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Die Helden meiner Tochter

Was fasziniert Kinder eigentlich an Rittern, Hasen und Lokführern?

Erster Teil des Versuchs über ein Thema, von dem Erwachsene nichts verstehen: die Serienhelden von Kinderbüchern.

Es gibt Menschen, die sind morgens tatsächlich fröhlich. Viel mehr noch aber irritiert mich, dass sie immer in einem der Autos sitzen, die neben mir an der Ampel halten. Ich sehe dann, wie die Superfröhlichen mit den Fingern auf dem Lenkrad den Takt der Musik mittrommeln, die aus dem Radio kommt. Manchmal singen sie auch mit oder wippen mit den Köpfen und ich stelle Theorien auf, was da wohl gerade läuft nebenan. Ich denke, dass das vielleicht Shakira ist. Dann denke ich noch mit ununterdrückbarer Verachtung, dass ich einen viel besseren Musikgeschmack habe. Aber dann wird dieses erhebende Gefühl, dass man irgendwie doch nicht zu der breiten Masse gehört, mit der man sich gerade stadtwärts quält, von einem Neid zerstört, der sich einfach nicht ausblenden lässt: Eigentlich würde ich auch am liebsten irgendetwas im Radio hören. Sogar Shakira. Das geht aber nicht. Ich kann morgens nicht Radio hören. Ich kann auch morgens keine CD einlegen, denn der Schacht ist schon besetzt. Ich bin morgens verdammt. Verdammt zu Ritter Rost.

Ritter Rost ist im Augenblick der wichtigste Mann im Leben meiner Tochter. Sie heißt Lilly und ist vier Jahre alt. Unsere Beziehung ist – aus ihrer Sicht – sehr einfach: Ich mache, was sie will. Sie weiß nicht, dass ich sie morgens umbringen könnte. Wenn Sie Kinder haben, dann verstehen Sie, wie das jetzt gemeint ist. Wenn Sie noch keine Kinder haben, lesen Sie erst mal weiter, weil Sie dann ein ziemlich präzises Bild davon bekommen, was Sie in Zukunft in den Wahnsinn treibt. Ich weiß nicht, wie die Figur heißen wird, die Ihnen eines Tages den Nerv und einen beträchtlichen Teil Ihres Einkommens rauben wird. Ich kann Ihnen aber verraten, wer im Augenblick die üblichen Verdächtigen sind. Bei uns zu Hause handelt es sich neben dieser Blechbüchse um einen Hasen namens Felix, die Prinzessin Lillifee, den schwarzen Lokomotivführerlehrling Jim Knopf und ein ganz komisches Vieh, das Grüffelo heißt. Denken Sie jetzt nicht: »Na und, das wird schon.« Es wird, aber teuer und anstrengend. Aus pädagogischer Sicht zum Beispiel ist diese kleine Liste nicht gerade das Gelbe vom Ei. Für den Hasen ist meine Tochter eigentlich zu klein, der Jim Knopf ist didaktisch überholt und die Prinzessin ist ein geschicktes, »zielgruppengenaues« Marketingprodukt, das politisch korrekte Freunde gewöhnlich strikt ablehnen. Sie sollten wissen, dass der Markt für Kinderbücher, Kindermusicals, Kinderfilme, Kinder-CDs und so weiter wie alle Märkte von Experten beherrscht wird. In diesem Fall gibt es aber noch mehr Experten als, sagen wir mal, deutsche Fußballbundestrainer, die nicht Klinsmann heißen. Es handelt sich dabei um: 1. Mütter. 2. Schwiegermütter. 3. Freundinnen der Mütter mit Kindern. 4. Engagierte Freundinnen, die erst noch Mütter werden wollen. 5. Engagierte Verkäuferinnen in Buchläden. 6. Engagierte Erzieherinnen in Kindergärten. Ich lasse hier mal die Experten der Stiftungen und Schulen, der Universitäten und der Marketingabteilungen in den Verlagen weg, weil man den direkten Kontakt mit ihnen als Vater gewöhnlich vermeiden kann. Den anderen aber entkommt man nicht.

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Text: Walter Drechsel; Foto: Daniel Roth
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