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"Ein Stück Mauer habe ich nicht"

oder Mein 9. November 1989

Vor 30 Jahren fiel die Mauer und mit ihr auch der "Eiserne Vorhang", der Deutschland zerschnitt. Aus diesem Anlass haben wir Menschen aus der ehemaligen DDR befragt, wie sie den Zeitenwechsel erlebt haben. In dieser Folge stellen wir Ihnen in Dresden geborene Andrea W.* vor, die heute in der Nähe von München lebt. Beim Fall der Mauer war sie 14 Jahre alt. Hier ist ihre Geschichte.

Wie haben Sie den 9. November 1989 erlebt?

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DDR-Reisepass
Zum Zeitpunkt des Mauerfalls war ich 14 Jahre alt und habe zu Hause – vor dem Fernseher – davon erfahren. Die ganze Tragweite des Mauerfalls war mir allerdings zum damaligen Zeitpunkt nicht wirklich bewusst. Das aber etwas ganz besonderes passiert war, habe ich an den Reaktionen und der Freude bei meinen Eltern und in der Familie erlebt. Sie waren überglücklich und wir Kinder haben uns einfach mitgefreut. Seit Tagen hatten die Eltern unmittelbar nach der Arbeit den Fernseher eingeschaltet, um die Nachrichten des Tages genau zu verfolgen. Ausgenommen Montags – da waren sie bei den Demonstrationen in Dresden. Uns Kindern hatten sie es allerdings verboten auf die Demonstrationen zu gehen, da immer bewaffnete Volkspolizei vor Ort war und man nicht wusste, ob diese evtl. doch eingreifen würden.

* Name von der Redaktion geändert

 

War Ihnen klar, dass die Entwicklungen des 9. November der Anfang vom schnellen Ende der DDR sein würde?

Wir hatten auf ein schnelles Ende der DDR gehofft, besonders meine Eltern, da sie es zu DDR-Zeiten nicht ganz einfach hatten. Man muss aber auch sagen, dass unsere Eltern die Schwierigkeiten der DDR möglichst immer von uns Kindern so gut es ging ferngehalten hatten und da ich in meiner Kindheit sehr viele Dinge nicht kannte, habe ich auch diese Sachen nicht vermisst. Viel bewusster haben natürlich die Erwachsenen das System miterlebt und durchleben müssen.

 

Gab es denn so etwas wie Zukunftsangst?

Zukunftsangst hatte ich nicht. Ich war optimistisch und voller Spannung, was weiter passieren wird.

 

Wie haben sich Mauerfall und Vereinigung auf Ihr weiteres Leben in den vergangenen 20 Jahren ausgewirkt?

Der Mauerfall hat sich extrem positiv auf mich ausgewirkt! Ich lebe seit meinem 16. Lebensjahr in München und bin hier sehr glücklich. Ich habe eine Ausbildung absolviert und danach eine Stelle in einer Firma gefunden, in der ich seit 15 Jahren angestellt bin. Mein Mann – ebenfalls aus Dresden – und ich haben zwei kleine Kinder. Momentan bauen wir ein Haus, was zu DDR-Zeiten so nie möglich gewesen wäre. Uns geht es ausgesprochen gut, wir reisen viel und genießen das Leben in vollen Zügen.

 

Keine Ostalgie?

Nicht wirklich (grinst). Nur bei Kleinigkeiten kommen noch "Ostalgiegefühle" auf, etwa wenn man eine alte Zeitschrift in den Händen hält (Bummi, Mosaik-Heft oder auch Süßigkeiten z.B. die Schlagersüßtafel). Auch hat sich das "Sandmännchen" sehr bewährt. Das sind meine Kindheitserinnerungen, die ich auch nicht missen möchte! Auch zu meiner ehemaligen Schulklasse besteht noch ein enger Draht.

 

Was war das emotionalste Ereignis für Sie in den Jahren 1989 und 1990?

