezüglich Wirkung zeigen kann. Tatsächlich kommt das Wachstumshormon in der Medizin schon länger zur Behandlung von Blutarmut zum Einsatz.

Das Wirkspektrum von EPO

Als Wachstumshormon ist EPO an zahlreichen Prozessen beteiligt, die zur Gesunderhaltung und Leistungsfähigkeit des Körpers beitragen. Der Körper schüttet es zum Beispiel bei einem Aufenthalt in sauerstoffärmerer Höhenluft aus, um die Versorgung des Organismus, insbesondere von Gehirn und Muskeln, sicherzustellen. Zusätzlich trägt es zur Regulierung des Atmungszentrums im Gehirn bei, was ebenfalls der Sicherstellung der Sauerstoffversorgung dient. Wie Studien ergaben, sind die Aufgaben aber noch wesentlich vielfältiger: Das Wachstumshormon fördert die Neubildung und Vernetzung von Nerven- und Gehirnzellen - Vorgänge, die überwiegend im Schlaf stattfinden. Weiterhin ist eine hemmende Wirkung auf entzündungsfördernde Botenstoffe bekannt, was eine überschießende Immunreaktion lindern kann: Bei Diabetikern kommt der Wirkstoff aufgrund der Entzündungshemmung zur Verbesserung der Wundheilung zum Einsatz.

Hinweise auf positive Effekte bei Sars-CoV-2

Forscher des Max-Planck-Instituts für experimentelle Medizin ergründen, ob EPO als wirksames Medikament bei Sars-CoV-2 geeignet sein könnte. Hinweise darauf gibt es bereits. Im März wurde einem schwer kranken Patienten im Iran mit schlechten Blutwerten EPO verabreicht. Das Ergebnis: der Patient erholte sich erstaunlich schnell von den Folgen der Erkrankung.. Auch Dialyse-Patienten erhalten gelegentlich das Wachstumshormon. Wie Fallstudien ergaben, erholen sich ausgerechnet mit Sars-CoV-2 infizierte Dialyse-Patienten ebenfalls schneller als üblich. Das betrifft nicht nur die Genesung selbst, sondern auch die langfristige Regeneration und die Linderung von Spätfolgen.

Randomisierte Studien sollen Klarheit bringen

Seitens des Max-Planck-Instituts ist eine klinische Studie an schwer erkrankten Covid-19-Patienten vorgesehen. Die Forscher versprechen sich, kritische Verläufe durch EPO mildern zu können. Möglich wäre neben einer verbesserten Atemfunktion und Sauerstoffversorgung eine Abschwächung neurologischer Begleiterscheinungen sowie einer überschießenden Immunantwort, dem sogenannten Cytokinsturm. Ebenso erhoffen sich die Forscher einen vorbeugenden Effekt gegenüber Lungenödemen, Zell- und Gewebeschäden.

Ein wesentlicher Vorteil von EPO ist, dass es keinen Patentschutz mehr auf den Wirkstoff gibt. Das erschwert zwar die Finanzierung aussagekräftiger Studien, eine Therapie mit EPO wäre aber verhältnismäßig kostengünstig.

Redaktion wissen.de, 20.07.2020
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