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Die Geschichte der Volkstrachten in Deutschland

Jugendliche mit Trachtenkleidung
Die Trachten, die heute als Festtagskleidung getragen werden, entstanden ursprünglich als Alltags- und Arbeitskleidung.
Die ersten Volkstrachten waren am Ende des 18. Jahrhunderts zu sehen. In ganz Europa, das damals noch aus vielen kleinen und unabhängigen Teilen bestand, diskutierte man über die Einführung von Nationaltrachten. Mit der Französischen Revolution und den deutschen Befreiungskriegen wurde die Idee eines Volkstums immer präsenter. Die Menschen sollten sich durch volkstümliche Kleidung stärker mit dem Land identifizieren und ihren Volkssinn stärken. Unabhängig von launischen Moden sollte eine ganze eigene Volkstracht gefunden werden, die auch nur von den Bewohnern des entsprechenden Landes getragen werden durfte. Diese Haltung war insbesondere antifranzösisch geprägt, denn nur mühsam hatte man Napoleon in Leipzig geschlagen und so die französische Herrschaft über Teile Deutschlands beendet.

Trachtenkleidung als Verortung des Selbst und Rückbesinnung auf alte Werte

Als erstes sichtbares Zeichen gegen den napoleonischen Lebensstil und die französische Mode wurde die altdeutsche Tracht entwickelt. Die Idee einer Volkstracht als Teil der von der Moderne unberührten Volksüberlieferung diente der Stärkung einer nationalen Identität und erlebt heute im 21. Jahrhundert einen deutlichen Aufschwung. Während ein Teil der Bevölkerung die Nationaltracht in den letzten 100 oder 150 Jahren ganz selbstverständlich weiter getragen hat, sind es Strömungen wie die Globalisierung und Europäisierung, die andere zu einer Rückbesinnung auf traditionelle Werte und altes Kulturgut führen.

Trachten sind „in Mode“

Schaut man sich große Veranstaltungen wie das Oktoberfest in München an, ist die traditionelle Kleidung heute absolut salonfähig. Stars und Sternchen zeigen sich ebenso in Dirndl & Co wie einfache Bürger. Die bekanntesten Trachten stammen aus Bayern, werden jedoch mittlerweile in ganz Deutschland getragen. Ob zu einer besonderen Hochzeit oder bei einem der adaptierten Oktoberfeste, die ebenso in Niedersachsen oder im Ruhrpott stattfinden. Doch nicht jedem reicht es, die spezielle Kleidung nur zu wenigen Gelegenheiten tragen zu können. Doch will man im Alltag in der Ledernen herumlaufen? Eigentlich genügt schon ein kleines modisches Detail wie eine Trachtenweste, um sich im klassischen Stil angezogen zu fühlen. Diese macht natürlich auch als Ergänzung zu einem zünftigen Wiesn-Outfit Sinn, aber eben nicht nur.

Trachten gibt es nicht nur in Bayern

„Den Deutschen“ stellt man sich im Ausland gern in Lederhose oder Dirndl vor. Natürlich greift das etwas zu kurz, doch wie viele Deutsche wissen schon, welche Arten von Trachten bei ihnen in der Umgebung getragen wurden? Im Höchstfall gibt es einen Heimatverein oder Trachtenverein, wobei dieser – anders als in Bayern – meist ein eher staubiges Image hat.

Natürlich brauchen wir Trachten nicht mehr, um unseren sozialen Status, unseren Trauerstatus, unsere wirtschaftlichen Umstände oder die Zugehörigkeit zu einer Dorfgemeinschaft zeigen zu können. Ganz im Gegenteil ist heute in Kleidungsfragen eher eine gewisse Konformität en vogue. Dennoch ist es spannend zu erfahren, welche Volkstrachten in der eigenen Umgebung getragen wurden – einmal abgesehen von beruflicher Zunftkleidung und den Uniformen der Schützen. Wir haben einen Überblick:

Trachten nach Region

Hessen

In Hessen wurden von den Frauen häufig schwarze Trachten mit bunten Applikationen getragen. Sie zählen zu den ältesten Trachten in ganz Deutschland und waren besonders häufig in Marburg und in der Schwalm zu sehen. Ab 1772 gab es hier eine Kleiderordnung, die vorschrieb, dass nur Kleidung aus regionalen Materialien getragen werden sollten. Die Hugenotten allerdings, die als französische Glaubensflüchtlinge in der Region angesiedelt waren, brachten aufgrund ihrer Handelsprivilegien etwas mehr Farbe und andere Materialien in die das typische Aussehen der Trachten ein.

Niedersachsen

Hier haben besonders viele Regionen ihre ganz eigenen Trachten entwickelt. Neben dem Alten Land sind das unter anderem Scheeßel, Braunschweig, Schaumburg und Winsen. Jede Tracht ist etwas Besonderes und individuell verschieden. Schwarz-weiß Kontraste, Blumenmuster und natürliche Farbtöne spielten eine besonders große Rolle. Besonders aufwendig gearbeitet sind die Hochzeitstrachten. Hier trugen die Frauen Kopfbedeckungen, die mit unzähligen kleinen Blüten verziert waren.

Bayern

Die typischen Bestandteile der bayrischen Tracht sind auf der ganzen Welt bekannt, also Dirndlkleid, Lederhose, Gilet, Joppe, Strümpfe und Schuhe. Es gibt jedoch eindeutige regionale Unterscheidungen zwischen den Trachten einzelner Gebiete, was weniger bekannt ist. Im Grunde sind es aber nur Details, die den Unterschied machen. So tragen die Frauen aus Isarwinkel etwa einen grünen Velourshut mit einem kleinen Gamsbart und ein Schultertuch mit Fransen; in Berchtesgaden hingegen gehört der runde „Berchtesgadener Frauenhut“ mit gelegter Kordel und Goldquasten zur authentischen Kleidung. Die allseits bekannte bayrische Tracht stammt übrigens aus Miesbach. Sie entstand um 1900 im Zuge der Verbreitung der Trachtenvereine.

Brandenburg

In Brandenburg waren viele Trachtengebiete zu finden, allerdings trägt heute kaum noch jemand die spezielle Kleidung, allenfalls zu einer historischen Veranstaltung. Zeitgenössische Malereien zeigen die Frauen mit einem roten Wollrock, einer kurzen weißen Schürze, einem schwarzen Mieder und einem Hemd mit Rüschenkragen. In der Region gab es auffällige, mit Pappe versteifte Kopfbedeckungen. Die Männer trugen oft Mäntel, die an Uniformmäntel angelehnt waren.

Fazit

Die einzige Region in Deutschland, in der das Tragen von Trachten heute noch zum Alltag gehört, ist Bayern. Die eigentlich aus Miesbach stammende Tracht wird auch in anderen Regionen Deutschlands getragen, jedoch nur zu bestimmten Anlässen. In Bayern ist sie teilweise auch im täglichen Leben, abseits von Veranstaltungen, noch zu sehen. In den anderen Regionen Deutschlands haben Trachten in der Regel keine Bedeutung mehr.

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