Ganz klar, der erste "Westbesuch", und der fand in West-Berlin statt. Wir fuhren etwa eine Woche nach dem 9. November nach Berlin und parkten mit unserem Trabi etwas außerhalb auf einem extra angelegten Parkplatz. Von dort ging es mit der S-Bahn weiter. Unser Essen hatten wir in der Hektik und der Vorfreude auf den Westen im Auto vergessen. Wir sind durch die Straßen spaziert und kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Viele bunte, schön gestaltete Schaufenster – die wir so noch nie gesehen hatten -, Blumenläden, die ihre Blumen in Töpfen vor dem Laden aufgestellt hatten. Wir wunderten uns, dass es so viele Blumen und verschiedene Arten zu dieser Jahreszeit überhaupt gibt. Dann fuhren wir das erste Mal im Doppelstockbus. Ganz genau habe ich noch den wunderbaren Duft im Supermarkt in der Nase. Und die vollen Regale! Fremde Menschen standen am Straßenrand und verteilten Kaffee, Tee und Kuchen. Das Begrüßungsgeld haben wir übrigens nicht ausgegeben, da es nicht sicher war, ob die Mauer doch wieder geschlossen würde und wir das "Westgeld" später für Notfälle oder Medikamente besser hätten gebrauchen könnten. Das Einzige, was wir vier uns von dem Geld leisteten, war eine "Müller-Milch" in den Geschmacksrichtungen Schokolade und Erdbeere und ich werde nie vergessen, wie sehr "schokoladig" diese Milch geschmeckt hat. Einmalig! Übrigens, habe ich seitdem nie wieder eine Müller-Milch gekauft (lacht)! Ich kann mich auch noch erinnern, dass meine Mutter nach einer Weile zu weinen anfing. Damals habe ich das nicht wirklich verstanden, ich freute mich riesig und fand alles einfach nur toll! Nach dem Besuch waren wir alle ziemlich geschafft und teilweise auch mit den neuen Eindrücken etwas überfordert.

 

Und die alten "Genossen"?

Ausgerechnet unser Schuldirektor, der ein überzeugter SEDler und DDRler war und uns immer gepredit hatte, wie schlecht und böse der "Westen" doch sei, leistete sich als erster ein "Westauto"! Gegönnt hat es ihm keiner.

 

Haben Sie ein Stück Mauer bewahrt?

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Die Gebote der Jungpioniere
Ich habe meine alten Pionierausweise, den DDR-Ausweis und diverse Schulbücher aufgehoben. Weiter liegt noch etwas "Hartgeld" aus DDR-Zeiten zuhause. Ein Stück Mauer fehlt in der Sammlung...

 

Wie bewerten Sie den aktuellen "Stand" der Vereinigung? 

Besonders schlimm finde ich, dass nach bald zwanzig Jahren noch immer so stark zwischen West und Ost unterschieden wird und auch die Bezahlung für einen gleichen Job im Osten oft niedriger ist. Eine Zeit lang war es mir unangenehm zu sagen, dass ich aus Dresden komme, obwohl das ohnehin jeder hört! (lacht) Ich hätte mir gewünscht, dass die ehemaligen DDR-Regierungsmitglieder und die Stasi-Mitglieder härter bestraft worden wären. Letztere hätten sich zumindest bei ihren Opfern für ihre Taten entschuldigen und Rechenschaft ablegen müssen. Leider ist vielen dieser Leute nichts weiter passiert und sie führen heute ein schönes Leben. Zum Teil haben sie nicht mal ein schlechtes Gewissen.

Ich bin sehr froh, dass die Wende gekommen ist und wir es so miterleben durften und jetzt in einer besseren Zeit leben können, mit wesentlich geringeren Problemen und einem hohen Luxus. Das ist mir sehr bewusst und wir genießen das Leben – mit all den Kleinigkeiten - sehr! Eine Mauer im Kopf habe ich zum Glück nie empfunden. Und so soll es auch bleiben.

aus der wissen.de-Redaktion
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